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	<title>Verhältnis Geschichte-Tradition &#8211; Rainer Wohlfeil</title>
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	<description>Geschichte der Frühen Neuzeit - Publikationen</description>
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	<title>Verhältnis Geschichte-Tradition &#8211; Rainer Wohlfeil</title>
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		<title>Kaiser Karl V. &#8211;  Ahnherr der Europäischen Union? Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Tradition</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Wohlfeil]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Mar 2017 06:05:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Frühe Neuzeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil<br>Kaiser Karl V. – Ahnherr der Europäischen Union?<br>Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Tradition<br><br>Anläßlich der deutschen Gedenkfeier zum 400. Todesjahr Kaiser Karls V. im Jahre 1958 hatte Peter Rassow (1889-1961) in seinem Kölner Festvortrag zum Thema ‚Das Bild Karls V. im Wandel der Jahrhunderte‘ in ei­ner Reflexion über historische Legendenbildung gefolgert, „der historische Karl V. eignet sich nicht zur Galli­onsfigur für das Schiff der Europa-Bewegung“. Als beispielhaft für den Versuch, den Kaiser des 16. Jahrhun­derts (1500-1558) als Symbolfigur für die Europa-Idee des 20. Jahrhunderts zu verwenden, hatte er das Buch ‚Emperor of the West‘ von D. B. W. Lewis aus dem Jahre 1932 herangezogen [ … ]<p> <a class="continue-reading-link" href="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/kaiser-karl-v-ahnherr-der-europaeischen-union/"><span>Weiterlesen &#62;&#62;</span><i class="crycon-right-dir"></i></a> </p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;">Prof.em.Dr. Rainer Wohlfeil:</p>
<h3 style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es//RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><strong>Kaiser Karl V. &#8211; Ahnherr der Europäischen Union?  </strong></a></h3>
<h3 style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es//RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><strong>Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Tradition  </strong></a></h3>
<p>&nbsp;</p>
<p>Anläßlich der deutschen Gedenkfeier zum 400. Todesjahr Kaiser Karls V. im Jahre 1958 hatte Peter Rassow (1889-1961) in seinem Kölner Festvortrag zum Thema &#8218;Das Bild Karls V. im Wandel der Jahrhunderte&#8216; in ei­ner Reflexion über historische Legendenbildung gefolgert, &#8222;der historische Karl V. eignet sich nicht zur Galli­onsfigur für das Schiff der Europa-Bewegung&#8220;<a href="#sdendnote1sym"><sup>1</sup></a>. Als beispielhaft für den Versuch, den Kaiser des 16. Jahrhun­derts (1500-1558) als Symbolfigur für die Europa-Idee des 20. Jahrhunderts zu verwenden, hatte er das Buch &#8218;Emperor of the West&#8216; von D. B. W. Lewis aus dem Jahre 1932 herangezogen<a href="#sdendnote2sym"><sup>2</sup></a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-1741" src="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548.jpg" alt="Karl V, Portrait von Tizian 1548" width="500" height="281" srcset="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548.jpg 500w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548-200x112.jpg 200w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548-250x141.jpg 250w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548-150x84.jpg 150w" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" /></a></p>
<p>Als Leitbild für die europäische Einigungsidee &#8211; Vereinigte Staaten von Europa &#8211; im Kontext der politischen Bestrebungen und des Europamemorandums von 1930 des französischen Staatsmannes Aristide Briand (1862-1932) hatte Lewis Karl V. vorgestellt, weil von ihm eine sakrale Kaiseridee verfochten wurde, die unauf­lösbar mit der Einheit der überlieferten römisch-katholischen Christenheit verknüpft war. Christliche Eintracht in ei­nem Glauben war, wie bei Karl, die zentrale These von Lewis als Voraussetzung für einen europäischen Zu­sammen­schluß. Lewis fol­gerte, daß Europa dann zu seiner Einheit zurückfinden werde, wenn alle Christen, die in Religionsgemein­schaften außerhalb der römischen Kirche lebten, zum katholi­schen Bekenntnis zurückkeh­ren würden.</p>
<p>Im Zusammenhang mit seiner Betrachtung hätte Rassow als profunder Kenner der Geschichte des Kaisers<a href="#sdendnote3sym"><sup>3</sup></a> auch die Biographie &#8218;Karl V. Ahnherr Europas&#8216; von Gertrude von Schwarzenfeld (* 1906)<a href="#sdendnote4sym"><sup>4</sup></a> heranziehen kön­nen. Erschienen 1954, entsprach der Buchtitel der Warnung Ras­sows vor falschen Gallionsfiguren. Die Auto­rin ver­trat die Auf­fassung: &#8222;Und es ist wohl auch kein Zufall, daß die Gestalt des letzten großen Kaisers des Abend­landes heute neue Würdigung erfährt: seine Persönlichkeit rückt uns nahe, weil heute die universale Idee in uns wiederer­wacht; sein Scheitern  [ &#8230; ]</p>
<p><span id="more-1551"></span></p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es//RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen  &gt;&gt;  vollständiger Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab  &gt;&gt;]</a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: center;"><em><span style="color: #234567;">Bibliografische Information: <strong>svz78</strong></span></em><br />
<em> <span style="color: #234567;"> Prof.em.Dr. Rainer Wohlfeil: <strong>Kaiser Karl V. &#8211; Ahnherr der Europäischen Union?</strong><br />
<strong> Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Tradition<u>,<br />
</u></strong>in: Festschrift für Hans-Jürgen Goertz zum 60. Geburtstag, Leiden-New York-Köln 1997</span></em><br />
<em> <span style="color: #234567;"> (= Studies in medieval and reformation thought), S. 221 &#8211; 242.</span></em></h6>
<hr />
<p align="JUSTIFY">[ &#8230; ] ergreift uns, weil wir fühlen, daß er für ein Grundprinzip Europas kämpfte. Seine lebens­lange Bemühung, das Umfassende und Allgemeine über das Selbstinter­esse der Teile zu stellen, gewinnt für uns neue Bedeutsamkeit, gilt es doch heute Europa als Ganzheit zusammenzufassen und es erneut an die alten, die ge­meinsamen, die christlichen Werte zu binden.&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc">5</a></sup> &#8211; Die Zeitgebundenheit der Verfas­serin ist damit unüber­sehbar, aber die Bezeichnung ihres &#8218;Helden&#8216; als &#8218;Ahnherr Europas&#8216; dürfte mehr dem wer­bungsbe­zogenen Ver­langen des Verlages als ihrer Intention entsprochen haben, denn eine derartige unmittel­bar ge­genwartsverorte­te Einordnung Karls V. findet sich nicht in ihrer Biogra­phie. Die Verfasserin folgert in ihrem &#8218;Schlußwort&#8216; nur, Karls Miß­lingen ermahne uns, &#8222;die Suche nach dem gemein­samen Wort wiederaufzu­nehmen, es fordert uns auf, die Mü­he um ein geein­tes Europa wei­ter­zuführen, es erinnert uns an die versun­kene erasmische Mitte, die wieder ans Licht zu heben ist, damit Eu­ropa die Mitt­lerstellung verwirkliche, zu der es berufen ist&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc">6</a></sup>. Gegenwartsbezüge brachte sie also nur zurückhaltend ein.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Biographin beschwor also nicht die Einheit im römisch-katholischen Glauben, sondern nur die christlichen als gemeinsame alte Werte. Sie verband zugleich die Hoffnung auf ein &#8218;Europa als Ganzheit&#8216; mit der universa­len Idee, knüpfte diese aber nicht an die Vorstellung eines geein­ten Europa in einer weltweiten Ordnung, wie sie sich in den Vereinten Nationen hätte anstre­ben lassen, sondern orientierte sich an den politischen Leitvor­stellungen eines Kaisers aus dem 16. Jahrhundert.</p>
<p align="JUSTIFY">Als Aufgabe für den zweiten Teil ( II. ) meiner Überlegungen überprüfe ich, ob der universalen Idee und damit den Leitvorstellungen Karls V. eine Bedeutung für die Gegenwart zukommt. Zunächst ist nur festzuhalten, daß Rassow die Biographie von Schwarzenfeld nicht erwähnt hat. Hierfür lassen sich vielerlei Gründe vermuten. Größte Wahrscheinlichkeit birgt die An­nahme, er habe das nicht streng geschichtswis­senschaftliche Werk gar nicht zur Kenntnis ge­nommen. Als Verfasser einer Un­tersu­chung über die Kaiseridee Karls V. hätte er ande­renfalls auch auf dieses Buch eingehen müssen. Reagiert hätte er mit Sicher­heit, wenn ausgewiesene Historiker seiner Generation seine Warnung übergangen hätten. Das Werk des Vicomte Char­les Terlinden (1878-1972) hätte seinen scharfen Widerspruch herausgefordert.</p>
<p align="JUSTIFY">Aus der Feder dieses Professors für Staatsrecht und für Geschichte an der Universität Löwen erschien 1965 in Brügge die Biographie &#8218;Carolus Quintus / Charles Quint / Empereur des Deux Mondes&#8216;, die auch ins Nieder­ländische und Spanische übersetzt wurde und 1978 in deutscher Sprache unter dem Titel &#8218;Carolus Quin­tus. Kai­ser Karl V. Vorläufer der europäischen Idee&#8216; mit einem Geleitwort von Otto von Habsburg vorgelegt wurde<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote7sym" name="sdendnote7anc">7</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Terlinden sah seine Aufgabe darin, &#8222;in einer Zeit, in der sich Europa unter dem Einfluß politi­scher und auch wirtschaftlicher Faktoren auf dem Wege zur Bildung einer harmonischen Ge­meinschaft befindet &#8230; die große Persönlichkeit eines illustren Vorläufers der europäischen Idee wachzurufen&#8220;, einen &#8222;illustren Vorläufer eines geeinten Europa vorzustellen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote8sym" name="sdendnote8anc">8</a></sup>. Für ihn war Karl V. nicht nur einer &#8222;der größten Herrscher aller Zeiten&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote9sym" name="sdendnote9anc">9</a></sup>, son­dern auch &#8222;ein gro­ßer Euro­päer &#8230; Europäer und gleichzeitig universaler Herrscher durch die Weite und Viel­falt seiner Besitzun­gen, ebenso wie durch seine kaiserliche Auffassung der Einheit der alten Welt&#8220;, der &#8222;versuchte, das Heilige Reich Karls des Großen in seinem vollen Glanz wiederherzustellen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote10sym" name="sdendnote10anc">10</a></sup>. Karls &#8222;Ideal &#8230; war der Aufbau der Ein­heit Eu­ropas auf der Grundlage eines Bündnisses der christlichen Staaten zur Verteidi­gung der Zivilisation ge­gen die Gefahren aus dem Osten. In je­ner Zeit war diese Bedrohung ebenso ernst wie heute, in der an die Stelle der Türken die So­wjet-Union getreten ist&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote11sym" name="sdendnote11anc">11</a></sup>. Stärker kann ein Historiker wohl kaum die Zeitgebundenheit sei­ner Aussagen bekunden &#8211; ein wohl unbewußtes Bekenntnis, denn der Autor erhebt zumindest indi­rekt den An­spruch, &#8222;das Werk der Wiedergutmachung&#8220; gegenüber Karl V. verfaßt zu haben<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote12sym" name="sdendnote12anc">12</a></sup>. Der Kaiser, der von der &#8222;Bildung einer europäischen Union&#8220; träumte<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote13sym" name="sdendnote13anc">13</a></sup>, strebte nach Terlinden an, ein &#8222;Programm der Einigung Europas&#8220; zu verwirklichen, doch sein Tod und &#8222;das Scheitern seiner Politik an Schwierigkeiten, so vielfältig, komplex und umfangreich, daß menschliches Bemühen an ihnen zerbrechen mußte, sollten die Verwirklichung der Idee eines geeinten Euro­pas, dessen weitsichtiger Vorläufer er war, um vierhundert Jahre verzögern&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote14sym" name="sdendnote14anc">14</a></sup>. Es war eine Konzeption, die Terlinden seinem &#8218;Helden&#8216; schon zu Beginn sei­ner Herrschaft als eigen zu­schreibt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote15sym" name="sdendnote15anc">15</a></sup> &#8211; eine Idee, die sich beispielsweise grundsätzlich von der im Kontext des Ver­trages von Noyon (1516) während des zweiten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts vertretenen Hoffnung unter­scheidet, daß durch ein Gleichgewicht der Mächte Europa zu einer friedlichen Einheit fin­den könne<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote16sym" name="sdendnote16anc">16</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Eine Annäherung an die inhaltliche Vorstellung Terlindens vom Begriff &#8218;Europa&#8216; soll zu Beginn des zweiten Teils mit einer Analyse versucht werden. Gertrude von Schwarzenfeld hatte die Bezeichnung &#8218;Abendland&#8216; ver­wendet, ohne ihr Begriffsverständnis näher auf­zuzeigen. Sie wurde als &#8222;eine mytische und re­ligiös-politische Konzeption&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote17sym" name="sdendnote17anc">17</a></sup> in jenem Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg durch &#8222;ideologiesierende Vor­stellungen von Geist und Kultur&#8220; geprägt und im Sinne vor­nehmlich am Hergebrachten festhaltender, teilweise sogar restau­rativer Tendenzen aufgenommen, eingesetzt besonders im Zeichen des Ost-West-Gegensatzes als Kampfkate­gorie gegen das &#8218;Sowjetsystem&#8216; im Osten Euro­pas. Der Begriff findet sich zwar nicht direkt bei Ter­linden, durchdringt jedoch unterschwellig als konservative politisch-ideo­logische Leitvor­stellungen im katholi­schen Verständnis<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote18sym" name="sdendnote18anc">18</a></sup> die Konzeption seines Werkes und ebenso dessen Geleitwort von Otto von Habsburg, dem Prä­sidenten der Internationalen Paneuropäischen Union.</p>
<p align="JUSTIFY">Als Fazit meiner Analyse des Werkes von Terlinden ist festzuhalten, daß dieser Historiker die Persönlichkeit Karls V. im Sinne einer Leitbildfunktion gedeutet und für die Gegenwart in­strumentalisiert hat. Auf die Pro­blematik seines Verfahrens soll im dritten Teil der Überlegun­gen ( III. ) eingegangen werden. Zuvor ist noch in gebo­tener Kürze darauf hinzuweisen, daß auch das <i>Bildnis</i> des Kaisers im Dienste der Propaganda für die Idee eines ge­einten Euro­pas eingesetzt worden ist, und zwar als Medium sowohl seitens gesellschaftlich-politi­scher Organi­sa­tionen als auch besonders im staatlichen Interesse verschiedener Länder.</p>
