{"id":1551,"date":"2017-03-08T07:05:43","date_gmt":"2017-03-08T06:05:43","guid":{"rendered":"http:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/?p=1551"},"modified":"2019-05-19T12:09:50","modified_gmt":"2019-05-19T10:09:50","slug":"kaiser-karl-v-ahnherr-der-europaeischen-union","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/kaiser-karl-v-ahnherr-der-europaeischen-union\/","title":{"rendered":"Kaiser Karl V. &#8211;  Ahnherr der Europ\u00e4ischen Union? <br>\u00dcberlegungen zum Verh\u00e4ltnis von Geschichte und Tradition"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Prof.em.Dr. Rainer Wohlfeil:<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/reflejarte.es\/\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Kaiser Karl V. &#8211; Ahnherr der Europ\u00e4ischen Union?\u00a0 <\/strong><\/a><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/reflejarte.es\/\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>\u00dcberlegungen zum Verh\u00e4ltnis von Geschichte und Tradition\u00a0 <\/strong><\/a><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anl\u00e4\u00dflich der deutschen Gedenkfeier zum 400. Todesjahr Kaiser Karls V. im Jahre 1958 hatte Peter Rassow (1889-1961) in seinem K\u00f6lner Festvortrag zum Thema &#8218;Das Bild Karls V. im Wandel der Jahrhunderte&#8216; in ei\u00adner Reflexion \u00fcber historische Legendenbildung gefolgert, &#8222;der historische Karl V. eignet sich nicht zur Galli\u00adonsfigur f\u00fcr das Schiff der Europa-Bewegung&#8220;<a href=\"#sdendnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>. Als beispielhaft f\u00fcr den Versuch, den Kaiser des 16. Jahrhun\u00adderts (1500-1558) als Symbolfigur f\u00fcr die Europa-Idee des 20. Jahrhunderts zu verwenden, hatte er das Buch &#8218;Emperor of the West&#8216; von D. B. W. Lewis aus dem Jahre 1932 herangezogen<a href=\"#sdendnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Karl-V-Tizian-1548.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1741\" src=\"http:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Karl-V-Tizian-1548.jpg\" alt=\"Karl V, Portrait von Tizian 1548\" width=\"500\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Karl-V-Tizian-1548.jpg 500w, https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Karl-V-Tizian-1548-200x112.jpg 200w, https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Karl-V-Tizian-1548-250x141.jpg 250w, https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Karl-V-Tizian-1548-150x84.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als Leitbild f\u00fcr die europ\u00e4ische Einigungsidee &#8211; Vereinigte Staaten von Europa &#8211; im Kontext der politischen Bestrebungen und des Europamemorandums von 1930 des franz\u00f6sischen Staatsmannes Aristide Briand (1862-1932) hatte Lewis Karl V. vorgestellt, weil von ihm eine sakrale Kaiseridee verfochten wurde, die unauf\u00adl\u00f6sbar mit der Einheit der \u00fcberlieferten r\u00f6misch-katholischen Christenheit verkn\u00fcpft war. Christliche Eintracht in ei\u00adnem Glauben war, wie bei Karl, die zentrale These von Lewis als Voraussetzung f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Zu\u00adsammen\u00adschlu\u00df. Lewis fol\u00adgerte, da\u00df Europa dann zu seiner Einheit zur\u00fcckfinden werde, wenn alle Christen, die in Religionsgemein\u00adschaften au\u00dferhalb der r\u00f6mischen Kirche lebten, zum katholi\u00adschen Bekenntnis zur\u00fcckkeh\u00adren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit seiner Betrachtung h\u00e4tte Rassow als profunder Kenner der Geschichte des Kaisers<a href=\"#sdendnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a> auch die Biographie &#8218;Karl V. Ahnherr Europas&#8216; von Gertrude von Schwarzenfeld (* 1906)<a href=\"#sdendnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a> heranziehen k\u00f6n\u00adnen. Erschienen 1954, entsprach der Buchtitel der Warnung Ras\u00adsows vor falschen Gallionsfiguren. Die