Patmos 1991
Das Kirchlein am Wege – Eine Malskizze

In Patmos arbeitete ich 1991 für ein Reiseunternehmen, das einen griechisch sprechenden Künstler und Maler gesucht hatte.
Als meine jüngste Tochter Isabel nach dem Studium auf dem Stellenmarkt der ZEIT nach einem passenden Job suchte, wurde sie für mich fündig. Ich hatte zwar nichts gesucht -war ich doch eingedeckt mit Mann, Familie und als Künstlerin- doch Isabel ließ nicht locker: „Du passt genau zur Stellenbeschreibung“.
Darum rief ich einfach an und bekundete mein Interesse. Wann ich mich vorstellen wolle, fragte die Chefin, die mein Gespräch mit Spannung anhörte. „Morgen, wenn Sie möchten.“, sagte ich. Und so lud sie mich für den folgenden Tag nach Bonn ein – und engagierte mich auf der Stelle. Ich musste einige Annoncen verfassen und darin die Aktivitäten beschreiben, die ich am Ort anbieten wollte, für das neue Programmheft. Das tat ich postwendend, und also ging es im Frühjahr nach Patmos, das ich schon kannte.
Mein Mann und ich hatten seit dem Zusammenbruch des Obristensystems in Griechenland jedes Jahr einige Wochen dort verbracht. Auch die Kinder fuhren einmal zu dritt mit nach Kreta. Wir kannten darum schon fast alle Inseln und auch Teile des Festlandes.
Nun aber war ich ganz auf mich alleine gestellt: ich bot drei Kurse an: in Malerei, Skizzenzeichnen und Wandern, sowie Wandern, Kultur und Botanik.
Wer sich von meinen im Programm angekündigten Aktivitäten angesprochen gefühlt hatte, reiste an.
Meine Aufgabe war es, die Kursteilnehmer -meist Lehrer und Lehrerinnen- am Schiff in Empfang zu nehmen, zu ihrer Unterkunft zu bringen, die Aktivitäten zu organisieren und zu leiten, und allgemein die Gruppe rundum zu begleiten.
Viele historisch und kulturell interessante Unternehmungen hatte ich für die folgenden 14 Tage vorgesehen: Wanderungen zu einsamen Bergklöstern, deren Nonnen oder Mönche uns ihre Kirchlein zeigten, vorbei an malerischen Stellen, die zum Zeichnen einluden – meist zu Fuß auf mir bereits bekannten Wegen, hinauf durch Berge und Schluchten hinab zum Baden an einsamen Stränden, Ausflüge per Boot in entlegene Ortschaften, und natürlich Einblicke in das griechische Leben mit einheimischem Essen, kulturellen Veranstaltungen …
Gleich am ersten Morgen nach dem Frühstück ging planmäßig die Arbeit los: nach der Einführung brachen wir auf zur ersten Kursveranstaltung, nämlich Patmos zu erkunden.
Wir wanderten den Hang hinauf. Wer Wandern mit Zeichnen gebucht hatte, konnte sowohl die Ausblicke genießen als auch die Pflanzen am Wegesrand kennenlernen. Wir saßen an schönen, ausgesuchten Plätzchen, um zu skizzieren und zu staunen, was Architektur und Natur auf dieser wundersamen griechischen Insel boten. Wir ließen uns Zeit und arbeiteten nicht nach der Uhr.
Dann steuerten wir die „Apokalypse“ genannte Höhle Johannes des Theologen an, auf halber Höhe zum Kloster von Patmos gelegen.
Danach besichtigten wir das mächtige Kloster mit seinen Festungsmauern. 
Im Inneren bestaunten wir die wundervoll ausgemalte, Jahrhunderte alte orthodoxe Kirche mit ihrer großen Ikonostase. Die kunsthistorischen Erklärungen zum Bildprogramm der Ikonostase waren natürlich Teil meines Kursprogrammes.
Im sehenswerten Refektorium erklärte ich der Gruppe die mönchische Kultur des Mittelalters; die gemalte Geschichte erfordert ein Eindenken in die religiösen Streitpunkte des westlichen und des östlichen Kulturkreises.
Fiel gerade eine kirchliche Feier während des Aufenthaltes an, wie zum Beispiel Pfingsten, konnten wir sogar am orthodoxen Gottesdienst und den anschließenden Festlichkeiten teilnehmen und so die einheimische Kultur besser kennen und verstehen lernen.
Wer hier bis zum Ende ausharrte, durfte die Schatzkammer dieses wichtigen Wallfahrtsklosters mit interessanten Höhepunkten erleben. Da gab es das Haupt des Apostels Thomas zu sehen, das jedem Besucher, der als Wallfahrer zum Pfingstfest nach Patmos gepilgert war, gezeigt wurde. Eine ungewohnte Sensation, die man man hier nicht vermutet hätte, es sei denn, man hatte die Geschichte von Patmos vorher studiert.
Von Reliquien erfuhren die Neugierigen an der Grabstätte des heiligen Christodolus, dem Begründer des Klosters, von dem ich schon im Religionsunterricht der Oberstufe durch unseren bewanderten Studienrat gehört hatte.
In der Klosterbibliothek wäre man am liebsten zum Forscher geworden. Und ich dachte mir sofort ein Thema aus. Heutzutage ist sie leider nicht mehr öffentlich zugänglich.
Das Museum barg Teile des Markusevangeliums, geschrieben auf rotem Pergament. Und um den Kursteilnehmern die allgegenwärtigen Ikonen näherzubringen, erklärte ich ihnen deren ikonographische Bedeutung und ordnete sie ein in die Geschichte der byzantinischen Malerei.
So schlug ich einen Bogen über historische und kulturelle Tradition und versuchte zum Verständnis der ganzen Inselgeschichte mein Scherflein beizutragen. Die Eingangspforte des für die Gläubigen heiligen Ortes war ein guter Platz dafür.
Danach bestaunten wir das kreisförmig um die erhabene Klosterfeste angelegte weiße Dorf Chora, eine Fundgrube an archtektonischen Ideen. Bei Vangelis ließen wir uns zum Essen nieder, das man sich damals noch in der Küche aussuchen durfte, wie es früher allgemein üblich war. Dieses Restaurant besuchte ich mit allen Gruppen, denn die Küche, in der vorwiegend Vangelis‘ Frau das Sagen hatte, war im ganzen Archipel bekannt.
Zusammen gingen wir durch die wunderschönen schattigen Sträßchen und Durchgänge und schlenderten wieder bergab, am kleinen Kirchlein vorbei, mit einer Skizze im Buch, in unsere Hotels oder Wohnungen zurück.
Abends trafen wir uns zum griechischen Tanz, den uns der bekannte Tanzlehrer Christodolus auf der Hotelterrasse beibrachte. Danach ging es, immer noch gemeinsam, zum Abendessen, Besprechungen der Mal- oder Skizzenarbeiten inbegriffen.
Es war eine schöne, erfüllte Zeit auf der sonnigen Insel, die rings von Felsen und Meer umgeben ist. Ich werde nie vergessen, wie sehr mich die Arbeit dort forderte, zufriedenstellte und prägte.
Von Tanz und anderen für mich und die Insel wichtigen Ereignissen, auch davon, was Umweltschutz und Recycling für Europa bedeutet, schreibe ich, wenn ich eine wohlfeile Ikone aus Patmos vorstelle, erschaffen während der Zeit auf der Insel.
Nach 14 Tagen kam eine neue Gruppe an, ein neues Programm an Wanderungen und Aktivitäten, von mir gestaltet, begann. Auch sie hatten als erstes Ziel das Kloster als Zentrum der Insel, aber danach fuhren wir mit von mir gecharterten Schiffchen über das Meer zu weiteren schönen Sehenwürdigkeiten. Überall begegneten wir gastfreundlichen Menschen.
Ob das auch heute noch so ist?
Trudl Wohlfeil (1991/2026)