<p align="JUSTIFY">Als die Paneuropa Union anläßlich der Tagung des Europäischen Rates in Paris am 19./20. Ok­tober 1972 zur Erinnerung ihres fünfzigjährigen Bestehens und zugleich zum Gedenken an die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die Montanunion, vor zwanzig Jahren sowie zur Feier des Vertrages über die Norderweiterung der Europäischen Gemein­schaft zum 1. Januar 1973 private Medaillen mit Wertangaben in der Europawäh­rung (ECU) ausgab, befand sich Karl V. auf einer Silbermedaille zu 2 ECU, eingereiht zwi­schen Karl dem Großen und Napoléon Bonaparte, ebenfalls in Silber, gefolgt von Goldmedaillen mit den Bildnissen von Ri­chard Graf Coudenhove-Kalergi, Jean Monnet und Paul Henri Spaak, Win­ston Churchill und Edward Heath, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schu­mann<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote19sym" name="sdendnote19anc">19</a></sup>. Als Vorlage dürfte eine Zeich­nung des Kaisers im Alter von 31 Jahren gedient haben, veröffentlicht bei Terlinden<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote20sym" name="sdendnote20anc">20</a></sup>. Spanien nutzte 1989 bei zwei Werten der ersten Ausgabe seiner anlaufenden, alljährlichen Medaillen der staatlichen Münze auf ge­setz­li­cher Grundlage mit Wertangaben in ECU für die Bildseite das Gemälde von Tizian, das den Kaiser zu Pferd als Sieger auf dem Schlachtfeld bei Mühlberg zeigt, und verwandte für einen dritten Wert das Säulen­emblem Karls V. und seine Devise &#8218;PLVS VLTRA&#8216;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote21sym" name="sdendnote21anc">21</a></sup>. Münzen als gesetzliches Zah­lungsmittel mit einem Bildnis Karls V. wurden in Belgien und in Österreich in Umlauf ge­bracht. In Belgien waren es 1987 bis 1990 drei Aus­gaben als Gedenkprägungen aus Anlaß des 30. Jahrestages der Römischen Verträge, eine in Silber und zwei weitere in Gold, gestaltet auf der Bildseite in Anlehnung an einen Guldiner zwischen 1540 und 1548 aus der Münz­stätte Brügge<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote22sym" name="sdendnote22anc">22</a></sup>. In den Dienst der europäischen Idee bezog Belgien später auch den römi­schen Kai­ser Diokle­tian, Kaiser Karl den Großen und Kaiserin Maria Theresia ein<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote23sym" name="sdendnote23anc">23</a></sup>. Die österreichische 100-Schilling Silber­münze von 1992 feiert den Kaiser zwar im Rahmen einer Millenium-Serie als eine der &#8222;Größen der 1000 jähri­gen Ge­schichte&#8220; des Staa­tes<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote24sym" name="sdendnote24anc">24</a></sup>, zugleich aber wird seine Darstellung in einer Prunkrüstung<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote25sym" name="sdendnote25anc">25</a></sup> als Symbol für seine &#8222;Verteidigung der eu­ropäischen Ein­heit und des christlichen Abendlandes&#8220; verstanden<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote26sym" name="sdendnote26anc">26</a></sup>. Diese Interpre­tation des kaiserlichen Wir­kens steht hier zur Diskussion, nicht dagegen der Sachverhalt, daß der eigentliche Be­gründer des neuzeitlichen Österreichs, Ferdinand I., sich die Wertseite der Münze mit Karls Sohn Philipp II. von Spanien teilen muß.</p>
<p align="JUSTIFY">Generell folgt als Münzbild Karl V. nach Karl dem Großen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote27sym" name="sdendnote27anc">27</a></sup> an zweiter Stelle auf der Liste je­ner historischen Persönlichkei­ten, die in Europa in Verbindung zur werdenden Gemeinschaft gesetzt wurden. Daß sich Belgien in herausra­gender Weise auf den Kaiser des 16. Jahrhunderts bezog, erklärt sich einerseits aus der Bedeutung seiner heu­tigen Regionen als Kernländer der burgundischen Niederlande während dessen Regierungszeit, kann aber zu­sätzlich auch durch die Lebensbeschreibung des Kaisers seitens des Belgiers Terlinden angesto­ßen wor­den sein. Seine Biographie regte in Belgien vielleicht ebenfalls zur Prägung der drei ECU-Münzen mit zwei verschiedenen Darstellungen Karls des Großen an<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote28sym" name="sdendnote28anc">28</a></sup>, erwähnt doch Terlinden eine Rück­besinnung im Jahre 1519 auf den Kaiser des 8./9. Jahrhunderts<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote29sym" name="sdendnote29anc">29</a></sup>: Karls V. Großkanzler Mercu­rino Arborio di Gattinara (1465-1530) hatte sich in einer Denkschrift auf Karl den Großen be­zogen, als am kaiserlichen Hof die Kunde von der Frank­furter Wahl Karls zum römischen Kö­nig eintraf; dem Kaiser selbst scheint dieser Bezug auf Karl den Großen niemals in den Sinn gekommen zu sein<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote30sym" name="sdendnote30anc">30</a></sup>. Vom fränkisch &#8211; karo­linischen Reich als &#8218;Heiligem Reich&#8216; sprechen weder Karl noch Gattinara<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote31sym" name="sdendnote31anc">31</a></sup>. Karl dem Großen als ande­rem Ahnherr kann hier nicht weiter nachge­spürt werden.</p>
<h3 style="text-align: center;" align="JUSTIFY">II.</h3>
<p align="JUSTIFY">Die These von einer Ahnherrnqualität Karls V. wirft geschichtswissenschaftlich die Frage auf, ob es historische Sachverhalte gibt, auf die eine Leitbildfunktion jenes Kaisers des 16. Jahrhun­derts für die Gegenwart wissen­schaftlich legitim begründet werden kann. Zu reflektieren ist in diesem Zusammenhang, daß Leitbilder in er­ster Linie Kategorien der Tra­dition sind. Zwischen Tradition und Geschichte besteht eine Spannung. Eine der­artige Unstimmigkeit offen­baren das Werk Terlindens ebenso wie die Münzbilder. Das Verhältnis zwischen Ge­schichte und Tradi­tion wird ab­schließend diskutiert werden. Zuvor soll auf die Frage nach den geschichtli­chen Grundlagen des bean­spruchten Vorbild­charakters Karls V. für die Gegenwart eine Antwort ge­sucht wer­den. Waren &#8211; so lau­tet ein ganz knapp abzuhan­delndes erstes Problem &#8211; im Europa des 16. Jahrhunderts jene strukturellen Gegeben­heiten und menta­len Voraus­setzungen gege­ben, die eine europäische Einigung im Sinne einer Ge­meinschaft gleichberechtigter Staaten zu­gelassen hätten, und was besagt zweitens die These von der universa­len Idee des Kaisers. Birgt sie die ihr von Schwarzenfeld und Terlinden zugeschriebene &#8218;europäische Konzeption&#8216;?</p>
<p align="JUSTIFY">Terlinden vermittelt keine Vorstellung, wie jene europäische Union zusammengesetzt sein sollte, die Karls V. Traum gewesen sei<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote32sym" name="sdendnote32anc">32</a></sup>. Auch läßt der Autor nicht erkennen, welche Vorstel­lung von einer europäischen Ge­meinschaft er selbst um 1965 vertrat. Aus ihr ließen sich Rück­schlüsse ziehen. Sein Begriffsinhalt ist nicht mit dem &#8218;Europa der Sechs&#8216;, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, zu identifizie­ren, denn ihr gehörten beispielsweise Spanien und Öster­reich &#8211; Kernländer des habsburgischen Weltreiches &#8211; erst seit 1986 bzw. 1995 an. Daß sich die EWG erweitern werde, konnte damals wegen der 1960 in Kraft getre­tenen Europäischen Frei­handelszone nur erhofft werden. Mit Großbritannien, Irland, Dänemark und Griechenland schlossen sich 1973 bzw. 1981 Staaten der Europäischen Gemeinschaft an, von deren Einbin­dung in eine euro­päische Union viel­leicht Terlinden, jedoch kaum Karl V. geträumt haben könnte, ebenso we­nig von der späte­ren Ausdehnung der EG auf Schweden und Finnland. In des Kaisers Traumkonzeption hätte sich Polen-Litau­en besser eingepaßt als jene Staaten, deren Völker zu seiner Zeit unter der Herrschaft der os­manischen Türken lebten, oder gar die heutige Türkei selbst &#8211; alles Bewerber um eine Aufnahme in die Euro­päische Union. Teile des damali­gen tür­kischen Reiches hätte Karl zwar dann in seine Traumvorstellung von einer Union ein­schlie­ßen können, wenn er eine derartige Utopie mit den in der Titulatio seiner Urkunden<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote33sym" name="sdendnote33anc">33</a></sup> aufgeführten Herr­schaftsansprüchen ver­bunden hätte &#8211; etwa das Königreich Jerusalem und die Herzogtümer Athen und Neopa­tria. Aber ein Rückgriff auf die Titulatur hätte auch die Einbe­ziehung der amerikanischen Kolonien der Krone Kastilien eingeschlos­sen. Insgesamt läßt sich demnach die Titulatur, unabhängig vom tat­sächlichen Ge­halt der angeführten Rechts­komple­xe<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote34sym" name="sdendnote34anc">34</a></sup>, nicht zur Traumdeutung heranziehen.</p>
<p align="JUSTIFY">In der Titulatur wurden auch die verlorengegangenen altburgundischen Länder reklamiert, aber kein Anspruch auf Frankreich angemeldet. Das französische Königreich war jedoch jener Staat, der als Macht ausgeschaltet werden mußte &#8211; wie Gattinara es gefordert hatte<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote35sym" name="sdendnote35anc">35</a></sup> -, sollte eine christliche Weltmonarchie errichtet werden. Sie stellte jene Ordnung dar, die der Großkanzler seinem Kaiser zu verwirklichen antrug. Es wäre eine Monar­chie gewesen, deren natürlicher Mittelpunkt das habsburgische Machtssystem hätte bilden sollen. Den christlichen Völkern römisch-katholischen Glaubens versprach sie den allgemeinen Frieden und dem so befriedeten Europa Schutz unter der Oberherrschaft Karls V. Offen blieb in den Denkschriften Gattinaras, wo die Grenzen dieses Europas liegen, d. h. welche Länder es einschließen sollte. Diese kaiser­liche Ordnung hätte zwar den einzelnen Völkern ihre Staaten in territorialer Unabhängigkeit belassen, aber sie hätten sich der rechtlichen und morali­schen, sakral begründeten Oberhoheit des Kaisers und damit eines einzelnen freiwillig unterwerfen und sich seiner Führung zu ge­mein­samen Unternehmungen unterstellen müssen. Das war die Konzeption einer Univer­sal­monarchie und nicht die einer wie auch immer gearteten Union gleichberechtigter europäischer Staaten.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Idee einer Universalmonarchie hat sich politisch nicht verwirklichen lassen. Sie war auch gar nicht reali­sierbar, da der Kaiser aus strukturbedingten Gründen schon darauf verzichten mußte, sein Reich &#8211; d. h. die Summe seiner einzelnen Länder mit ihren unterschiedlichen Fe­stigkeits- und Selbständig­keitsverhältnisssen im Rahmen einer Personalunion &#8211; in ein formiertes gesamtstaatliches Gebilde mit entsprechenden Institutionen umzubauen. Gattinaras Gutachten von 1519, wie sich die Einheit des Gesamtreiches be­werkstelligen ließe, blieb ein Traum des Großkanzlers<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote36sym" name="sdendnote36anc">36</a></sup>. Voraussetzung dafür wäre eine gewisse Übereinstim­mung seiner monar­chi­schen Stellung und Rechte in den verschiedenen Ländern gewesen. Sie bestand nicht, denn zu unterschied­lich waren die verfassungsrechtli­chen Positionen, die sich aus den geschichtlichen Verhältnissen ergaben &#8211; bei­spiels­weise des kastilischen Königs und des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Eine gewisse einzel­staatliche Zentralisierung ließ sich in den Burgundi­schen Niederlanden und mit Anfängen auch im Bereich der Krone Kastilien durchsetzen; sie wurde in den Ländern der Krone Aragon und in den italieni­schen Besitzun­gen nicht versucht, und in Deutschland ist der Kaiser mit seinem Bundesplan gescheitert<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote37sym" name="sdendnote37anc">37</a></sup>. Daß seine Verfas­sungs­re­formbestrebungen von 1547/48 &#8222;gesamteuropäische Tendenzen&#8220; erkennen lassen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote38sym" name="sdendnote38anc">38</a></sup>, ist eine These, die sich anhand der Quellen nicht verifizieren läßt. Insgesamt war schon die strukturelle Basis des dy­nastisch be­gründe­ten Weltreiches hei­kel, gewährte nur bedingten verfassungsge­mäßen Spielraum und be­grenzte die Frei­heit kai­serlicher Entschei­dungsgewalt. Aus diesem Sachverhalt folgert, daß einer Ausdehnung der Herrschaft Karls V. auf Länder außerhalb sei­nes habsburgischen Reiches Hindernisse entge­gengestanden hätten, die mit friedlichen Mitteln nicht zu beseitigen waren. Daß sie mit Gewalt hätten dauer­haft überwunden werden kön­nen, erscheint unwahrscheinlich &#8211; abgesehen davon, daß eine derartige Politik dem Kaiser fremd war. Es gab im 16. Jahrhundert keinen Weg zu einer Staatengemeinschaft, die auch nur annä­hernd mit der gegenwärtigen Euro­päischen Union vergleichbar gewesen wäre.</p>
<p align="JUSTIFY">Sie lag aber auch im Bereich der geistigen Vision außerhalb der zeitgenössischen Vorstellung­en &#8211; sieht man ab von einsamen Denkern. Schon innerhalb des eigenen Reiches wurde Karls Kaisertum keineswegs durchgängig einhellig begrüßt. Außerdem deckten sich Ausgangslage und Bewertung am Ende sei­ner Herrschaftszeit nicht. Als geborenen Fürsten erkannten ihn nur die burgundischen Nie­derländer uneingeschränkt an. Sie standen hin­ter ihrem Landeskind bis zu seiner Ab­dankung, auch wenn sich die ursprüngliche vorbehaltlose Zustimmung zu seiner Politik abschwächte und die Kritik an den Forderungen zunahm, die Karl als Kaiser infolge sei­ner Kriege mit Frankreich an die Provinzen stellte.</p>
<p align="JUSTIFY">In Spanien schlug dem jungen Habsburger während seines ersten Aufenthaltes keine helle Be­geisterung entge­gen. Die Kastilier identifizierten sich voller Stolz auf ihre Erfolge im Kampf gegen die Mauren (Eroberung Granadas 1492), über die Entdeckung &#8218;Westindiens&#8216; und über dessen beginnende Kolonisation mit der Vor­stel­lung einer von jedweder fremden Gewalt unab­hängigen &#8218;Nation&#8216;, die ihnen über die Katholischen Könige und deren politisches Werk vermit­telt worden war. Daher wehrten sie sich in den ersten Regierungsjahren Karls dagegen, daß ihr kastilisches Königtum einem fremdem Kaisertum nachgeordnet zu werden drohte und daß ganz allgemein ausländische Institutionen an die Stelle der überlieferten eigenen zu treten schienen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote39sym" name="sdendnote39anc">39</a></sup>. Sie er­kannten zwar den jungen Habsburger als ihren König an, jedoch nicht als &#8218;Karl V.&#8216;, sondern als &#8218;Carlos I&#8216;. Nach Menéndez Pidal<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote40sym" name="sdendnote40anc">40</a></sup> hätte sich der junge König mit einem Herrschaftsverständnis identifiziert, das geprägt war durch das Vorbild seiner spanischen Großeltern und das die Aufgaben und Pflichten seines Kaisertums aus der nationalen Tradition einer kastilischen &#8218;Idea imperial&#8216; herleitete. Auf Kastilien bezogen akzeptierte diese Über­liefe­rung weder eine Ein- oder gar Unterordnung in das Sacrum Romanum Imperium noch eine universa­listi­sche Politik in dessen Kontext. Seiner geschickten Verhaltensweise verdankte es dann Karl in der zweiten Hälf­te seiner Herrschaftszeit, daß sich Kastilien mit seinem Kaisertum nicht nur versöhnte, sondern sich auch mit dessen Anforderungen so stark identifizierte, daß beispielsweise die Bekämpfung des deutschen Protestan­tis­mus ebenso wie schon zuvor der Kampf gegen den Islam als eigene, &#8217;nationale&#8216; Aufgabe begriffen wurde. Nunmehr waren kai­serliche Siege wie Mühlberg auch spanische Siege &#8211; ein Sieg, der ihn zugleich den Deut­schen vollends entfremdete.</p>
<p align="JUSTIFY">Mit Karl als Landesherrn wurden seine italienischen Untertanen mehrheitlich erst konfrontiert als er 1535 im Ruhme des Siegers während des Tunisfeldzuges über die afrikanischen Korsaren süditalienischen Boden betrat. Unter diesen Bedingungen schlug ihm eine Welle aufrichtiger Begeisterung entgegen. Sie ebbte bis zum Ende der Regierungszeit wieder ab, man arrangierte sich aber mit der spanischen Fremdherrschaft. Als solche wur­den der Kaiser und seine Ver­tre­ter durchgängig eingestuft.</p>