Auto\u00adrin ver\u00adtrat die Auf\u00adfassung: &#8222;Und es ist wohl auch kein Zufall, da\u00df die Gestalt des letzten gro\u00dfen Kaisers des Abend\u00adlandes heute neue W\u00fcrdigung erf\u00e4hrt: seine Pers\u00f6nlichkeit r\u00fcckt uns nahe, weil heute die universale Idee in uns wiederer\u00adwacht; sein Scheitern\u00a0 [ &#8230; ]<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/reflejarte.es\/\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">[Weiterlesen\u00a0 &gt;&gt;\u00a0 vollst\u00e4ndiger Text mit Fu\u00dfnoten im pdf-Format \/ neuer Tab\u00a0 &gt;&gt;]<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<h6 style=\"text-align: center;\"><em><span style=\"color: #234567;\">Bibliografische Information: <strong>svz78<\/strong><\/span><\/em><br \/>\n<em> <span style=\"color: #234567;\"> Prof.em.Dr. Rainer Wohlfeil: <strong>Kaiser Karl V. &#8211; Ahnherr der Europ\u00e4ischen Union?<\/strong><br \/>\n<strong> \u00dcberlegungen zum Verh\u00e4ltnis von Geschichte und Tradition<u>,<br \/>\n<\/u><\/strong>in: Festschrift f\u00fcr Hans-J\u00fcrgen Goertz zum 60. Geburtstag, Leiden-New York-K\u00f6ln 1997<\/span><\/em><br \/>\n<em> <span style=\"color: #234567;\"> (= Studies in medieval and reformation thought), S. 221 &#8211; 242.<\/span><\/em><\/h6>\n<hr \/>\n<p align=\"JUSTIFY\">[ &#8230; ] ergreift uns, weil wir f\u00fchlen, da\u00df er f\u00fcr ein Grundprinzip Europas k\u00e4mpfte. Seine lebens\u00adlange Bem\u00fchung, das Umfassende und Allgemeine \u00fcber das Selbstinter\u00adesse der Teile zu stellen, gewinnt f\u00fcr uns neue Bedeutsamkeit, gilt es doch heute Europa als Ganzheit zusammenzufassen und es erneut an die alten, die ge\u00admeinsamen, die christlichen Werte zu binden.&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote5sym\" name=\"sdendnote5anc\">5<\/a><\/sup> &#8211; Die Zeitgebundenheit der Verfas\u00adserin ist damit un\u00fcber\u00adsehbar, aber die Bezeichnung ihres &#8218;Helden&#8216; als &#8218;Ahnherr Europas&#8216; d\u00fcrfte mehr dem wer\u00adbungsbe\u00adzogenen Ver\u00adlangen des Verlages als ihrer Intention entsprochen haben, denn eine derartige unmittel\u00adbar ge\u00adgenwartsverorte\u00adte Einordnung Karls V. findet sich nicht in ihrer Biogra\u00adphie. Die Verfasserin folgert in ihrem &#8218;Schlu\u00dfwort&#8216; nur, Karls Mi\u00df\u00adlingen ermahne uns, &#8222;die Suche nach dem gemein\u00adsamen Wort wiederaufzu\u00adnehmen, es fordert uns auf, die M\u00fc\u00adhe um ein geein\u00adtes Europa wei\u00adter\u00adzuf\u00fchren, es erinnert uns an die versun\u00adkene erasmische Mitte, die wieder ans Licht zu heben ist, damit Eu\u00adropa die Mitt\u00adlerstellung verwirkliche, zu der es berufen ist&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote6sym\" name=\"sdendnote6anc\">6<\/a><\/sup>. Gegenwartsbez\u00fcge brachte sie also nur zur\u00fcckhaltend ein.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Biographin beschwor also nicht die Einheit im r\u00f6misch-katholischen Glauben, sondern nur die christlichen als gemeinsame alte Werte. Sie verband zugleich die Hoffnung auf ein &#8218;Europa als Ganzheit&#8216; mit der universa\u00adlen Idee, kn\u00fcpfte diese aber nicht an die Vorstellung eines geein\u00adten Europa in einer weltweiten Ordnung, wie sie sich in den Vereinten Nationen h\u00e4tte anstre\u00adben lassen, sondern orientierte sich an den politischen Leitvor\u00adstellungen eines Kaisers aus dem 16. Jahrhundert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als Aufgabe f\u00fcr den zweiten Teil ( II. ) meiner \u00dcberlegungen \u00fcberpr\u00fcfe ich, ob der universalen Idee und damit den Leitvorstellungen Karls V. eine Bedeutung f\u00fcr die Gegenwart zukommt. Zun\u00e4chst ist nur festzuhalten, da\u00df Rassow die Biographie von Schwarzenfeld nicht erw\u00e4hnt hat. Hierf\u00fcr lassen sich vielerlei Gr\u00fcnde vermuten. Gr\u00f6\u00dfte Wahrscheinlichkeit birgt die An\u00adnahme, er habe das nicht streng