Hohe jahrhundertealte Zypressen ragen in den Himmel, umgarnt von Knöterich, Perückenstrauch und Efeu, die dem satten Grün ein frühlingsfrisches Leuchten bescheren. Die Klostergebäude sind Ruinen, romantisch zerfallende weiße Fachwerkhäuser, die vor dem Wanderer, der durch ein hohes Farnfeld aufwärts steigt und sich mühsam den Weg bahnen muß, aus dem hohen Grün auftauchen. Und er sieht sie nur, wenn er nicht allzu beschäftigt auf seine Füße achtet. Die Kirche ist dann aber nicht zu übersehen. Majestätisch und dennoch bescheiden erhebt sie sich auf einem kleinen Plateau inmitten einer überwucherten Wiese.
machte mich auf die kleine zerfallende Kirche aufmerksam. Während er nach modischem Brauch mit der Mutter inmitten des Kastanienwaldes auf einer sonnigen Fläche Gardenien züchtet, für die man in Athen reißenden Absatz zu erzielen hofft, streifte er im Gelände umher und entdeckte die Nikolauskirche. Kein Wanderer kenne sie, ja würde sie je betreten, sagte er nur. Sie sei alt und zerfallen und dennoch sehenswert, zumal ich eine Malerin sei. Ich dürfe nur keine Angst haben, weil es dort Knochen und Schädel gebe.
Stab noch sonst etwas hatte, am Wurzelwerk des Gebüschs fest. Zum Glück hatte ich die Wanderstiefel an. Nicht weit vom stacheligen Gestrüpp, durch das wir an Felsengestein vorbeistiegen, stand plötzlich vor mir, inmitten einer hohen Wildnis, mit Dornen und Efeu bewachsen, eine kleine graue Mauer.
Das Apsisgewölbe war noch völlig erhalten, die Wandmalereien ließen mich einen Begeisterungsschrei ausstoßen. Die thronende Gottesmutter mit dem Kind schaute in ihrer vertrauten Art aus der Kalotte der Apsis. Ringsum die Wände und erhaltene Bögen des kleinen Kirchenschiffs waren noch bemalt mit alten Fresken, die sich teilweise schon vom ursprünglichen Mauerwerk, auf das sie mit einer Mörtelschicht gemalt waren, absetzten.
insbesondere die des heiligen Nikolaus, Hierarchen und Tetramorphen, wie man sie in vielen byzantinischem Kirchen findet, leuchteten pastellfarben von den Wänden.
Die Gebeine, die in schlichten Weiß auf dem übermoosten eingestürzten Kuppelberg lagen, konnten mich nicht erschüttern. Das waren sicher friedlich dahingeschiedene, redliche Mönche, die hier am Altar ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Ihnen gebührt Respekt und eine stille Grabstätte in dieser Kirche. Aber auch die Malerei sollte nicht dem Verfall preisgegeben werden, solange noch eine Hoffnung besteht, sie für künftige Generationen zu retten.





im Handel eine neue Form und neue Ideen in den gewöhnlichen Alltag bringen.
Daran war nicht nur mein Mann als Historiker beteiligt. Die Tochter studierte in Granada und heiratete später einen Andalusier aus Granada. Auch vielfältige Kunstreisen zu den bedeutungsvollen Stätten Luthers und Vorträge über die Kunst dieser Zeit, auch mit meinem Mann, führten zu mehreren eigenen Ausstellungen im Lutherjahr, 1983 .