<p align="JUSTIFY">Entgegengesetzt zur Entwicklung in Spanien entfaltete sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Kaiser. Ur­sprünglich als das &#8218;edle deutsche Blut&#8216; bezeichnet und auch von breiten Schich­ten des Volkes voller Freude be­grüßt, wandelte sich die Haltung und nahm zugleich die an­tispanische Stimmung zu, bis Karl in seinem letzten Regierungsjahrzehnt von der weitaus überwiegenden Mehrheit der Deutschen, vor allem von den Evangeli­schen, gehaßt und von den Katholiken höchstens geachtet wurde<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote41sym" name="sdendnote41anc">41</a></sup>. Zugleich offenbarte Karls Scheitern in Deutschland, daß es ihm im Heiligen Römischen Reich nicht gelungen war, kaiserlich-deutsches und könig­lich-kastilisches Herkommen in eine übergreifende Herrschaftsauffassung zu integrieren<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote42sym" name="sdendnote42anc">42</a></sup>. Die Mentalitäten waren zu wesensverschieden, ließen eine gemeinsame Einheit schon deshalb nicht zu. Was aber im habsbur­gi­schen Reich nicht zu verwirklichen war, hätte sich auf europäischer Ebene als ein chancenloses Un­terfan­gen erwiesen. Man bedenke nur, daß die antihabsburgische Politik der französischen Könige Franz I. und Heinrich II. von ihren Untertanen fast einhellig mitgetragen wurde sowohl in den Monaten höchster Gefahr für die Un­versehrtheit der Monar­chie (1525/26) als auch beim ersten Waffengang unter dem neuen Herrscher. Eu­ropa war im Bannkreis aufsteigender Nationalstaaten gedanklich-geistig noch nicht für eine Union zu ge­win­nen.</p>
<p align="JUSTIFY">Im Zentrum der Thesen, die Karl V. als Ahnherrn beschwören, steht dessen übergreifende ideologisch-politi­sche Herr­schaftskonzeption &#8211; die universale Idee. Welcher Gehalt eignete ihr und ist diese heute als Leitbild für die Einheit Europas nutzbringend zu befragen? Eine Ant­wort auf diese Frage setzt voraus, daß der politische Leit­begriff der frühen Neuzeit, die Kate­gorie <i>Monarchia Universalis</i>, geklärt ist. Dieser Aufgabe hat sich Franz Bosbach gewidmet. Seine Aussage lautet: &#8222;Die Universalmonarchie in der Zeit Karls V. war für ihre Befürwor­ter wie für ihre Gegner eine theoretische Konzeption von Herrschaft, die in Überordnung über alle Herrscher allgemein in­teressierende und über den einzelnen Herrschaftsbereich hinaus­reichende Aufgaben erfüllte. Diese Aufgaben wurden mit denen des Kaisers der Christenheit identifiziert, die Universalmonarchie war hierin zu­nächst ganz an die Person der Kaisers gebunden.&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote43sym" name="sdendnote43anc">43</a></sup></p>
<p align="JUSTIFY">Wie dieses Konzept von Karl V. wahrgenommen und von welcher herrschaftsleitenden Idee sein Handeln und Wirken bestimmt wurde, ist ein Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Kontroversen. Die einschlägigen Aussagen zum Problemfeld von Staatsauffassung und Reichs­vorstellung lassen sich unter dem Begriff &#8218;Herrschafts-&#8218; oder geläufiger &#8218;Kaiseridee&#8216; auf einen Nenner bringen. Die &#8218;modernen&#8216; Erörterungen begannen im dritten und vierten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts unter vor­nehmlich gei­stesgeschichtlichem Er­klärungsansatz &#8211; eine Dis­kussion, die andauert und bis heute nicht abgeschlossen ist<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote44sym" name="sdendnote44anc">44</a></sup>. Wortführer in einer grundlegenden Phase waren Karl Brandi (1868-1946), Peter Rassow und Ramón Menéndez Pidal (1869-1968); Hu­go Hantsch (1895-1972) kann außerdem dieser Gruppe zugeordnet werden. Ihre unterschied­lichen Thesen unter­streichen zugleich das Analyseergebnis von Heinrich Lutz (1922-1986), daß zwei historiographi­sche In­terpre­tationslini­en zur Geschichte des Kaiser vorliegen, eine mit­teleuropäische und eine südeuropäi­sche<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote45sym" name="sdendnote45anc">45</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Unter südeuropäischem Aspekt hat sich vor allem Menéndez Pidal mit der Kaiseridee Karls V. befaßt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote46sym" name="sdendnote46anc">46</a></sup>. Ge­mäß sei­ner Deutung wurzelten Karls Verständnis und Vorstellungen vom Kaiser­tum in der kastilisch-spani­schen Überlieferung einer originären &#8218;Idea imperial&#8216;, waren bestimmt durch das Vorbild seiner spanischen Großel­tern, des Katholischen Königspaars Ferdinand und Isabella, und wurden umgesetzt in eine Politik, die ausge­richtet war vor allem auf Italien und Nordafrika, folgend der aragonesischen Überlieferung des Großva­ters<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote47sym" name="sdendnote47anc">47</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Zuvor hatte Brandi im Rahmen eines mitteleuropäischen, universal ausgerichteten Interpretati­onsansatzes die politischen Leitvorstellun­gen Karls V. aus dem dynastischen Gedanken resul­tieren sehen, &#8222;der in ihm stärker als irgendwo in der Welt­geschichte lebendig und wirksam ge­worden ist, ihm selbst als Mensch und Herrscher die tiefsten sittlichen An­triebe gab&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote48sym" name="sdendnote48anc">48</a></sup>. Der Kaiser habe &#8222;aus der Summe der von ihm ererbten Herrschaftstitel einen neuen europäi­schen und in gewissem Sinne überseeischen Imperialismus, ein Welreich (gebildet), das zum ersten Male nicht auf Erobe­rung, noch weniger auf einer zusammenhängenden Ländermasse aufge­baut war, sondern auf der dy­nastischen Idee und der Einheit des Glaubens&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote49sym" name="sdendnote49anc">49</a></sup>. Er führte &#8222;seine Reiche aus den veral­teten Staatsformen des aufgelösten Ritter- und Städtestaates (sic!) mit ih­ren Privilegien, lokalen Fehden und Macht­verschiebungen zu einer höheren Stufe der Staats­idee&#8230; Die letzte Wirkung der dynastischen Welt­machtspolitik Karls lag deshalb über­raschend genug doch wieder in der Richtung der beherrschenden Idee des Jahrhunderts aufsteigender moderner europäi­scher Staaten&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote50sym" name="sdendnote50anc">50</a></sup>. Verbunden habe sich dieser auf die habsburgi­sche Dynastie ausgerichtete Leitgedanke mit universalistisch-römischen Herrschaftsvorstellungen. In Brandi sieht Alfred Kohler den &#8222;Vertreter einer dynastisch gebundenen und insofern statischen Kon­zeption&#8220;, der Karls Herrschaftsauffassung &#8222;im Sinne einer harmonisierenden dynastisch &#8211; eu­ropäischen Sichtweise&#8220; gedeutet und dabei die dynastische Idee überschätzt hat<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote51sym" name="sdendnote51anc">51</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Eingebunden in diese dynastische Reichsidee ist der Kaiser &#8211; gemäß Brandi &#8211; in seinem Han­deln und Wirken letztlich nicht dem radikalen, in ghibellinischer Gedankenwelt wurzelndem, römisch-rechtlichem Denken ver­pflichteten antifran­zösischen Weltreichskonzept Gattinaras von einem &#8218;Dominium mundi&#8216; gefolgt, das sich nach Lutz in der einfa­chen Formulierung fassen läßt, &#8222;Karl ist zur Weltherrschaft berufen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote52sym" name="sdendnote52anc">52</a></sup>. Gattinara begriff also anders als sein Fürst das Kaisertum &#8222;als Anspruchstitel und als Mittel für Karl V. zum Erreichen der uni­versalen Herr­schafts­position&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote53sym" name="sdendnote53anc">53</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Rassow hat als Leitbild der Politik Karls V. die These von einer Kaiseridee vertreten, die zu verstehen ist als die Vorstellung von einem sakralen Kaisertum in mittelalterlichem Verständnis zur Wahrnahme der Führungs­aufgabe in der Christenheit. Karls Kaiser- und Reichsidee, höher bewertet als der dynastische Faktor gemäß Brandi, kam die Funktion einer Klammer zu für &#8222;das <i>Reich</i> Karls V.&#8220; als &#8222;das im Erbgang ihm zugefallene Kong­lomerat von Staaten und Herr­schaften in Burgund und Spanien und in Österreich, hinübergreifend nach Itali­en, Afrika und den neuen Reichen jenseits der Ozeans. Die <i>Reichsidee</i> aber war die mittelalterliche Idee des Kaisertums, die dem Papsttum zugeordnete Führungsaufgabe in der Christenheit&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote54sym" name="sdendnote54anc">54</a></sup>. Ihre Auf­gabe lautete: &#8222;Friede und Einheit in der Christenheit, Sicherung der Christenheit ge­gen Feinde im Innern, gegen die Ketze­rei, und gegen die Feinde nach außen, gegen die Ungläubigen, das türki­sche Reich&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote55sym" name="sdendnote55anc">55</a></sup>. Diese Kaiseridee war schon in seinen frühen Jahren &#8222;das Leitbild seines Handelns&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote56sym" name="sdendnote56anc">56</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Interpretationen von Menéndez Pidal, Brandi und Rassow hat Lutz als eine &#8222;Verklärung und Überhöhung von Karls Politik&#8220; bezeichnet<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote57sym" name="sdendnote57anc">57</a></sup>, die auch manchem anderen Beitrag zum Ge­denkjahr 1958 eigne. In einer Zu­sammenstellung derartiger Veröffentlichungen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote58sym" name="sdendnote58anc">58</a></sup> findet sich allerdings nicht Hantsch angeführt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote59sym" name="sdendnote59anc">59</a></sup>. In dessen Wiener Festvortrag<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote60sym" name="sdendnote60anc">60</a></sup> &#8222;Die Kaiseridee Karls V.&#8220; von 1958 schrieb Hantsch Karl eine Auffassung vom Kaiser­tum zu, die ihn weit über Gat­tinaras machtpoliti­sche Gedanken erhoben habe. Macht sei vom Kaiser begriffen worden als &#8222;Auftrag im Dienste Gottes, zur hö­heren Ehre Gottes&#8220;, sich selbst verstehend als &#8222;Erhalter ei­ner gottgewollten Ordnung und Einheit&#8220;. Durchdrun­gen vom &#8222;Bewußtsein von der heiligen Würde des Kaiser­tums&#8220;, erhob es sich &#8222;über die Grenzen von Ländern und Völkern&#8220; im Dien­ste des christlichen Abendlandes. Alle Vorbilder und Lehren, denen Historiker mehr oder min­der großen Einfluß auf seine Auffassung vom Kai­sertum zugeschrieben haben, seien nicht &#8222;so tief in seine Seele (eingedrungen) wie die Stimme Gottes, die ihm den Weg vorzeichnet&#8220;. Diese Kaiseridee &#8222;reicht ins Me­taphysische und abstrahiert vielfach von der Relativität konkreter Erscheinungen&#8220;. War eine noch stärkere &#8218;Verklärung und Überhöhung&#8216; im Kontext des Den­kens in Abendland-Visionen möglich?</p>
<p align="JUSTIFY">Zu den weiteren Historikern &#8211; und nur eine Auswahl an Autoren kann hier kurz vorgestellt werden -, die Karls Leitvorstellungen auf den Begriff zu bringen bemüht waren, zählt Erich Hassinger mit seiner These, daß der Herrscher &#8222;sein <i>Kaisertum </i>als <i>universale christliche Mis­sion </i>verstand&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote61sym" name="sdendnote61anc">61</a></sup>. Für Hans-Joachim König war die Grundidee, die Karls Handeln prägte, die Vorstellung von der &#8222;politischen und kirchlichen Einheit der Chri­stenheit, deren Ausdruck das Imperium Romanum war&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote62sym" name="sdendnote62anc">62</a></sup>. Hartmut Lehmann analysierte die kaiserliche Po­litik unter der Fragestellung, ob anstelle von universalem Kaisertum oder dynasti­scher Weltmacht von einem Imperialismus Karls zu sprechen wäre<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote63sym" name="sdendnote63anc">63</a></sup> &#8211; ein Ansatz, der nicht zutreffe. Schon 1966 hatte jedoch Fernand Braudel davor gewarnt, den Kaiser in ein Konzept zu sperren, auf das er ein für allemal festgelegt gewesen sei, wie denn überhaupt die &#8222;Kontroverse &#8230;, wie nun die impe­rialen Pläne Karls V. mit letzter Genauigkeit zu de­finieren seien, &#8230; etwas Vergebliches&#8220; ha­be<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote64sym" name="sdendnote64anc">64</a></sup>. Tatsächlich ist nicht immer ausreichend reflektiert worden, daß zwischen Kaiseridee und politischer Praxis zu unterscheiden ist. Jüngst sprach Ferdinand Seibt vom Kaisertum als ei­nem &#8222;Ordnungsbild niemals genau definierter kaiserlicher Schutzherr­schaft über die Christen­heit&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote65sym" name="sdendnote65anc">65</a></sup>. Weltherrschaft sei &#8222;zuallererst ein Ordnungsproblem&#8220; gewesen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote66sym" name="sdendnote66anc">66</a></sup>. Die Kaiseridee sei kein &#8222;abstraktes Gedan­kenwerk, sondern seine eigene und natürlich im Laufe seines Lebens auch veränderte Selbstdarstellung&#8220; gewe­sen, &#8222;orientiert an seinem Ritterideal und dort auch bis zuletzt festgehalten&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote67sym" name="sdendnote67anc">67</a></sup> Seiner Auf­fassung gemäß ist &#8218;Weltmonarchie&#8216; &#8222;nicht dem Mittelalter, sondern besonderen Umständen zuzuord­nen, und Karls Weltmonar­chie war, nach der Land­karte, nach seinem Wahlspruch, nach Wappen und Symbo­len &#8230; aus seinem eigenen herrscher­lichen Hochgefühl erwachsen. Herrschertitel und Hofallegorie kamen ihm dabei zu Hilfe. Aber der kaiserliche &#8218;Herkules&#8216; tritt nicht auf als Heilsbringer in einer &#8218;mittelalterlichen&#8216; Wel­tenallego­rie&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote68sym" name="sdendnote68anc">68</a></sup>. Auch habe sich der Kaiser nicht zu Gattinaras Ansicht geäußert, Karl sei zur Weltmon­archie berufen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote69sym" name="sdendnote69anc">69</a></sup>. Dennoch um­spannte sein Kaiserbegriff die &#8222;ganze Welt&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote70sym" name="sdendnote70anc">70</a></sup>, sein Kaisertum war gekennzeichnet durch eine &#8222;personalisierte Herrschaftsauffassung&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote71sym" name="sdendnote71anc">71</a></sup>. Nach Seibt habe Karl am Ende seines Lebens den &#8222;Aberwitz der Universalmonar­chie&#8220; durchschaut und daher abge­dankt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote72sym" name="sdendnote72anc">72</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Eine neue Stufe der Diskussion im Sinne einer übergreifenden Betrachtungsweise betreten hatte zuvor Lutz. Für &#8222;ausgedient&#8220; bewertete er die bislang gängige &#8222;schlichte&#8220; Gegenüber­stel­lung von Karls mittelalterlich ge­präg­tem Universalismus und modernem Natio­nalstaat<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote73sym" name="sdendnote73anc">73</a></sup>. Schon 1964 hatte er zu erörtern angeregt, ob die hi­storiographisch vorherrschende Gegenüber­stellung vom &#8218;mittelalterlichem Kaisertum&#8216; in der Person Karls V. und modernem