Ist „Leichtes Deutsch“ wirklich einfach? Die Komplikationen der deutschen Sprache.

Im Internet findet man oft Seiten, die eine Version „Einfaches Deutsch“ oder „Leichtes Deutsch“ anbieten. Man sollte meinen, dass diese Versionen für DaF-Lerner besonders geeignet sind (DaF = Deutsch als Fremdsprache).

Aber leider sind diese Seiten in ‚einfacher‘ Umgangssprache für Zweitsprach-Lerner eine Enttäuschung: sie verstehen meist noch weniger als auf der Originalseite, obwohl dort neben komplizierteren Sätzen auch häufig Fremdwörter benutzt werden.
Für Daf-Zwecke ist nämlich gerade der Mangel an Fremdwörtern in der ‚einfachen‘  Sprache ein Handicap, weil diese Ausdrücke dem Ausländer das Verständnis oft sehr erleichtern.

Warum ist das ‚Einfache Deutsch‘ gar nicht so einfach?

Das Deutsche hat zwei ziemlich unterschiedliche Sprachregister, die Schriftsprache und die gesprochene Sprache. Das ist zwar bei praktisch allen Sprachen der Fall, aber im Deutschen sind die lexikalischen und grammatikalischen Unterschiede sehr ausgeprägt.

a) Die Umgangssprache (die informelle oder gesprochene Sprache) wird von den Deutschsprechern als  „einfaches Deutsch“ betrachtet: man benutzt kurze Sätze, mit nur wenigen Nebensätzen; das Vokabular ist einfach, und ohne Fremdwörter aus romanischen Sprachen wie dem Lateinischen, und überhaupt eher unspezifisch. Statt präziser Ausdrücke nimmt man häufig Wörter wie „das Ding da“ und einfache Verben wie „machen“.
Leider sind es aber gerade die Fremdwörter, die spanischsprechende Deutschlerner besonders gut verstehen!

Das größte Problem für Deutschlerner sind allerdings die trennbaren Verben, die im „einfachen Deutsch“ noch häufiger benutzt werden als in der Schriftsprache!

Diese Trennverben bestehen aus einer Vorsilbe (Präfix, meist eine Präposition) und einem Verb, wie z. B. „ausmachen“, „anmachen“, „runterladen“ oder „aufladen“.
Im Infinitiv, in Partizipien und in Nebensätzen ‚klebt‘ das Präfix am Verb, aber in Hauptsätzen trennen sich die beiden oft und das Präfix steht plötzlich ganz alleine am Ende des Satzes!!!!
„Ich mache nur noch  schnell den Computer aus„, sagt man dann. Für deutsche Muttersprachler ist das nicht schwierig, weil sie aus dem Kontext schon erkennen/erraten, wie das Wörtchen am Ende des Satzes wahrscheinlich heißen wird.
Für Ausländer jedoch sind diese Verben ein Riesenproblem: erstens erwarten sie nicht, dass eine so wichtige Information in einem kleinen Wort versteckt ist, und noch weniger, dass dieses Wörtchen einsam am ENDE des Satzes steht! Das Miniwort wird dann normalerweise einfach ignoriert, und der Satz wird nicht richtig verstanden.
Um diese trennbaren Strukturen einigermaßen verstehen zu können, muss man erst einmal um ihre Existenz wissen – denn die meisten Sprachen kennen so etwas nicht-, und sie dann längere Zeit bewusst einüben… und die Mehrzahl der deutschen Muttersprachler ahnen nichts von ihrer Existenz!

Diese syntaktische und weitere Komplikationen der deutschen Sprache, die kein Muttersprachler ohne entsprechende Ausbildung bewusst wahrnimmt, beschreibt der empfehlenswerte Artikel von Ingrid Weis über Deutsch als Zweitsprache im Mathematikunterricht der Grundschule. Die ausführlichen Beispiele zeigen deutlich, wie die sprachlichen Eigenheiten des Deutschen, insbesondere seine befremdlichen Satzbauregeln,  den zugewanderten Schülern das Lernen erschweren:

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/wie_viel_sprache_mathematik_grundschule.pdf

 

Eine weitere Charakteristik der Umgangssprache ist der Gebrauch des Perfekts, um Vergangenes zu erzählen.
Wenn man sich unterhält, sagt man „Der Bürgermeister von Wesel  hat sich einen neuen Esel gesucht“ (Perfekt), aber in einer Erzählung oder in der Zeitung liest man „Der Bürgermeister von Wesel suchte sich einen neuen Esel“ (Imperfekt).

Im Gegensatz zum Imperfekt, das in der Schriftsprache benutzt wird, ist das Perfekt eine zusammengesetzte Zeit, die aus einem Hilfsverb und einem Partizip besteht.
Und dieses Partizip kommt auch oft erst am Ende des Satzes: „Ich habe gestern mit meiner Freundin in einer Disco getanzt„.
Diese Tendenz des Deutschen, wichtige Information erst ganz am Ende des Satzes mitzuteilen, erschwert Ausländern das Verständnis sehr.

 



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b) Die Schriftsprache, das „schwierige Deutsch“ hat dagegen gewisse Vorteile. Die Sätze sind zwar oft lang und komplex (Nebensätze), aber das Vokabular ist meist präziser, öfters international verständlich, und die trennbaren Verben sind nicht ganz so häufig. Statt „aufmachen“  und „zumachen“ sagt man „öffnen“  und „schließen“, an Stelle von „anfangen“ benutzt man „beginnen“ usw.