Nationalstaat in der Form Frankreichs beibehalten werden könne<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote74sym" name="sdendnote74anc">74</a></sup>. Begegnet wären sich viel­mehr zwei poli­tische Syste­me mit einer Reihe von gemeinsamen strukturellen Voraussetzun­gen, in denen sich jeweils Altes und Neues vermischt hatten: &#8222;mittelalterliches Erbe an Eigen­staatlichkeit und neuerwachter Uni­versalismus&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote75sym" name="sdendnote75anc">75</a></sup>. Mit einem überzeugenden neuen Interpre­tationsmuster im Verständnis von einer &#8222;moderni-sierenden Dynamik des habsburgisch-franzö­sischen Konflikts&#8220; die Problematik von Kaiseridee und Universal­monar­chie Karls V. auf einer anderen als der bis­herigen Diskussionsebene aufzuarbeiten, war Lutz nicht ver­gönnt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote76sym" name="sdendnote76anc">76</a></sup>. Seinem angerissenen In­terpretationsmuster zufolge müßte &#8222;nicht nur die relative Vergleichbarkeit der beiden Konflikt­partner deutlich&#8220; herausgearbeitet, &#8222;sondern auch die jeweils spezifi­sche Mi­schung traditionel­ler und mo­derner Elemente im Selbstverständnis und im politischen System der bei­den Seiten und das allge­meine Voran­getriebenwerden der politischen &#8218;Modernisierung&#8216; Europas durch den Dauerkonflikt&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote77sym" name="sdendnote77anc">77</a></sup> analysiert und historisch erklärt werden. Den Ansatzpunkt hierzu sah Lutz in dem besonderen, bei Brandi bereits vorge­gebenen Bezug zwischen &#8218;Person und Sache&#8216;. Die Frage nach der Kaiseridee ordnete er somit ein in die über­grei­fende Problema­tik einer Typo­lo­gie des Herrschaftssystems Karls V. zwischen Mittelalter und Neuzeit<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote78sym" name="sdendnote78anc">78</a></sup>. In Gattinaras uni­versalem Pro­gramm analysierte Lutz nicht irgendeine Neuformierung mit­telalter­li­chen Gedan­ken­gutes, sondern &#8222;ein neuarti­ges rationales Einheitsprogramm&#8220;, das &#8222;den absolu­ten Welt­herr­schaftsanspruch des Kaisers dem spätmittelal­terlichen Staatenpluralismus&#8220; entge­gensetzte<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote79sym" name="sdendnote79anc">79</a></sup>. Karl V. hat selbst den Weg zur <i>Monarchia Universalis </i>einge­schlagen, ist aber bei seinem Be­schreiten gescheitert.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Lehre von der <i>Monarchia Universalis </i>war zu Lebzeiten Karls V. lebendige Theorie, be­stimmt vor allem in Rezeption und Weiterführung von mittelalterlichen Denktraditionen über die Universalmächte Papst und Kai­ser<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote80sym" name="sdendnote80anc">80</a></sup>. Sie beeinflußte das politische Denken und Handeln, hatte sie doch unter diesem Kaiser einen hohen Grad an Anschaulichkeit erfahren. Die Propa­ganda Karls V. verband die greifbar scheinende Universalmonarchie mit seinem konkreten Kai­sertum, erhöhte und vollendete es in dem Anspruch, über die rechtlich begründete, unmittel­bare Weisungsbefugnis gegenüber allen Fürsten zu verfügen und diese politisch mit Machtmit­teln durchsetzen zu dürfen. Als Konzeption blieb die überlieferte Lehre von der Universalmon­archie solange in der Vorstellungswelt der Zeitgenossen fest verwurzelt wie die Gesamtheit christlicher Herrschaften als ein Corpus gesehen wurde, dessen Häupter Papst und Kaiser wa­ren. Sie ist damit für die Gegenwart ebenso wenig instru­mentalisierbar wie eine dynastisch be­gründete oder eine sakral verwurzelte oder eine gottbezogen-metaphysisch verortbare univer­sale Ordnungsvorstellung für eine menschliche Gemeinschaft oder wie ein personalisiertes Herrschaftsverständnis.</p>
<p align="JUSTIFY">III.</p>
<p align="JUSTIFY">Einheit in einem Glauben und in einer Kirche erschienen auch im 20. Jahrhundert Lewis und Terlinden<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote81sym" name="sdendnote81anc">81</a></sup> als zentrale Voraussetzungen für eine politi­sche Einheit Europas. Lewis hatte die Idee einer Rückkehr aller Euro­päer zur Christenheit des römisch-ka­tholischen Bekenntnisses als Voraussetzung für die Einigung Europas propagiert und im Vorkämpfer für die sakral be­gründete Einheitsidee, in Karl V., ein Leitbild für den Pro­tagonisten einer europäischen Eini­gung in seiner Gegenwart angeboten. Seiner These hatte Rassow entgegnet: &#8222;Wir &#8230; müssen als Historiker sagen: Wenn es diese &#8218;Christenheit&#8216;, die es zu Karls Zeiten noch gab, heute nicht mehr gibt, wem ist dann damit gedient, Karl V. zur Symbol-Figur der heutigen für uns so drin­gend notwendi­gen Europa-Bestrebungen zu machen? Ein säkulari­sierter Karl ist eben kein hi­storischer Karl mehr. E i n e Erwägung sollte die Verbreiter solcher histo­rischer Nebelbilder von dieser irreführenden Analogie abschrecken: Karl ist nun doch mit seiner Politik, die die Chri­stenheit umfaßte, gescheitert! Wer will eine ge­scheiterte Persönlichkeit als ideellen Führer anerkennen?&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote82sym" name="sdendnote82anc">82</a></sup> Aber gab es, so ist &#8211; Rassow ergänzend &#8211; zu fra­gen, zu Karls Lebzeiten über­haupt noch die <i>eine</i> Christenheit? Sie, die sich gerade während der Herrschafts­zeit des Kai­sers gespalten hatte, wiederzuvereinigen, war doch ei­nes seiner zentralen Ziele gewesen &#8211; eine Auf­gabe, die er ebenso wenig hatte bewältigen können wie seinen Ver­such, die europäische Staatengemeinschaft seiner Zeit in einem universalen Herrschaftssystem unter seiner Führung zusammenzuschließen. Eu­ropa im 20. Jahrhundert auf der christlichen Grundlage eines Glau­bens zu vereinigen, war schon um 1930 eine Utopie an­gesichts europäischer Gesellschaften, die zwar in großen Teilen noch von christlicher Vorstellungs- und Wer­tewelt geprägt waren, aber in ihren Entscheidungen grundsätzlich nach anderen Kategorien handel­ten. Es gab nicht mehr jene christlich bestimmte Le­benswelt, in der Karl V. tätig geworden war.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Einheit im Glauben als Leitgedanken für die Europäische Union einzubringen war und bleibt ein wirklich­keitsfremder Vorschlag. Karl V. ist aber nicht nur im Versuch, die Einheit der Christenheit wiederherzustellen, gescheitert, sondern hat auch keine Konzeption hinterlas­sen, die für die gegenwärtige Einigung Europas Anre­gungen birgt. Die Biographie von Schwarzenfeld hatte über den Buchtitel in dem ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwar die teilweise enthusiastische Hoffnung vieler Deutscher auf ein vereintes Eu­ropa und ihre Suche nach historischen Leitbildern reflektiert, jedoch hatte sich die Autorin nicht dazu ver­stiegen, eine solche Funktion Karl V. unmittelbar zuzuschreiben. Die Erinnerung an den Kaiser des 16. Jahr­hunderts beschwor nur eine bedeutende Persönlichkeit der Vergan­genheit, um ihren Lesern Hoffnung und Mut zu vermitteln für eine zukunftsorientierte Bewäl­tigung der Gegenwart unter einer politischen Perspektive, die sich für Europa schon einmal er­öffnet zu haben schien &#8211; ein historisch noch legitimes Verfahren. Daß hierbei Europa mit dem &#8218;Abendland&#8216; gleichgesetzt wurde, ergab sich für sie und andere, vor allem konservativ geprägte Autoren aus ihrer Einbindung in die Periode des <i>kalten Krieges</i> und deren Nachwirkung. Wenn jedoch Terlin­den seinem &#8222;gebildeten Publikum&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote83sym" name="sdendnote83anc">83</a></sup> die Herrschaftszeit Karls V. als &#8222;eine der glorreichsten Re­gierungen der Geschichte&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote84sym" name="sdendnote84anc">84</a></sup> offeriert, deren politisches Ziel &#8222;die Schaffung ei­nes geeinten Europa&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote85sym" name="sdendnote85anc">85</a></sup> war, dem Kaiser ein Handeln &#8222;getreu seiner europäischen Konzep­tion&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote86sym" name="sdendnote86anc">86</a></sup> zuschreibt und von einem &#8222;Programm der Eini­gung Euro­pas&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote87sym" name="sdendnote87anc">87</a></sup> spricht, geht er über Aussagen hinaus, die sich als historisch legitim bewerten lassen, sondern nur noch als zeitge­bunden erklärt werden können; zugleich bleibt Terlinden seinen Lesern die inhaltlich konkrete Be­schreibung oder gar Analyse eines derartigen Entwurfes schuldig &#8211; es sei denn, man sieht sie in dem ein einzi­ges Mal eingebrachten Begriff &#8218;Bündnis&#8216;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote88sym" name="sdendnote88anc">88</a></sup>. Ei­ne geschichtswissenschaftlich of­fene Frage ist es, ob es zum Er­reichen einer Univer­sal­monar­chie überhaupt ei­nen &#8222;Großen Plan&#8220; gab<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote89sym" name="sdendnote89anc">89</a></sup>. Wenig deutet auf die Annahme hin, das er entwickelt worden ist. Eine Universal­monarchie ließ sich anstreben, ohne daß ihre Gestaltung zuvor projektiert worden war. Karl V. und seinen Be­ratern ging es gegebenenfalls um die <i>Monarchia Universalis </i>in Form von Vor­herrschaft des Kaisers in Europa, nicht um einen Zusammenschluß gleichberechtigter europäi­scher Staaten durch &#8222;Bildung einer europäischen Union&#8220;. Der Traum Karls<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote90sym" name="sdendnote90anc">90</a></sup><i> </i>enthüllt sich als ein Traum Ter­lindens<i>.</i></p>
<p align="JUSTIFY">Die Analyse der strukturellen und mentalen Voraussetzungen im 16. Jahrhundert sowie beson­ders der Kaiser­idee hat ergeben, daß der Karl V. zugeschriebene Plan einer Einigung Europas in Form eines freiwillligen Zu­sammenschlusses der Staaten zu einer Gemeinschaft außerhalb der politischen Möglichkeiten und Intentionen des 16. Jahrhun­derts lag. Diese Erkenntnis wirft die Frage auf, wie und warum Terlinden zu derartigen Thesen gelangen konn­te. Um sie zu be­antworten, ist von seinem leitenden Erkenntnisinteresse auszugehen. Eigener Bekundung ge­mäß, wollte er Karl V. endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote91sym" name="sdendnote91anc">91</a></sup> und offenbar zugleich den Wurzeln des euro­päischen Einigungsstrebens nachspüren. Diese Aufgabenstellung ist ge­schichtswissenschaft­lich legitim. Ange­gangen ist er sie unter den Bedingungen seiner Soziali­sation und Lebensgestaltung als über­zeugter Europäer belgischer Nationalität, als Persönlich­keit, die im Bannkreis des Hauses Habsburg stand<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote92sym" name="sdendnote92anc">92</a></sup> und als ein Mensch, der offensichtlich dem römisch-katholischen Bekenntnis fest verbunden war<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote93sym" name="sdendnote93anc">93</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Vorgelegt hat Terlinden eine Biographie, die Liebe zum Detail verrät &#8211; ein kaiserliches Leben dargestellt in der bunten Vielfalt interessanter Einzelheiten, beschreibend und deutend unter dem Aspekt eines Belgiers, der stolz ist auf das Landeskind Karl und der in den burgundischen Besitzungen jenes Kaisers &#8222;eines der ersten Länder der Welt (sieht), das durch seine geogra­phische Lage befähigt war, eine besondere Rolle in einem geeinten Eu­ropa zu spielen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote94sym" name="sdendnote94anc">94</a></sup>. Mit heißer, von Liebe zur Sache zeugender, aber oft zu flüchtig genutzter Feder<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote95sym" name="sdendnote95anc">95</a></sup> abgefaßt, stili­siert Terlinden seinen Landsmann zu einem europäischen Helden, dessen politischem Wollen legenden­haf­te Züge eignen. Karl V. wird von ihm stärker als bei den anderen Autoren verklärt und überhöht gezeichnet. Bewußt sagenhafte Geschichte erzählen zu wollen, dürfte Terlinden ferngelegen haben, aber auch unbeabsich­tigter &#8222;historischer Legendenbildung ist &#8230; mit Ent­schiedenheit zu widerstehen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote96sym" name="sdendnote96anc">96</a></sup>. Legenden bergen zwar kaum Gefahren für den historisch Ver­sierten, wird er sich doch mit ihnen kritisch auseinandersetzen. Andere Leser können jedoch der Faszination der interessant abgefaßten Lebensbeschreibung erliegen und durch sie ein Bild von einer vergangenen historischen Wirklichkeit rezipieren, das traditionsbildend wirkt, weil es schein­bare Bezüge zur Gegenwart enthält. Legenden sind meist die Grundlage von Tradition; zwischen Tradition und Legende besteht aber nicht nur ein Wechselverhältnis, sondern Legen­denbildung ist eine Voraussetzung der Indienstnahme der Tradition für ideologische Zwecke. Der Gefahr, eine derartige Legen­de zu schaffen, ist Ter­linden in­folge seines Engagements für Europa und ein belgisches Landeskind erlegen. Ziel­setzung, Gestaltung und In­halt lassen fol­gern, daß er ebenso wie diejenigen, die die Münzbilder zu verantwor­ten haben, sich über seinen Helden nicht nur zur werdenden europäischen Ge­meinschaft bekennen, sondern auch auf deren Wurzeln ver­weisen wollte. In dieser Absicht haben sie die Erkenntnisgrenzen der Ge­schichts­wissenschaft aus dem Blick­feld verloren, sind zu Aussagen gelangt, auf denen eine problemati­sche Tradition vom Leitbild bis zur Ahnherrschaft aufbauen kann.</p>
<p align="JUSTIFY">Tradition bildet über kurz oder lang jede menschliche Vereinigung, und auch der Historiker steht bewußt oder unreflektiert in Traditionen. Über Tradition selbst ist nicht zu streiten, je­doch über ihre Inhalte können die Meinungen erheblich aufeinanderprallen. Niemand kann der Europäischen Union oder den aktiven Verfechtern der europäischen Einigungsbewegung ver­übeln, wenn sie sich traditionell auf Vorläufer besinnen. Es geht nicht um den Inhalt der Tradi­tion, sondern um ihr Verhältnis zur Geschichte. Dieser Sachverhalt sei auf eine kurze, aber harte Formel gebracht: Tradition heißt Manipulieren der Vergangenheit, dazu aber darf sich die Historie nicht einspannen lassen. Nichts gegen Manipulation, denn sie kann einem guten Zweck dienen. Vielleicht braucht eine Gemein­schaft ihre Helden. Nur sollte der Historiker sie nicht aussuchen, denn bei derartigen Überlegungen wird eine Tatsache leicht übersehen: Tradition ist Gegenwart. Die Menschen leben heute in der Tradition und suchen das Neue durch Rückgriffe auf die Vergangenheit zu bestätigen. Dabei ist es durchaus möglich, einerseits heutige Leitge­dan­ken oder auch andererseits gegenwärtig fragwürdig erscheinende Ideolo­gien mit ähnlichen oder gleichen einstmals tragfä­higen zu legitimieren<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote97sym" name="sdendnote97anc">97</a></sup>. Ebenso kann etwas Antiquiertes heute durchaus opportun erscheinen. Wie dem auch sei &#8211; es ist das Heute.</p>
<p>Der Historiker sollte &#8211; nach meinem Verständnis von geschichtswissenschaftlicher Arbeit &#8211; kei­nem Menschen, der in einer vergangenen historischen Wirklichkeit gelebt hat, dadurch histori­sche &#8218;Gerechtigkeit&#8216; widerfahren lassen wollen, daß er ihn für seine Gegenwart instrumentali­siert, und sei dieses auch im Sinne eines positiv be­setzten Leitbildes. Zurückhaltung ist unab­hängig davon geboten, ob sich jene Persönlichkeit ihrem Wesen und historischen Wirken nach für eine derartige Funktionszuweisung überhaupt eignet. Der Historiker bleibt der Vergangen­heit verpflichtet, er hat aus der kühlen Distanz des Wissenschaftlers zu recht­fertigen oder zu kriti­sieren, aber er hat sie nicht der Gegenwart unmittelbar dienstbar zu machen. Es ist hier nicht der Platz, sich über den Nutzen der Historie zu äußern. In bezug auf die Tradition läßt sich jedoch &#8211; wenn auch etwas pontiert &#8211; behaupten, es ist die Aufgabe des Historikers, ihr dauernd zu widersprechen. Bei einer Zusammenarbeit von Geschichtswissenschaft und Tradi­tion wird die Tradition nur ihrer ehrlichen Naivität be­raubt, die Historie da­gegen pervertiert.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es//RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen  &gt;&gt;  vollständiger Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab  &gt;&gt;]</a></p>
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		<title>Militärgeschichte. Zu Geschichte und Problemen einer Disziplin der Geschichtswissenschaft (1952-1967) + Reviews</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Wohlfeil]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Mar 2017 16:14:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Militärgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Militärgeschichtliches Forschungsamt]]></category>
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					<description><![CDATA[Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil<BR>MILITÄRGESCHICHTE.<BR>Zu Geschichte und Problemen einer Disziplin der Geschichtswissenschaft (1952 – 1967) – Für Gerhard Papke – <BR><BR>Am 21. Januar 1970 wandte sich der Unterabteilungsleiter Fü S VII des Bundesministers für Verteidigung an dessen Parlamentarischen Staatssekretär mit einer ‚Anregung‘ für die neu anstehende Entscheidung über Auftrag und Struktur des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Es wäre zu berücksichtigen, wel­che Folgen es zeiti­gen könne, wenn das MGFA die angelaufene Gesamtdarstellung der Geschichte des Zweiten Welt­krieges gemäß der Konzeption durchführen sollte, die sein erster, inzwischen aus dem Bun­desdienst ausgeschie­dener Leitender Historiker, Professor Dr. Andreas Hillgruber, am 11. Oktober 1968 dem Amts­chef MGFA vorgelegt und am 25. Juni 1969 seinem Bericht an den Staatssekretär über Erfah­rungen im MGFA beigefügt hatte. [ … ]<p> <a class="continue-reading-link" href="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/militaergeschichte-zu-geschichte-und-problemen-einer-disziplin-der-geschichtswissenschaft-1952-1967/"><span>Weiterlesen &#62;&#62;</span><i class="crycon-right-dir"></i></a> </p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/wappen-MGFA-Freiburg.jpg"><img decoding="async" class="size-full wp-image-1749 alignleft" src="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/wappen-MGFA-Freiburg.jpg" alt="Wappen MGFA Freiburg" width="239" height="250" srcset="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/wappen-MGFA-Freiburg.jpg 239w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/wappen-MGFA-Freiburg-191x200.jpg 191w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/wappen-MGFA-Freiburg-143x150.jpg 143w" sizes="(max-width: 239px) 100vw, 239px" /></a>Prof.em.Dr.Rainer Wohlfeil:</p>
<h2 style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz74-RainerWohlfeil-Militaergeschichte.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><strong>Militärgeschichte.  </strong></a></h2>
<h3 style="text-align: center;"><strong>Zu Geschichte und Problemen einer Disziplin der Geschichtswissenschaft</strong></h3>
<h3 style="text-align: center;"><strong>(1952 &#8211; 1967)<br />
</strong></h3>
<p style="text-align: center;">&#8211; Für Gerhard Papke &#8211;</p>
<p>Am 21. Januar 1970 wandte sich der Unterabteilungsleiter Fü S VII des Bundesministers für Verteidigung an dessen Parlamentarischen Staatssekretär mit einer &#8218;Anregung&#8216;<a href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a> für die neu anstehende Entscheidung über Auftrag und Struktur des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes<a href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a>. Es wäre zu berücksichtigen, wel­che Folgen es zeiti­gen könne, wenn das MGFA die angelaufene Gesamtdarstellung der Geschichte des Zweiten Welt­krieges gemäß der Konzeption durchführen sollte, die sein erster, inzwischen aus dem Bun­desdienst ausgeschie­dener Leitender Historiker, Professor Dr. Andreas Hillgruber, am 11. Oktober 1968 dem Amts­chef MGFA vorgelegt<a href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a> und am 25. Juni 1969 seinem Bericht an den Staatssekretär über Erfah­rungen im MGFA beigefügt hatte<a href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a>. Seine Konzeption hatte Hillgruber auf den Nenner gebracht: &#8222;Leitender Gesichtspunkt &#8230; ist die Einsicht, daß eine Gesamtdarstellung der Geschichte des Zweiten Welt­krieges ein Thema der <u>politischen Geschichte</u> ist und daß die militär- und kriegsgeschichtlichen Partien und Aspekte &#8211; so wichtig sie sind und welch breiten Raum sie innerhalb der Darstellung auch einnehmen wür­den &#8211; in einen von der politischen Geschichte dieses Krieges vorgezeichneten Rahmen eingefügt werden müssen.&#8220;<a href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></p>
<p>[ &#8230; ]</p>
<p style="text-align: center;"><span id="more-1627"></span></p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz74-RainerWohlfeil-Militaergeschichte.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen &gt;&gt; vollständiger Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab &gt;&gt;]</a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: center;"><span style="font-size: small; color: #234567;"><strong>svz  74</strong> &#8211; bibliografische Information:<br />
Rainer Wohlfeil:  <strong>Militärgeschichte.<br />
Zu Geschichte und Problemen einerDisziplin der Geschichtswissenschaft (1952-1967)</strong><strong>,</strong><b><br />
</b>in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 52, 1993, H. 2, 323-344<br />
</span>Für Gerhard Papke</h6>
<hr />
<p>[ &#8230; ]</p>
<p>Diese Anregung, im Grunde eine Warnung an die Leitung des Ministeriums, &#8218;Militärgeschichte als ein Thema der politischen Geschichte&#8216; bearbeiten zu lassen, ist wohl mit dem damaligen Amtschef, Oberst i. G. Dr. Herbert Schottelius, diskutiert, dem vorgesehenen Nachfolger Hillgrubers als Leitender Historiker, Professor Dr. Rainer Wohlfeil, jedoch nicht einmal eröffnet worden. Sie sollte, wie aus der Aktenlage her­vorgeht, in eine für ihn bestimmte künftige Dienstanweisung &#8218;militärische&#8216; Vorstellungen einbringen, die den Begriff &#8218;Militärgeschichte&#8216; im Vergleich zur Konzeption Hillgrubers spürbar eingrenzten. Unterschrie­ben war die Vorlage von Brigadegeneral Friedrich, abgefaßt aller Wahrscheinlichkeit nach vom Referen­ten Fü S VII 2, dem Oberstleutnant i. G. Dr. Carl Hans Hermann &#8211; einem Historiker<a href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a>.</p>
<p>Überraschender Weise begründete Hermann darin seine Vorstellung von Militärgeschichte nicht etwa aus einem eigenen Geschichtsverständnis<a href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a>, sondern mit einer in der &#8218;Zeitschrift für Militärgeschichte&#8216; der DDR 1969, also gewissermaßen gerade rechtzeitig erschienenen marxistisch-leninistischen Analyse der soge­nannten reaktionären westdeutschen Militärgeschichte durch Gerhard Förster<a href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a>. Hermann faßte den recht agressiven Inhalt mit folgenden Worten zusammen:</p>
<p>&#8222;In diesem sehr ausführlichen Beitrag der maßgebenden Fachzeitschrift der DDR werden die Publikatio­nen unsrer profilierten Militärhistoriker einer politischen Analyse unterzogen. Gleichgültig, was immer in unserem Landes (sic!) zur Zielsetzung militärgeschichtlicher Forschung geschrieben wurde &#8211; kein Name fehlt &#8211; es wird gebrandmarkt als</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&#8211; Beginn einer neuen Qualität der reaktionären westdeutschen Weltkriegsgeschichtsschreibung, deren We­sensinhalt die uneingeschränkte Orientierung auf die extremistischsten Kreise der Bundesrepublik Deutsch­land sei,</p>
<p>&#8211; als reaktionäre Politisierung der offiziellen Militärgeschichtsschreibung und Ruck nach rechts, eine An­nähe­rung an neonazistische Methoden mit dem Instrumentarium der geistigen Manipulierung der Bevölke­rung und der psychologischen Kriegführung,</p>
<p>&#8211; als Suche nach Lehren für die gegenwärtige und künftige imperialistische Politik Bonns sowie ihrer pro­gno­stischen Vorbereitung,</p>
<p>&#8211; als Verschärfung des innen- und außenpolitischen Kurses der aggressivsten Kräfte des deutschen Impe­ria­lismus und Militarismus.&#8220;</p>
<p>Aus diesen heute fast naiv-humoristisch anmutenden Angriffen &#8211; der Originaltext war dem Schreiben von Fü S VII in Kopie beigefügt &#8211; wurde als Schluß gezogen: &#8222;Sollte dieser (= Hillgrubers, d.V.) Vorstellung entsprochen werden, würde der Ostblock mit dem Vorwurf antworten, nun sei der schrankenlose Milita­rismus in der Bundesrepublik Deutschland offenkundig, denn jetzt usurpiere die Bundeswehr ein wissen­schaftliches Thema, für das sie gar nicht zuständig sei&#8230;. Fraglos muß die deutsche historische Forschung &#8211; auch die der Bundeswehr &#8211; sich ständig mit der DDR auseinandersetzen. Feld für die literarische Diskus­sion des MGFA ist aber nur die Militärgeschichte&#8220; &#8211; das hieß genau besehen die althergebrachte Kriegsge­schichte.</p>
<p>Letztere Aufgabenstellung im Sinne aktiven Tätigwerdens hat es für das MGFA, das sei nebenbei ange­merkt, offenkundig nicht gegeben, vielmehr wurde vor­nehmlich &#8218;reagiert&#8216; &#8211; eine Aussage, der hier nicht weiter nachgegangen werden kann, die sich aber als These aus entsprechender Verhaltens­weise erschlie­ßen läßt<a href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a>.</p>
<p>Mit diesem einen Beispiel aus dem Jahre 1969/70 ist die Problematik, d. h. der umstrittene wissenschaftli­che Standort des MGFA in den ersten anderthalb Jahrzehnten seines Bestehens eindeutig skizziert. Es ging kurz gesagt um die Frage, was ist Militärgeschichte erstens im allgemeinen geschichtswissenschaftlichen Konsens und zweitens als Aufgabengebiet des MGFA. Die Diskussionen um diese Themen in Wort und Schrift liefen bereits seit Anfang der 50er Jahre innerhalb und außerhalb der die Aufstellung deutscher Streitkräfte vorbereiten­den &#8218;Dienststelle Blank&#8216; unter we­sentlicher Anteilnahme des späteren ersten Amtschef des MGFA, Oberst i. G. Dr. Hans Meier-Welcker, seit 1955 federführend in dem von ihm gelei­te­ten Referat &#8218;Militärwis­senschaft&#8216; der Abteilung Streitkräfte (IV A 5, später Fü B III 4)<a href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a>; be­teiligt wa­ren innerhalb der kleinen interessierten Öffentlichkeit auch vereinzelte Historiker<a href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a>. Diese Erörterungen beeinflußten jedoch weder die Statik der Argumentation noch die Arbeit im Forschungsamt. Es hat in diesen Jahren im MGFA keine fortschrittliche wissenschaftliche Entwicklung gegeben, wie es immer wie­der gerne behauptet wird &#8211; etwa aus der geschichtswissenschaftlich unbedeutenden Kriegsgeschichte zu ei­ner zeitgemäßen sozialgeschichtlich orientierten Militärgeschichte. Wohl nur die Teamarbeit über &#8218;An­ciennität und Beförderung nach Leistung&#8216;<a href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a> oder die Arbeit von Manfred Messerschmidt über das Of­fi­zierkorps<a href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a>, alle aus dem Anfang der 60er Jahre, haben einen betont sozialgeschichtlichen Akzent. Das Gleiche gilt für das &#8218;Handbuch zur deutschen Militärgeschichte&#8216;<a href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a>, das &#8218;fachmilitärische&#8216; Fragen nur am Rande behandelt.</p>
<p>Das Charakteristikum dieser Jahre war also nicht stetig fortschreitende Entwicklung, sondern fortwährend gleichbleibende Spannung. Auf der einen Seite bestanden die Forderungen bestimmter militärischer Kreise und Institutionen, die Vergangenheit nach nützlichen Hilfen für die praktische Ausbildung und &#8218;innere Ausrichtung&#8216; der Soldaten, speziell der Offiziere, wissenschaftlich zu durchforsten. Auf der anderen Seite gab es das Bemühen des ersten Amtschefs, mit dem MGFA Militärgeschichte zu schreiben. Militärge­schichte schreiben hieß für ihn, er wollte im Gegensatz zur Kriegsgeschichte des Kaiserreiches und zur na­tionalsozialistischen Wehrgeschichte<a href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a> das Militär endlich als einen historischen Gegenstand behandelt und die Militärgeschichte als eine geschichtswissenschaftliche Disziplin anerkannt wissen. In der Auseinander­setzung mit dieser Militärgeschichte wollte er dem Militär helfen, seinen Standort zu bestimmen und sei­nen Aufgaben gewachsen zu sein.</p>
<p>Mit seinem Vorhaben entsprach Meier-Welcker zweifellos nicht den Plänen militärischer Führungs­stäbe, geriet damit &#8211; militärisch gesehen &#8211; auf ein Nebengleis, was sich auf seine &#8218;Karriere&#8216; auswirkte. Es ist ihm jedoch gelungen, in den acht Jahren seiner Zeit als Amtschef &#8211; 1964 wurde er pensioniert &#8211; ein Fun­dament zu legen, auf dem die Arbeit im MGFA der folgenden Jahrzehnte fußen konnte. Die eingangs er­wähnte Darstellung des Zweiten Weltkriegs in der großangelegten Reihe &#8218;Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg&#8216;<a href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a> ist &#8211; um ein Beipiel zu benennen &#8211; in seiner Konzeption ohne das unbeirrbare Wissen­schafts­verständnis des ersten Amtschefs undenkbar.</p>
<p>Die Diskussion, die sich in den Jahren bis etwa 1967 um diese Fragen abspielte, ist naturgemäß nur in Bruchstücken aus den Veröffentlichungen oder aus Akten zu analysieren. Eine durchdachte Konzep­tion ist einzig beim ersten Amtschef zu erschließen, nicht auf der Gegenseite. Die überlieferte, geradlinige, durchdachte Argumentation Meier-Welckers läßt erkennen, was er unter Forschung, aber auch unter Lehre in der Militärgeschichte verstanden wissen wollte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die folgende Behandlung der Fragen nach Wesen und Verständnis, Erkenntnisziel und Zweck und damit nach dem wissenschaftlichen Standort und nach dem Gegenstand, nach der Methode und nach den For­schungsansätzen, nach den Aufgaben und nach der Sinngebung geschichtswissenschaftlicher Forschung, wissenschaftlicher Geschichtsschreibung und didaktisch fruchtbarer Lehre der Militärgeschichte gliedere ich in folgender Weise:</p>