Auch statt der schwerfälligen zusammengesetzten Verbzeiten der Vergangenheit im Perfekt (‚Sie sind letztes Jahr nach Spanien gefahren‚ ) verwendet man in der Schriftspache das einfach verständliche Imperfekt (‚Sie fuhren letztes Jahr nach Spanien‘).

Die meisten DaF-Lehrwerke berücksichtigen auch heute noch mehr die formelle Standardsprache, die der Schriftsprache ähnlich ist: darum fällt es Ausländern meist sehr schwer, Unterhaltungen in normaler Umgangssprache zu verstehen – selbst wenn sie schon längere Zeit Deutsch lernen!

Aus diesen Gründen ist „einfaches Deutsch“  für DaF-Lerner nicht so einfach, wie die meisten deutschen Muttersprachler annehmen. Sie versuchen, Ausländern gegenüber ‚einfache‘, leicht verständliche Strukturen und Wörter zu gebrauchen und ahnen nicht, dass sie ungewollt das Gegenteil erreichen.  Und woher sollten sie es auch wissen?  Denn bisher wurden diese Eigenarten der deutschen Sprache in deutschen Schulen nicht im Unterricht thematisiert: sie scheinen so selbstverständlich zu sein, dass man sie gar nicht bemerkt …

 

Jetzt fragt man sich vielleicht: welchen Sinn hat es, sich Gedanken darüber zu machen, ob die Deutschen die Schwierigkeiten ihrer Sprache kennen?

In der heutigen Zeit, in der Hunderttausende von Flüchtlingen und Asylsuchenden aus Krisengebieten nach Europa strömen, wollen bzw. müssen viele von ihnen so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, sei es, um sich in die neue Umgebung zu integrieren oder um ihren Kindern dabei zu helfen, ihren Weg in einem fremden Schulsystem zu finden.
Die Aufnahmestaaten verfügen oft nicht über ausreichende Mittel und Personal, um allen Zuwanderern sofort einen Platz in einem Sprachkurs anzubieten, während sie darauf warten, als Asylsuchende anerkannt zu werden.

Darum bieten sich viele solidarische Mitbürger als ehrenamtliche Deutschlehrer an. Diese positive Initiative kann leider leicht im Frust enden: die „Lehrer“ -perfekte Muttersprachler, die sich aber der konkreten Schwierigkeiten der eigenen Sprache nicht bewusst sind-  verstehen nicht, warum die Schüler nicht vorankommen, obwohl sie viel mit ihnen sprechen, und noch dazu in einfachem Deutsch
Hier hilft nur, sich eingehend mit der Sprache und ihrer Grammatik zu befassen, und sich einen Überblick zu verschaffen, wo die Hauptprobleme der DaF-Lerner liegen.

Dieselbe Erfahrung betrifft viele Lehrer, die sich bemühen, ihr Fach zugewanderten Schülern begreiflich zu machen. Sie brauchen dringend Unterstützung in Form von Weiterbildungskursen in DaF, um die Eigenarten der eigenen Sprache kennenzulernen und damit auf die zu erwartenden Schwierigkeiten vorbereitet zu sein. So können sie die sprachlichen Probleme bewusst angehen und den Kindern die Integration und das schulische Vorwärtskommen erleichtern.

 

2 Kommentare

  1. Danke für die Information, ich habe über einen „Einfaches Deutsch- Kurs nachgedacht, wer will keine Sprache mit der Vorstellung lernen, dass sie einfach ist? Da ich bereits 3 Sprachen spreche, von denen eine Französisch ist, bin ich mir ziemlich sicher, dass das Weglassen der Fremdwörter aus lateinischen Sprachen in meinem Fall frustrierender als hilfreich sein wird.

  2. Vielen Dank für deinen Kommentar, Jade! Du hast völlig Recht, für die meisten DaF-Lerner sind die Fremdwörter -besonders aus dem Lateinischen, die man auch über Englischkenntnisse erschließen kann- ein wahrer Segen!

    Mein Beitrag über ‚leichtes Deutsch‘ sollte genau auf diese Problematik hinweisen: was Deutsche als ‚einfache‘ Sprache ansehen, stimmt nicht mit den Bedürfnissen der DaF-Lerner überein.

    In der spanischen Version dieses Beitrags erwähne ich die Nützlichkeit der Fremdwörter gleich zu Beginn des Artikels, doch leider ist mir die entsprechende Feststellung in der deutschen Fassung irgendwie abhanden gekommen: „Der Mangel an Fremdwörtern in der Umgangssprache (die von deutschen Muttersprachlern -verglichen mit der gehobenen Sprache- als ‚einfach‘ empfunden wird) ist ein Handicap für Ausländer, denen gerade diese Ausdrücke das Verständnis sehr erleichtern.“ Ich werde sie gleich oben einfügen!

    Ich denke, als Lehrer sollten wir jedes Mittel begrüßen, dass den Lernenden dabei hilft, eine so schwierige Sprache wie das Deutsche zu erwerben.
    International bekannte Fremdwörter zu benutzen erleichtert den DAF-Lernern das Verständnis ungemein, da es das Vorwissen der Schüler miteinbezieht und der Frustration entgegenwirkt.

    Deine Idee, einen ‚einfachen‘ Deutschkurs anzubieten, finde ich ausgezeichnet. Es wäre sehr interessant, wenn du hier von deinen Erfahrungen berichten könntest!!!!!

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