<p>I Wehrgeschichte &#8211; Kriegsgeschichte &#8211; Militärgeschichte</p>
<p>II Militärgeschichte als Teil der Geschichtswissenschaft und Forschungsgegenstand &#8211; Bestimmung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes</p>
<p>III Militärgeschichte als Lehre &#8211; Innerer und praktischer Nutzen</p>
<p>IV Abschließende Reflektionen</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>I</p>
<p>Daß für die überwiegende Mehrzahl der Historiker im MGFA die wesentliche Zielsetzung ihrer Arbeit im geschichtswissenschaftlichen Auf­trag bestand, sich der Militärgeschichte in Forschung und Darstellung zu widmen, war um 1970 unbe­stritten &#8211; erneut jedoch die Frage aufgeworfen worden, was unter Militärge­schichte zu verstehen sei. Aus Hillgru­bers Sicht wurden 1968/69 im MGFA zwei divergierende Auffas­sungen von Militärgeschichte vertreten &#8211; einer­seits seine im Verständnis eines Teiles der politischen Ge­schichte, andererseits &#8222;eine we­sentlich engere, rein fachbezogene&#8220;<a href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a>. Im militärischen Bereich fanden je­doch zugleich weiterhin die Begriffe &#8218;Wehrgeschichte&#8216; und &#8218;Kriegsgeschichte&#8216; Verwendung.</p>
<p>Für die geschichtswissenschaftliche Forschung und Lehre in der Bundeswehr war es von grundlegender Be­deutung gewesen, daß mit dem Aufstellungsbefehl vom 5. Juli 1956 für die Militärgeschichtliche For­schungs­stelle, die ab 13. Januar 1958 die Bezeichnung Militärgeschichtliches Forschungsamt führte, eine &#8211; heute wie selbstverständ­lich erscheinende &#8211; Entscheidung zugunsten einer Zusammenfassung der einschlä­gigen Arbeitsfelder für alle Teilstreitkräfte in einem &#8218;geschichtlichen Dienst&#8216; gefallen war &#8211; damals eine im Ver­gleich zu analogen Institutio­nen anderer Staaten höchst moderne Lösung<a href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a>. In der Binnenstruktur des MGFA blieb allerdings mit der Glie­derung in Abteilungen entsprechend der Teilstreitkräfte das überlie­ferte Denken erhalten<a href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a>.</p>
<p>In die Bezeichnungen für die Binnenstruktur des MGFA war auch der Terminus &#8218;Allgemeine Wehrge­schichte&#8216; aufgenommen worden, nachdem ihn auch Meier-Welcker noch in seinen ersten Formulierungen und Veröf­fentlichungen benutzt hatte<a href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a>, begriffen seinerseits aber schon im Verständnis von Militärge­schichte; danach schwand er aus dessen Sprachgebrauch. Obgleich Gerhard Papke den Begriff 1961 pro­blematisiert hatte<a href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a>, wurde er zum Beispiel von Her­mann Heidegger als einem Mitarbeiter des MGFA weiterhin benutzt<a href="#sdfootnote22sym"><sup>22</sup></a>. Er verlor seinen &#8218;Reiz&#8216; auch nicht, nachdem 1967 Rainer Wohlfeil aufge­zeigt hatte, wie sehr er durch seine Nut­zung in der NS-Zeit ideolo­gisch-programmatisch belastet war<a href="#sdfootnote23sym"><sup>23</sup></a>: Als eine Art militaristischer Auffassung von Geschichte zielte eine weg­weisende Konzeption der Wehrgeschichte letzt­endlich darauf ab, die Geschichts­wissenschaft neu zu orientie­ren, und zwar auf eine vom &#8218;Wehrden­ken&#8216; her bestimmte und auf das &#8218;Wehrwe­sen&#8216; hin ausgerichtete politi­sche Geschichte. Dennoch wurde und wird der Begriff weiterhin, wenn auch meist wohl unreflektiert hinsicht­lich des ihm verbundenen Be­zugsystems benutzt, beispielsweise 1969 vom dritten Amtschef des MGFA<a href="#sdfootnote24sym"><sup>24</sup></a> oder 1971 in gewissermaßen demon­strativer Selbstverständlichkeit von Paul Hein­sius<a href="#sdfootnote25sym"><sup>25</sup></a>, &#8218;legitimiert&#8216; nicht zuletzt dadurch, daß er für den Aufga­benbereich der Lehrer in Militär- und Kriegsge­schichte an den Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr als Oberbegriff im Gebrauch ist<a href="#sdfootnote26sym"><sup>26</sup></a> und daß das seit 1963 unter der fachlichen Leitung des MGFA stehende ehema­lige Historische Museum Schloß Rastatt<a href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a> in Wehrge­schichtliches Museum um­benannt wurde. Damit ist als erstes Analyseergebnis festzuhalten, daß es im Bereich der Bundeswehr keine einheitliche, gar in einem reflektierten, bewußt benannten Bezugssystem theoretisch fundierte Ter­minologie für ge­schichtswissenschaftliche Tätigkeiten und Institutionen gab und gibt, wie bereits 1961 Papke<a href="#sdfootnote28sym"><sup>28</sup></a> und 1962 Albrecht Charisius<a href="#sdfootnote29sym"><sup>29</sup></a> vermerkt hatten. &#8211; Ähnli­ch verhält es sich mit den Begriffen Kriegswissenschaft, Wehrwissenschaft und Militär­wissenschaft. Die Anre­gung von Werner Gembruch, auf sie zu ver­zichten, weil eine besondere wissenschaftliche Disziplin dieser Art weder entwickelt worden ist noch über­haupt die Bedin­gungen für ihre Begründung gege­ben sind, wurde lange nicht aufgegrif­fen<a href="#sdfootnote30sym"><sup>30</sup></a> &#8211; sie zu diskutie­ren ist hier jedoch nicht meine Aufgabe.</p>
<p>Verwirrender erwies sich der Begriff Kriegsgeschichte<a href="#sdfootnote31sym"><sup>31</sup></a>, weil ihm zwei Bedeutungen immanent sind, ohne daß sein jeweiliges Bezugssystem stets klar benannt wird &#8211; entweder als handlungsorientierte Erfah­rungslehre im Verständnis von &#8218;Kriegskunde&#8216;<a href="#sdfootnote32sym"><sup>32</sup></a>, die Kenntnisse über die Entwicklung der Kriegstheorie und -praxis ver­mit­telt und deren An­wendung in vergangenen Kriegen als Studienobjekt für den Offizier diente und einge­bracht wurde bei der militärischen Ausbildung<a href="#sdfootnote33sym"><sup>33</sup></a> , oder als geschichtswissenschaftliche Disziplin. Im letzteren Sinne enthält der Be­griff vor allem einen zweifachen Inhalt, einerseits die Ge­schichte des Kriegskunst, ande­rerseits die Geschichte der Kriege, und das heißt Militärgeschichte im Kriege. Um diese so begrifflich ver­schwommene Kriegsge­schichte und ihre Methoden entspann sich 1955 eine öffentliche Diskussion, die Meier-Welcker auf Anregung von General Heusinger in Gang brachte<a href="#sdfootnote34sym"><sup>34</sup></a> und in sie abermals 1956 im Wissen darum eingriff, daß der Histori­ker Geschichte um wissenschaftlicher Erkenntnisse halber betreibt, der Soldat sich dagegen ihr im allgemeinen &#8222;um der Nutzanwendung willen&#8220; gewidmet hatte<a href="#sdfootnote35sym"><sup>35</sup></a>.</p>
<p>Weniger problematisch erwies sich das Verständnis des Begriffs Militärgeschichte. Vor 1945 im deutschen Sprachbereich nicht verwandt, wurde er ab etwa 1954 im amtlichen Gebrauch herangezogen<a href="#sdfootnote36sym"><sup>36</sup></a>, ohne daß er zunächst eine genauere Gegenstandsbestimmung erfuhr. Dieser wandten sich später vor allem Johann Christoph Allmayer-Beck<a href="#sdfootnote37sym"><sup>37</sup></a>, Wolfgang v. Groote<a href="#sdfootnote38sym"><sup>38</sup></a> und Wohlfeil zu. Von Wohlfeil wurde herausgestellt, daß der Begriff Militärge­schichte zutreffend die historische Dis­ziplin be­zeichnet, die sich der Geschichte der be­waffneten Macht als <u>eines</u> institutionalisierten Faktors des gesell­schaft­lichen Lebens im Rah­men ei­nes Staats­ganzen widmet und unter diesem Aspekt eine Bestimmung des histori­schen Gegenstandes der Militärgeschichte vorgelegt<a href="#sdfootnote39sym"><sup>39</sup></a>; För­ster hat sie sachlich und ohne Polemik im Zu­sam­menhang zitiert<a href="#sdfootnote40sym"><sup>40</sup></a>, Manfred Messerschmidt zentrale Forschungsfelder aufgezeigt<a href="#sdfootnote41sym"><sup>41</sup></a>. Mit der um­risse­nen Einordnung der Mili­tärge­schichte in die allge­meine Geschichts­wis­senschaft als eine ihrer Disziplinen lag damit für sie eine Be­griffsbe­schreibung vor. Auf sie haben sich bis hin­ein in die Ge­genwart militärgeschichtli­che Veröffent­li­chungen bezo­gen<a href="#sdfootnote42sym"><sup>42</sup></a>.</p>
<p>Zusammenfassend ist festzuhalten: Die Militärgeschichte als Wissenschaft im Bereich der Bundeswehr er­hielt von Anfang an ihr Bezugssy­stem in der allgemeinen Geschichtswissenschaft zugewiesen, innerhalb derer sie eine Disziplin werden sollte. Von Beginn an durch ihre Begründung auf die historisch-kritische Methode un­zweideutig als Wis­senschaft konstituiert, wurde für die militärgeschichtliche Forschung und Darstellung die überlieferte mili­tärische Vorstellung zurückgewiesen, daß nur oder zumindest vornehmlich der Soldat befähigt und daher legitimiert sei, sich auch ohne wissenschaftliche Ausbildung der sog. Kriegswissenschaft zu widmen. Die theoretische Grundlage der Militärgeschichte war das Konzept des Historismus, infolgedessen mußte sie sich später &#8211; wie generell die Geschichtswissenschaft &#8211; einem kriti­schen Nachdenken über den eigenen Standort stellen und offenbare Schwächen im methodologischen Be­reich reflektieren. Ihr Gegenstand wurde zunächst nicht klar in seinem Verhältnis zu anderen historischen Arbeitsfeldern abgegrenzt, vor­nehmlich je­doch als Geschichte der bewaffneten Macht in den Kontext po­litischer Geschichte eingeordnet, orientiert be­sonders an der historischen Befassung mit Ereignissen und Handlungsträgern. Im Verständnis eines Teiles der politischen Geschichte hat sie auch Hillgruber definiert, diskutabel im Zusammenhang mit seiner Konzeption für eine Gesamtdarstellung des Zweiten Weltkrieges, jedoch nicht zu akzeptieren im Sinne einer eigenständigen historischen Disziplin. Zum Zeitpunkt seiner Gegenstandsbestimmung lag be­reits dessen Beschreibung durch Wohlfeil vor &#8211; keinesfalls &#8222;eine wesentlich engere&#8220; oder gar &#8222;rein fachbe­zogene&#8220;, sondern ausgerichtet an dem historischen Sachverhalt &#8218;Militär in Frieden und Krieg&#8216;, begriffen in der Fülle und Komplexität seiner Erschei­nung. Im wissenschaftlichen Ver­fahren zunächst der historischen Methode im engeren Sinne verpflichtet, wurde die Militärgeschichte durch die Gegenstandsbestim­mung von 1967 offen auch für neue methodische An­sätze.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>II</p>
<p>Das MGFA stand von vornherein vor der Aufgabe, durch seine Veröffentlichungen gegenüber Ge­schichtswissen­schaft und Öffentlichkeit nachzu­weisen, daß seine Ge­schichtsschreibung weder im Rahmen amtlicher Aufga­benstellung oder gar auf der Grundlage eines Auftrages aus der Bundeswehr irgendwie gearteten &#8218;Vorgaben&#8216; oder &#8218;höheren Eingriffen&#8216; unterlag noch als &#8222;moralisches Ausbildungsmittel&#8220;<a href="#sdfootnote43sym"><sup>43</sup></a> oder als ideolo­gisches Instrument verstanden wurde, son­dern sich über den für seine begründeten Aussagen verantwortli­chen jeweiligen Mitarbeiter in Tatsachen-, Bedeutungs- und Sinngehalt methodisch reflektiert erar­bei­teten und inter­subjektiv überprüfbaren Ergebnissen und Erkenntnissen nach dem Wissenschafts­verständnis der noch an den konstituierenden Normen und Maßstäben des Historismus orientierten allge­meinen Ge­schichtswissenschaft verpflichtet begriff. Ein derartiges Selbstver­ständnis haben &#8211; unbeschadet mancher Schwächen in der konkreten Arbeit &#8211; Meier-Welcker<a href="#sdfootnote44sym"><sup>44</sup></a> und Amtsan­gehörige<a href="#sdfootnote45sym"><sup>45</sup></a> unbeirrbar vertre­ten. Bei­spielhaft für die programmatischen Vorstellungen und Forderungen des ersten Amtschefs seien einige sei­ner Kernsätze zitiert:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&#8222;Wenn aber die Militärgeschichte ihre Aufgaben erfüllen soll, dann ist dies nur möglich, wenn sie die Höhe der wissenschaftlichen Arbeit der allgemeinen Geschichtswissenschaft gewinnt. Die Militär- und Kriegsge­schichte ist nur ein Teil der gesamten Geschichtswissenschaft, wenn sie auch mit ihrem Erfahrungsgut in besonderer Weise den Streitkräften zu dienen hat. Es darf aber keine Isolierung der Militärgeschichte ge­genüber der allgemeinen Geschichte geben, wie sie früher in Deutschland in gewisser Weise festzustellen ist, vielmehr hat die Wissen­schaft von der Militär- und Kriegsgeschichte eine spezifische Aufgabe inner­halb der allgemeinen Geschichte zu erfüllen und bedarf deren Erkenntnisse und Impulse für ihre beson­dere Bestimmung. Die Militärgeschichtli­che Forschungsstelle steht also als militärische Dienststelle ihrem Wesen nach im Bereich der Geschichtswissen­schaft und hat die Brücke zu schlagen einerseits von der Ge­schichte zum militärischen Leben und andererseits von den gegenwärtigen militärischen Interessen und Fragestellungen zur Wissenschaft. Die Methode ihrer Arbeit kommt von der allgemeinen Geschichtswis­senschaft her.&#8220;<a href="#sdfootnote46sym"><sup>46</sup></a></p>
<p>Die ersten Veröffentlichungen aus dem MGFA lassen erkennen, daß offenbar der unmittelbaren Bekun­dung der individuellen Verantwortlichkeit des Autors für seinen Text zunächst überlieferte militärische Vorstellungen vom Zurücktreten des Verfassers hinter die Institution entgegenstanden. Sie wurden jedoch bald überwunden, zumal Meier-Welcker sogar in Team-Arbeit einen &#8222;für die Freiheit der Forschung nicht ungefährlichen Vor­gang&#8220;<a href="#sdfootnote47sym"><sup>47</sup></a> sah. Aus derartigem Selbstverständnis von wissenschaftlicher Arbeit &#8211; abgelei­tet wohl auch aus Artikel 5 (3) GG &#8211; resultierte, daß das Problem sog. amtlicher Geschichtsschreibung als eine im Laufe der Zeit ge­wissermaßen von selbst gelöste Aufgabe angesehen werden konnte. Dennoch sah sich Meier-Welcker 1959 veranlaßt, im inner­dienstlichen Bereich zu formulieren: &#8222;Ganz grundsätzlich möchte ich nochmals sagen&#8230; Die Militärgeschichte muß heraus aus der früheren Isolierung im Geistesle­ben der Nation und der Ge­schichtswissenschaft, von der sie nur ein Teil ist. Eine propagandistische Orien­tierung der Militärge­schichte innerhalb der Bundeswehr oder gegenüber der Öffentlichkeit wäre aber der Tod der Militärge­schichte als Wissenschaft, weil sie mit dem We­sen und der Arbeitsweise der Wissen­schaft unvereinbar ist, die nur durch Leistung wirken kann.&#8220;<a href="#sdfootnote48sym"><sup>48</sup></a></p>
<p>Dieses Selbstverständnis beruhte auf einer Konzeption, die Verirrungen der jüngsten Vergan­genheit mit ihrer &#8218;Umwertung aller Werte&#8216; unzweideutig benannte und verwarf<a href="#sdfootnote49sym"><sup>49</sup></a>, für wissen­schaftliche Lei­stungen und Überlie­ferung der älteren Vergangenheit unter streng kritischer Reflexion, beson­ders ihrer Schwächen, aufgeschlos­sen blieb<a href="#sdfootnote50sym"><sup>50</sup></a> und den Weg zum Neubeginn der Militärgeschichte nicht mehr im Bereich sog. Wehr- oder Kriegswissenschaft<a href="#sdfootnote51sym"><sup>51</sup></a> suchte, sondern zur historischen Disziplin wies und bahnte<a href="#sdfootnote52sym"><sup>52</sup></a>. Sie vorge­legt und damit den theoretischen Standort zukünftiger Militärgeschichte bestimmt, öffentlich vertreten<a href="#sdfootnote53sym"><sup>53</sup></a> und gegen Widerstände im Bereich der Bundeswehr<a href="#sdfootnote54sym"><sup>54</sup></a> für das MGFA durchge­fochten zu haben, war und bleibt das Verdienst von Meier-Welcker<a href="#sdfootnote55sym"><sup>55</sup></a>. Seine Standortbestimmung für das MGFA sollte m. E. bis heute nichts an progammatischer Bedeu­tung verloren haben:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&#8222;Ich nenne die Bestimmung des MGFA zusammenfassend: Geschichtliche Besinnung und militärgeschicht­liche Forschung. Die geschichtliche Besinnung ist eine ethische Verpflichtung. Angesichts der heutigen Betriebsam­keit brauchen wir auch im militärischen Bereich einen Ort, an dem man sich auf die Geschichte besinnt und sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Gedanken müssen erarbeitet und weitergegeben werden, die Geltung beanspruchen dürfen. Die geistige Tradition muß wachgehalten werden mit der Be­reitschaft, Legenden zu zerstören, Gültiges festzuhalten und Neues zu erfassen. Es muß immer die war­nende Stimme da sein, welche daran erinnert, daß in der militärischen Entwicklung zwar die materiellen Dinge ihre mächtige Forderung gel­tend machen, daß aber geistige und moralische Kräfte den Charakter und das Schicksal der bewaffneten Macht bestimmen.&#8220;<a href="#sdfootnote56sym"><sup>56</sup></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>III</p>
<p>Zum Zeitpunkt der Problematisierung des Begriffs &#8218;Militärgeschichte&#8216; und seines Gegenstandes hatten Veröffentlichungen von Mitarbeitern des MGFA schon lange zuvor empörte Stellungnahmen von Lesern hervorgerufen mit dem Vorwurf, daß durch sie nationale Traditionen beeinträchtigt oder gar zerstört, kei­nes­falls aber Leitbilder für Solda­ten geformt werden würden<a href="#sdfootnote57sym"><sup>57</sup></a>, wurde aber auch noch 1970 von einem Of­fizier der Bundesma­rine kritisiert, daß an der Marine­schule in Flensburg Militärgeschichte &#8222;als rein mili­tär­fachliche Kriegsge­schichte gelehrt&#8220;<a href="#sdfootnote58sym"><sup>58</sup></a> worden sei. Hier kann auf die erstgenannte Kritik nicht weiter an­gegangen werden; der Unterricht in Militär- und Kriegsge­schichte an den Akademien und Schulen der Bundeswehr muß da­gegen insofern einbezogen werden, als das MGFA als &#8222;Mittler zwischen Forschung und Lehre&#8220; zu dienen hatte und ihre militärischen Lehrer als mit &#8218;Geschichte&#8216; befaßte Soldaten durch das MGFA für ihre Auf­gaben ausgebildet bzw. in sie eingewiesen wurden und seitens des Amtes ihren Lehrstoff erhalten soll­ten<a href="#sdfootnote59sym"><sup>59</sup></a>.</p>
<p>Die Gründung der Forschungsstelle hatte nicht zur Folge gehabt, daß über die Bezeichnung der Einrich­tung die Dis­kussion über das Wesen von Militärgeschichte abgeschlossen war. Den Kernpunkt der Ausein­andersetzun­gen bildete die Frage, was wird in der Bundeswehr unter Geschichte verstanden und in wel­cher Weise be­treiben ihre historischen Dienste Geschichtswissenschaft. In diesen Meinungsaustausch wurde die Öffent­lichkeit durch Meier-Welcker einbezogen<a href="#sdfootnote60sym"><sup>60</sup></a>, aus ihr gingen aber auch Anstöße hervor<a href="#sdfootnote61sym"><sup>61</sup></a>. Er wurde geführt einerseits über die analysierten Begriffe Wehr-, Kriegs- und Militärgeschichte, ande­rerseits in ei­nem Streit um das Pro­blem, welchen Nutzen erbringt vor allem die Kriegsgeschichte für den Soldaten.</p>
<p>An der Frage nach Zielsetzung und Nutzen dieses Unterrichts entzündete sich eine breitgefächerte Dis­kussion um Rolle und Bedeutung der Geschichte für die Streitkräfte, geführt vor allem vor der Aufstellung der Militär­geschichtlichen Forschungsstelle 1955/56 und nach dem Abschluß der Aufbauphase des Mili­tärge­schichtlichen Forschungsamtes um 1960/61 &#8211; nicht Werke wissenschaftlicher Geschichtsschreibung aus dem MGFA standen hier im Brennpunkt, sondern die Lehre in Militär- und Kriegsgeschichte<a href="#sdfootnote62sym"><sup>62</sup></a>. Der Streit ging, auf den Nenner gebracht, um die Frage, ob und gege­benenfalls was kann der Soldat in welcher Weise aus der Geschichte lernen<a href="#sdfootnote63sym"><sup>63</sup></a>, damit aber auch um Gegenstand und Methode.</p>
<p>Ebenso schwierig wie eine allgemein akzeptierte Begrifflichkeit durchzusetzen erwies sich die Aufgabe, eine Konzep­tion zur Bedeutung, Rolle und Auf­gabenstellung der Kriegsgeschichte im militärischen Bil­dungs- und Ausbildungs­bereich einzubringen. Vor allem für die Lehrinhalte und die Methode gab es kei­nen Entwurf aus einem Guß, nur einen Prozeß schrittweiser Neuorien­tierung<a href="#sdfootnote64sym"><sup>64</sup></a>; er stieß auf Vorbehalte und Wider­spruch.</p>
<p>Im Zentrum der Überlegungen von Meier-Welcker zur Kriegsgeschichte stand die &#8211; offenkundig von Jacob Burckhardts skeptischen Reflexionen über den Bildungswert der Historie geprägte<a href="#sdfootnote65sym"><sup>65</sup></a> &#8211; Frage, welchen Nutzen die Beschäftigung mit ihr dem Soldaten einbringe und ob bzw. was er aus ihr lernen könne<a href="#sdfootnote66sym"><sup>66</sup></a>. Als grundsätzlich verfehlte Betrachtungsweise bezeichnete er, Kriegsgeschichte ohne Einbindung in die Mili­tärgeschichte zu be­treiben<a href="#sdfootnote67sym"><sup>67</sup></a>, und ebenso klar stellte er fest, daß Erfahrungen &#8222;im letzten weder gelehrt noch gelernt&#8220; zu werden vermögen, sondern sich nur selbst erwerben ließen<a href="#sdfootnote68sym"><sup>68</sup></a>. Nach seiner Auffassung &#8222;sollte man sich um die Ge­schichte bemühen, ohne ständig auf den unmittelbaren Nutzen zu sehen&#8220;<a href="#sdfootnote69sym"><sup>69</sup></a>. Ge­schichte könne einzig als Bil­dungsfaktor wirksam werden. Dementsprechend bestritt er die Vorstellung, der Kriegsgeschichte eigne ein unmittelbarer Nutzen und Lehrwert, bezweifelte er, daß es sinnvoll sei, al­lein die Zeitgeschichte zu befragen<a href="#sdfootnote70sym"><sup>70</sup></a>, und wertete die Schulung der Urteilsbildung für wichtiger als das Wissen einiger Lehrsätze<a href="#sdfootnote71sym"><sup>71</sup></a>. Von Anfang an appellierte er zugleich generell an die Geschichtswissenschaft, die Militär- und Kriegsgeschichte als gleichbe­rechtigte Diszi­plin anzuerkennen<a href="#sdfootnote72sym"><sup>72</sup></a>. Seine Auffassung verfe­stigte er ein Jahr später. Er verwies auf Gefah­ren, durch welche die Kriegsgeschichte als Wissen­schaft ge­fährdet werden könne &#8211; durch Dilettantismus und durch die Vorstellung, der Soldat wäre allein von Be­rufs wegen befähigt, sich mit militärischer Geschichte zu befassen<a href="#sdfootnote73sym"><sup>73</sup></a>. Geboten sei dagegen, eine militär- und kriegs­geschichtliche Bildung zu erwerben, wobei Kriegsge­schichte nicht mehr anders gesehen und be­griffen wer­den könne &#8222;als in ihren weltweiten und komplexen Be­dingungen&#8220;<a href="#sdfootnote74sym"><sup>74</sup></a>. Nicht zuletzt betonte er abermals, daß Kriegs­geschichte nicht isoliert, sondern nur im Kontext der Militärgeschichte behandelt werden dürfe<a href="#sdfootnote75sym"><sup>75</sup></a>.</p>
<p>Meier-Welcker hatte sich in einer doppelten Frontstellung befunden, einerseits gegenüber denen, die Kriegs­geschichte &#8211; und damit auch Militärgeschichte &#8211; aus dem Kanon der militärischen Ausbildung strei­chen wollten, weil ihr angesichts der technischen Entwicklung kein Lehrwert mehr zugesprochen werden könne und ange­sichts zu vielen Unterrichtsstoffes Ausbildungsballast abgeworfen werden müsse<a href="#sdfootnote76sym"><sup>76</sup></a>. Diese Stimmen bleiben hier unberücksichtigt, weil sie sich nicht durchgesetzt haben. Härter waren die Auseinan­dersetzungen mit denen, die sich der Kriegsgeschichte im Sinne der überlieferten applikatorischen Me­thode als &#8222;selbstarbeitendes&#8220; bzw. angewandtes Lehrverfahren bedienen wollten, angeführt von Hermann Metz<a href="#sdfootnote77sym"><sup>77</sup></a>. Generaloberst a. D. Hans Reinhardt, Vorsitzender der Gesellschaft für Wehrkunde, forderte au­ßerdem, es sei &#8222;für alle Fälle &#8230; wichtig, daß der Unterricht eng abgestimmt sein muß mit dem Unter­richt in Taktik und Strategie, dem er immer helfend an die Hand gehen sollte&#8220;<a href="#sdfootnote78sym"><sup>78</sup></a>. Meier-Welcker setzte die­ser ersten Diskussion<a href="#sdfootnote79sym"><sup>79</sup></a> 1956 zusammenfassend und zugleich mit wegweisender Ausrichtung zunächst einmal ein Ende<a href="#sdfootnote80sym"><sup>80</sup></a>. Seine Stellungnahme hing mit seiner Be­arbeitung von Vorschriften und Richtlinien zu­sammen, die für den Unterricht in Militär- und Kriegsgeschichte ergingen<a href="#sdfootnote81sym"><sup>81</sup></a>. Auch für die Lehre an den Offizier­schulen sah er die Arbeit mit Quellen als wesentlich an<a href="#sdfootnote82sym"><sup>82</sup></a>.</p>
<p>Noch einmal betonte er die Gefahr, die in der Annahme liege, Kriegsgeschichte &#8222;ohne wissenschaftlich er­wor­bene Kenntnisse in der Geschichte&#8220; im wesentlichen auf der Grundlage eigener militärischer Erfahrun­gen lehren zu können<a href="#sdfootnote83sym"><sup>83</sup></a>. Die applikatorische Lehr-Methode, die er bereits in seiner ersten Veröffentlichung pro­blematisiert hatte<a href="#sdfootnote84sym"><sup>84</sup></a>, qualifizierte er nunmehr als &#8218;umstritten&#8216;<a href="#sdfootnote85sym"><sup>85</sup></a> und verwarf sie indirekt mit der Aus­sage, daß &#8222;angesichts der gesamten und besonders der jüngsten Entwicklung des Kriegswesens &#8230; die ge­schichtlichen Situationen mit allen ihren der Zeit zugehörenden Besonderheiten nicht mehr den Stoff ab(geben), um den militärischen Führer vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der praktischen Anwend­barkeit für die Gegenwart und Zukunft zu schulen&#8220;<a href="#sdfootnote86sym"><sup>86</sup></a>. Dennoch bilde die Militär- und Kriegsgeschichte &#8222;die Grundlage für die Offizier­ausbildung&#8220;, weil die Gegenwart nicht ohne Kenntnisse der Vergangenheit zu verstehen sei. Außerdem ver­mitteln die Erfahrungen der Militär- und Kriegsgeschichte &#8222;mittelbar fruchtbare Lehren&#8220;, so den &#8222;festen Bo­den für die stets nur hypothetische Weiterentwicklung des Kriegs­wesens im Frieden&#8220;<a href="#sdfootnote87sym"><sup>87</sup></a>. &#8222;Unersetzliche Lehr­werte&#8220; aber lägen in der Erkenntnis der Elemente und aller Er­scheinungsweisen des Kriegsgeschehens, bei­spielhaft aufgelistet über einen Katalog von Unterrichtsthe­men<a href="#sdfootnote88sym"><sup>88</sup></a>. Das Wesen des Krieges lasse sich in allen Zeitaltern studieren, wenn es in Materialien überliefert ist. Hauptaufgabe des kriegsgeschichtlichen Unterrichts sei jedoch, die Befähigung zu eigener Arbeit zu vermitteln, und insgesamt stehe und falle der Wert des Unter­richts mit der Persönlichkeit des Lehrers<a href="#sdfootnote89sym"><sup>89</sup></a>.</p>
<p>Abgeschlossen war damit die Diskussion jedoch nicht. Vornehmlich gerichtet an die Lehrer für Militär- und Kriegsgeschichte<a href="#sdfootnote90sym"><sup>90</sup></a> erörterte Friedrich Forstmeier &#8211; später vierter Amtschef &#8211; 1959 den &#8218;Nutzen&#8216; von Geschichte, besonders von Militär- und Kriegsgeschichte: Der &#8222;eigentliche Gewinn&#8220; bei ihrem Studium sei in der &#8222;Bereicherung der persönlichen Existenz, in der Erweiterung des Selbst durch Erkenntnis des &#8211; zu­letzt im Menschlichen Verhafteten &#8211; elementar Gleichen im Wandel der äußeren Bedingtheiten&#8220; gegeben<a href="#sdfootnote91sym"><sup>91</sup></a>. Gleichfalls 1959 regte die Schriftleitung der &#8218;Wehrkunde&#8216; nach einem Gespräch mit Generalinspekteur Heusinger an, sich erneut der Thematik zu widmen<a href="#sdfootnote92sym"><sup>92</sup></a>. In seinem ersten Beitrag griff 1960 Meier-Welcker den Wert des &#8218;inneren&#8216; anstelle des &#8218;praktischen oder unmittelbaren Nutzens&#8216; auf, diskutiert im Kontext der &#8222;radikalen Wandlung im Kriegswesen&#8220;<a href="#sdfootnote93sym"><sup>93</sup></a> und ex­emplifiziert in einem zweiten 1961 anhand der Schlacht bei Tannenberg 1914<a href="#sdfootnote94sym"><sup>94</sup></a>: Taktische Studien anhand kriegsgeschichtlicher Vorgänge, also keine Ermittlung hi­storischer Sachverhalte, sondern Klä­rung gegenwärti­ger Probleme am geschichtlichen Stoff, stellten keine Kriegsgeschichte dar<a href="#sdfootnote95sym"><sup>95</sup></a>. Weder aus der früheren noch aus der jüngsten Geschichte ließe sich praktischer Nutzen im überlieferten Sinne ziehen, daher sei eine Überbe­wertung der neuesten Geschichte, etwa die bevorzugte Behandlung des Zweiten Weltkriegs, nicht zu begrün­den. Unter &#8218;überliefertem Sinn&#8216; verstand Meier-Welcker die seinerseits bereits stark in Frage gestellte applika­torische Methode. Der &#8222;enge utilita­ristische Versuch, aus der vermeintlich nahe entsprechenden jüng­sten Ver­gangenheit unmittelbar prakti­sche Lehren in taktischer und operativer Hinsicht zu ziehen, (ist) heute verfehlter &#8230; denn je&#8220;<a href="#sdfootnote96sym"><sup>96</sup></a>. Aus der Kriegsgeschichte könne der Soldat &#8222;nicht Praktiken für den einen oder ande­ren Fall&#8220; erfahren, sondern lerne &#8222;sehen, erkennen und urteilen&#8220;<a href="#sdfootnote97sym"><sup>97</sup></a>. Deshalb dürfe die Kriegsgeschichte nicht von der Militärgeschichte abgetrennt werden, sondern müsse in ihrem Rahmen und generell dem der allgemei­nen Ge­schichte über­haupt begriffen werden. Indem Kriegsgeschichte &#8222;Kenntnis vom Wesen des kriegeri­schen Ge­schehens&#8220; vermittle, fördere sie &#8218;freies Sehen und Denken&#8216; und schule damit &#8218;Urteilsbildung&#8216; und &#8218;innere Si­cherheit&#8216;. Durch Kriegsgeschichte könnten &#8222;Wesen und Elemente des Kriegsgeschehens&#8220; kennen gelernt werden, &#8222;wie sie in wechselnden Formen zu allen Zeiten in Erscheinung getreten sind, aber doch immer wieder nur in ihrer historischen Besonderheit erkennbar und zu verstehen sind&#8220;<a href="#sdfootnote98sym"><sup>98</sup></a>.</p>
<p>Meier-Welckers Beitrag zur Diskussion des Gesamtproblems &#8218;Lernen aus der Geschichte&#8216; fand Zustim­mung zu seiner These des &#8218;inneren Nutzens&#8216; ebenso wie zu seiner Forderung, auch die jüngste Vergan­genheit histo­risch n u r als Geschichte zu sehen und zu begreifen<a href="#sdfootnote99sym"><sup>99</sup></a>, rief aber die Gegner ebenfalls auf den Plan. Ihre Auf­fas­sung trug prononciert Heidegger vor<a href="#sdfootnote100sym"><sup>100</sup></a>. Auch er erkannte der Geschichte einen in­ne­ren Nutzen zu, darüber hinaus und vor allem aber qualifizierte er die Kriegsgeschichte als &#8220; eine stete, praktischen Nutzen bringende Quelle der Vorbereitung und Belehrung für den Beruf&#8220;<a href="#sdfootnote101sym"><sup>101</sup></a>; &#8222;b e v o r z u g &#8211; t e Beschäftigung mit der jüngsten Kriegsgeschichte&#8220; erachtete er als &#8222;dringendes Gebot&#8220;<a href="#sdfootnote102sym"><sup>102</sup></a>. Folgerichtig be­wertete er die applikatorische Me­thode als &#8220; durchaus brauchbar&#8220; für &#8222;die Erziehung&#8220; des Offiziers &#8222;zu ei­nem verantwortungs- und entschei­dungsfreudigen Führer&#8220;<a href="#sdfootnote103sym"><sup>103</sup></a>, womit er beflissentlich die &#8218;Lehren&#8216; aus der &#8218;Kriegsgeschichte&#8216; überging, die sich als Erkenntnis aus der Anwendung der applikatorischen Methode beispielsweise im Ersten Weltkrieg ziehen ließen. Zu intensive geistige Beschäftigung, die &#8222;Überfütterung mit Historie&#8220;, und die &#8222;übertriebene Intellektualisierung des Offizierkorps&#8220; schwäche dage­gen die Befähi­gung zum Handeln und die Einsatzbereitschaft von Streitkräften<a href="#sdfootnote104sym"><sup>104</sup></a>.</p>
<p>Daß in der Unterrichtspraxis angestrebt werden müsse, der Stoffülle zu begegnen, wurde von Forstmeier ein­geräumt, ihrer etwa durch Bevorzugung der jüngsten Vergangenheit Herr zu werden, jedoch abgelehnt, und die applikatorische Methode abermals als fragwürdiger denn je eingestuft<a href="#sdfootnote105sym"><sup>105</sup></a>. Am schärfsten kritisiert wurde Heidegger von Papke<a href="#sdfootnote106sym"><sup>106</sup></a>: Heidegger setze &#8222;den praktischen Nutzen als den selbstverständlichen und gar nicht zu diskutierenden Zweck der Kriegsgeschichte voraus und fragt lediglich, ob sie &#8218;heute noch&#8216; die­sen Zweck erfüllt&#8220; &#8211; das sei eine These, die sich &#8222;aus einer grundsätzlich anderen Geschichtsauffassung ab­leitet&#8220;<a href="#sdfootnote107sym"><sup>107</sup></a>. Hier offenbare sich im Vergleich mit Meier-Welcker &#8222;eine Antinomie, die ganz allgemein die heutige Auseinander­setzung um die Kriegsgeschichte beherrscht&#8220;<a href="#sdfootnote108sym"><sup>108</sup></a>. Kriegsgeschichte werde aus militäri­scher Sicht und Überliefe­rung als &#8222;eine Art antiquierter Gegenwartskunde&#8220; begriffen<a href="#sdfootnote109sym"><sup>109</sup></a>. Auch Heideggers &#8222;Aversion gegen die &#8218;über­triebene Intellektualisierung'&#8220; habe nichts mit dem &#8218;Sinn der Geschichte&#8216; zu tun, offenbare vielmehr analog zu seiner Geschichtsbetrachtung &#8222;ein althergebrachtes militärisches Denken, das sich gegen den Einbruch des historischen Denkens in seine Sphäre wehrt, und das ebenso althergebrachte Bemühen, dem Offizier seine Naivität zu bewahren, die zu der Forderung führen, auch unter den Zeichen der neuen Zeit im Kriegsge­schichtsunterricht möglichst an veraltete Vorstellungen anzuknüpfen.&#8220;<a href="#sdfootnote110sym"><sup>110</sup></a> Als Ergebnis seiner Analyse folgerte Papke, daß es keinen Kompromiß, sondern &#8222;nur die Alternativlösung: Kriegskunde oder Kriegsgeschichte&#8220; geben könne<a href="#sdfootnote111sym"><sup>111</sup></a>. Während Kriegsgeschichte ein Bildungsfaktor sei, die &#8222;nur dann etwas geben (könne), wenn sie als das begriffen wird, was sie ist &#8211; als Geschichte&#8220;<a href="#sdfootnote112sym"><sup>112</sup></a>, handle es sich bei der Kriegskunde um den &#8222;ganzen Komplex der militärischen Erfahrungsauswertung und Vermitt­lung&#8220;<a href="#sdfootnote113sym"><sup>113</sup></a>. Ihren Wert zu diskutieren, stehe nicht an, der &#8222;Streit um Nutzen und Nachteil der Kriegsge­schichte&#8220; lasse sich &#8222;in eine pointierte Gegenüber­stellung zusammenraffen. Ist es das Ziel der Offizier­ausbildung einen möglichst vollkommenen Perfektionisten des Krieges zu schaffen, auf den man sich als Instrument verlassen kann, soweit es eben bei einem Instrument mög­lich ist, dann belaste man den Fah­nenjunker nicht mit Problemen, die seine angeschulte Sicherheit stören müs­sen, das heißt dann streiche man die Kriegsgeschichte aus dem Lehrplan und ersetze sie durch Kriegs­kunde. Glaubt man jedoch, daß der Offizier den Krieg geistig bewältigt haben sollte, den zu führen er bereit sein muß, daß also der Offi­zierberuf zu seinem Teil auch ein geistiger Beruf ist, dann muß man das Risiko ein­gehen, ihn an die Aus­einandersetzung mit dem Inhalt und dem Wesen seines Berufes heranzuführen. Dann öffne man ihm im Kriegsgeschichtsunterricht dazu den Weg.&#8220;<a href="#sdfootnote114sym"><sup>114</sup></a> Folgerichtiger ließ sich vom Boden einer Ge­schichtsauffas­sung, die theoretisch dem Konzept des Historismus verpflichtet ist, nicht argumentieren, um Sinn und We­sen von Kriegs- und Militärgeschichte zu bestimmen.</p>
<p>Daß zwei divergierende Konzeptionen zum Nutzen der Geschichte für die Bundeswehr bestanden, und dies besonders zu den Prinzipien ihrer Lehre, war offenkundig, und auch das Bemühen von Gerhard Göhler, die Diskussion zusammenfassend Wege und Möglichkeiten der Militär- und Kriegsgeschichte mit­tels einer Analyse des Nutzens und damit über eine philosophische Erfassung des Problems durch einen Neuansatz zu weisen<a href="#sdfootnote115sym"><sup>115</sup></a>, fand kaum Widerhall. Diese Situation wertete 1965 Volkmar Regling als Nach­weis der Freiheit von Forschung und Lehre in der Bundes­wehr<a href="#sdfootnote116sym"><sup>116</sup></a> &#8211; eine These, mit der die Analyse der Problematisierung von Sinn und Wert der Kriegsgeschichte für Bildung und Ausbildung in der Bundes­wehr während des ersten Jahrzehnts ihrer &#8218;historischen Dienste&#8216; mit Zentrum im MGFA abgeschlossen werden soll.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>IV</p>
<p>Die Aufgabe, eine neue Methode zu erarbeiten, hatte sich von Anfang an im Bereich des Kriegsge­schichtsunterrichts gestellt, weil das überlieferte, sog. ange­wandte Lehrverfahren der applikatorischen Methode umstritten war. Der Streit um die Nutzenfrage &#8211; &#8218;innerer&#8216; oder &#8218;praktischer&#8216; Nutzen, Bildung oder Ausbildung &#8211; war 1967 nicht beigelegt, auch wenn die Mehrheit der öffentlichen Diskutanten Aufga­ben, Inhalt und Ziel der Lehre nur vom Bildungswert der Geschichte her be­stimmt sehen wollten. Bei die­sen Erörterungen ging es &#8211; das sei ausdrücklich wiederholt &#8211; in erster Linie um die Lehre, nicht um die Forschung. Zugleich war es eine Diskussion, die offenbar kaum Notiz genommen hatte von der gleichzeiti­gen breiten pädagogischen und didaktischen Literatur in der &#8217;nicht&#8216;-militärischen Gesellschaft. In For­schung und Darstellung war dagegen wissenschaftlich begründete historische Erkenntnis im Kontext der allgemeinen Geschichtswissenschaft das unbestrittene Ziel. Durch diese Leistungen hatte sich die Militär­geschichte 1967 endgültig qualifiziert, als eine historische Disziplin anerkannt zu werden, bekundet nicht nur über ihre Standortbestimmung im Festvortrag des Staatssekretärs im BMVtdg, Professor Dr. Karl Carstens, anläßlich des zehnjährigen Bestehens des MGFA<a href="#sdfootnote117sym"><sup>117</sup></a>, sondern auch durch die wachsende Bereit­schaft von Vertretern der allgemeinen Geschichtswissenschaft, einerseits mit dem MGFA zusammenzuar­beiten, und andererseits der Militärgeschichte aufgeschlossener als zuvor der Kriegsgeschichte zu begeg­nen. Durch seine Veröffentlichungen hatte das MGFA nachgewiesen, daß ohne geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit der bewaffneten Macht in Frieden und Krieg eine vergangene historische Wirklichkeit nur unzureichend analysiert, historisch erklärt und deutend begriffen werden kann.</p>
<p>Daß darüber hinaus die Militärgeschichte nicht nur als ein Arbeitsfeld verstanden werden muß, das direkt oder mittelbar im Dienste einer kritischen Darstellung der bewaffneten Macht steht, sondern daß sie auch Grundlagenforschung für andere wissenschaftliche Disziplinen erbringen kann, ließe sich am Beispiel der Konflikt- und Friedensforschung aufzeigen. Diese darf nicht eo ipso als eine &#8218;Anti&#8216;-Militärgeschichte ein­gestuft und bewertet, sondern sollte hinsichtlich der Möglichkeiten wechselseitig befruchtender Zusam­menarbeit überprüft werden. Für meine eigenen Forschungen zum Problem &#8218;Frieden&#8216;<a href="#sdfootnote118sym"><sup>118</sup></a> hat sich jeden­falls die vorangegangene vieljährige Beschäftigung mit der Militärgeschichte sowohl als Fundus als auch als Anregung erwiesen. Auf eingefahrenen Gleisen kann weitergefahren werden, jedoch sollte auch der Mut aufgebracht werden, neue Streckenführungen für die eigene Arbeitsbahn zu erproben. Damit hat sich die Militärgeschichte bisher m. K. nach meist sehr schwer getan, beispielsweise in der Rezeption sozialge­schichtlicher Fragestellungen oder quantitativer Methoden bzw. in der Auseinandersetzung mit der mar­xistischen Militärgeschichte oder mit der &#8218;Frankfurter Schule&#8216;.</p>
<p>Geblieben sind auch die Spannungen zu Teilen der Bundeswehr, meist begründet in divergierenden Er­wartungshorizonten. So hatte die Bundeswehrführung dem ersten Amtschef keineswegs genau vorge­schrieben, was das MGFA zu erarbeiten habe. Sie sah in ihm durchaus den Fachmann, von dem es zu­sammen mit seinen Mitarbeitern geschichtswissenschaftlich fundierte Aussagen erwartete und erhielt. Die Differenzen entzündeten sich eher an dem Wunsch nach Applikation, d. h. nach der Anwendung der hi­storischen Forschungserkennt­nisse und -ergebnisse einerseits in der Ausbildung, andererseits auch zugun­sten des Selbstwertgefühls der Streitkräfte nach innen und ihrer Rechtfertigung nach außen. Nur selten und dann auch nur zögernd kann jedoch die Geschichtswissenschaft Errungenschaften oder auch Wünsche und Ideologien der Gegenwart aus der Vergangenheit als richtig bestätigen.</p>
<p>Für diesen Sachverhalt möchte ich abschließend &#8211; neben manchen Mißhelligkeiten und Verärgerungen, die im bundeswehrinternen Rahmen blieben &#8211; einen Problemkreis reflektieren, der auch in der inter­essierten Öffentlichkeit Diskussionen hervorrief &#8211; das Verhältnis von militärischer Tradition und Militärge­schichte.</p>
<p>Anfang der 60er Jahre wurde in militärischen Kreisen der Ruf nach einer offiziell geförderten und damit gewissermaßen geschützten militärischen Tradition hörbar. Wurden Angehörige der Bundeswehr in bunter Mischung gefragt, was eine solche Tradition beinhalten solle, kam fast stereotyp die Antwort: Erhaltung bewährter soldatischer Tugenden. Diese Vorstellungen und entsprechende Forderungen führten jedoch in der öffentlichen Meinung zu der Vermutung, daß sich hinter solchem, im Grunde ehrenwerten Bestreben ein moralpolitischer Anspruch verbarg, der die Streitkräfte allgemein aus den politischen Irrungen und Wirrungen aller Zeiten, also auch oder sogar besonders der NS-Zeit, herauszulösen versuchte und darüber hinaus für die Ge­genwart eine militärisch-uniforme Eigenständigkeit gegenüber der &#8218;zivilen&#8216;, d. h. der bür­gerlichen Welt ab­grenzte. Militärische Tradition konnte sich demnach zu einem Argument gegen den &#8218;Bür­ger in Uniform&#8216; auswirken.</p>
<p>Um solche leicht ausufernden Strömungen in der Bundeswehr in erträglichen Bahnen zu halten, sollte ein Traditionserlaß bestimmen, was traditionswürdig sei. Da es sich bei der Tradition offensichtlich um eine Beziehung zur Vergangenheit handelt, erwartete die Bundeswehrführung vom MGFA Unterstützung, wis­senschaftliche Mitarbeit und damit letztendlich eine Art von Beglaubigung. Meier-Welcker hat dieser For­derung widerstanden und seine Haltung mündlich wie schriftlich begründet. Er konnte sich dabei auf Uni­versitätshistoriker berufen, die seiner Auffassung zustimmten, wie Gerhard Ritter, Theodor Schieder, Percy Ernst Schramm oder Werner Conze, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen. Trotzdem hat seine Verweigerung der Reputation des MGFA bundeswehrintern sehr geschadet und ihm in den Streit­kräften den Ruf eingetragen, ein verbissener Traditionsgegner zu sein.</p>
<p>Das war ein Fehlschluß: Jede menschliche Vereinigung bildet über kurz oder lang Tradition und auch der (Militär-) Historiker steht bewußt oder unreflektiert in Traditionen. Über Tradition selbst ist also nicht zu streiten, jedoch über ihre Inhalte können die Meinungen erheblich aufeinanderprallen. Niemand kann der Bundeswehr verübeln, wenn sie sich traditionell auf ihre Herkunft aus der frühen Bundesrepubik besinnt. Schon bei der Wahl von Leitbildern aus der Wehrmacht erheben sich aber schwer zu beseitigende Zweifel. Personen oder Ereignisse aus früheren Epochen als aus der NS-Zeit sind eher akzeptabel, zumal man vor­nehmlich Gutes von ihnen überliefert weiß, etwa von Scharnhorst oder Clausewitz. Nur der versierte Mili­tärhistoriker weiß dazu, was bei diesen Gestalten auf der einen Seite zu überhöhen, auf der anderen zu streichen ist, um sie als gewissermaßen traditionswürdig herauszustellen. Danach frage man ihn aber am besten nicht. Und eben hier lag und liegt das Problem.</p>
<p>Es ging nicht um den Inhalt der Tradition, sondern um ihr Verhältnis zur Geschichte. Dieser Sachverhalt sei auf eine kurze, aber harte Formel gebracht: Tradition heißt Manipulieren der Vergangenheit, und das darf die Geschichte nicht tun. Nichts gegen die Manipulation, denn sie kann einem guten Zweck dienen. Vielleicht braucht eine Gesellschaft ihre Helden. Nur sollte der Historiker sie nicht aussuchen, denn bei derartigen Überlegungen wird eine Tatsache leicht übersehen: Tradition ist Gegenwart. Die Menschen le­ben <u>heute</u> in der Tradition und suchen das Neue durch Rückgriffe auf die Vergangenheit zu bestätigen. Dabei ist es durchaus möglich, gegenwärtig fragwürdig erscheinende Ideologien mit ähnlichen oder glei­chen einstmals tragfähigen Ideologien zu legitimieren. Ebenso kann etwas Antiquiertes heute durchaus op­portun erscheinen. Wie dem auch sei &#8211; es ist das Heute.</p>
<p>Der Historiker ist der Vergangenheit verpflichtet, er hat aus der kühlen Distanz des Wissenschaftlers zu rechtfertigen oder zu kritisieren, aber er hat sie nicht der Gegenwart dienstbar zu machen. Es ist hier nicht der Platz, über den Nutzen der Historie zu sprechen. In Bezug auf die Tradition ließe sich jedoch &#8211; wenn auch etwas pointiert &#8211; behaupten, es ist die Aufgabe des Historikers, ihr dauernd zu widersprechen. Bei ei­ner Zusammenarbeit von Geschichtswissenschaft und Tradition wird die Tradition nur ihrer ehrlichen Naivität beraubt, die Historie dagegen pervertiert. Es gibt kaum einen anderen Problemkreis, der die Di­vergenz zwischen wissenschaftlich freier und amtlich gebundener Geschichtsschreibung klarer verdeutlicht und die Entscheidung des ersten Amtschefs in ihrer Folgerichtigkeit bestätigt. Und diese damaligen Diver­genzen scheinen mir heute noch zu bestehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<p>Zur Vigenz dieser wegweisenden, von Rainer Wohlfeil 1967 veröffentlichten Definition der modernen Militärgeschichte sind in den letzten Jahren mehrere Reviews erschienen:</p>
<p>&#8211; Pommerin, Reiner. &#8222;Standortbestimmung am Fuß einer Leiter: Rainer Wohlfeil, Wehr-, Kriegs- oder Militärgeschichte?&#8220; <i>Militaergeschichtliche Zeitschrift</i>, vol. 76, no. s1, 2017, pp. 72-81. <a href="https://doi.org/10.1515/mgzs-2017-0155">https://doi.org/10.1515/mgzs-2017-0155</a><br />
URL: https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/mgzs-2017-0155/html</p>
<p>&#8211; Müller, Christian Th. &#8222;Klassiker. Rainer Wohlfeil, Wehr-, Kriegs- oder Militärgeschichte?, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 1 (1967), S. 21-29.&#8220; veröffentlicht im Portal Militärgeschichte des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V.am 10.10.2012.<br />
URL: https://www.portal-militaergeschichte.de/Wohlfeil_Milit%C3%A4rgeschichte1967</p>
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