geschichtswis\u00adsenschaftliche Werk gar nicht zur Kenntnis ge\u00adnommen. Als Verfasser einer Un\u00adtersu\u00adchung \u00fcber die Kaiseridee Karls V. h\u00e4tte er ande\u00adrenfalls auch auf dieses Buch eingehen m\u00fcssen. Reagiert h\u00e4tte er mit Sicher\u00adheit, wenn ausgewiesene Historiker seiner Generation seine Warnung \u00fcbergangen h\u00e4tten. Das Werk des Vicomte Char\u00adles Terlinden (1878-1972) h\u00e4tte seinen scharfen Widerspruch herausgefordert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Aus der Feder dieses Professors f\u00fcr Staatsrecht und f\u00fcr Geschichte an der Universit\u00e4t L\u00f6wen erschien 1965 in Br\u00fcgge die Biographie &#8218;Carolus Quintus \/ Charles Quint \/ Empereur des Deux Mondes&#8216;, die auch ins Nieder\u00adl\u00e4ndische und Spanische \u00fcbersetzt wurde und 1978 in deutscher Sprache unter dem Titel &#8218;Carolus Quin\u00adtus. Kai\u00adser Karl V. Vorl\u00e4ufer der europ\u00e4ischen Idee&#8216; mit einem Geleitwort von Otto von Habsburg vorgelegt wurde<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote7sym\" name=\"sdendnote7anc\">7<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Terlinden sah seine Aufgabe darin, &#8222;in einer Zeit, in der sich Europa unter dem Einflu\u00df politi\u00adscher und auch wirtschaftlicher Faktoren auf dem Wege zur Bildung einer harmonischen Ge\u00admeinschaft befindet &#8230; die gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeit eines illustren Vorl\u00e4ufers der europ\u00e4ischen Idee wachzurufen&#8220;, einen &#8222;illustren Vorl\u00e4ufer eines geeinten Europa vorzustellen&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote8sym\" name=\"sdendnote8anc\">8<\/a><\/sup>. F\u00fcr ihn war Karl V. nicht nur einer &#8222;der gr\u00f6\u00dften Herrscher aller Zeiten&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote9sym\" name=\"sdendnote9anc\">9<\/a><\/sup>, son\u00addern auch &#8222;ein gro\u00ad\u00dfer Euro\u00adp\u00e4er &#8230; Europ\u00e4er und gleichzeitig universaler Herrscher durch die Weite und Viel\u00adfalt seiner Besitzun\u00adgen, ebenso wie durch seine kaiserliche Auffassung der Einheit der alten Welt&#8220;, der &#8222;versuchte, das Heilige Reich Karls des Gro\u00dfen in seinem vollen Glanz wiederherzustellen&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote10sym\" name=\"sdendnote10anc\">10<\/a><\/sup>. Karls &#8222;Ideal &#8230; war der Aufbau der Ein\u00adheit Eu\u00adropas auf der Grundlage eines B\u00fcndnisses der christlichen Staaten zur Verteidi\u00adgung der Zivilisation ge\u00adgen die Gefahren aus dem Osten. In je\u00adner Zeit war diese Bedrohung ebenso ernst wie heute, in der an die Stelle der T\u00fcrken die So\u00adwjet-Union getreten ist&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote11sym\" name=\"sdendnote11anc\">11<\/a><\/sup>. St\u00e4rker kann ein Historiker wohl kaum die Zeitgebundenheit sei\u00adner Aussagen bekunden &#8211; ein wohl unbewu\u00dftes Bekenntnis, denn der Autor erhebt zumindest indi\u00adrekt den An\u00adspruch, &#8222;das Werk der Wiedergutmachung&#8220; gegen\u00fcber Karl V. verfa\u00dft zu haben<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote12sym\" name=\"sdendnote12anc\">12<\/a><\/sup>. Der Kaiser, der von der &#8222;Bildung einer europ\u00e4ischen Union&#8220; tr\u00e4umte<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote13sym\" name=\"sdendnote13anc\">13<\/a><\/sup>, strebte nach Terlinden an, ein &#8222;Programm der Einigung Europas&#8220; zu verwirklichen, doch sein Tod und &#8222;das Scheitern seiner Politik an Schwierigkeiten, so vielf\u00e4ltig, komplex und umfangreich, da\u00df menschliches Bem\u00fchen an ihnen zerbrechen mu\u00dfte, sollten die Verwirklichung der Idee eines geeinten Euro\u00adpas, dessen weitsichtiger Vorl\u00e4ufer er war, um vierhundert Jahre verz\u00f6gern&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote14sym\" name=\"sdendnote14anc\">14<\/a><\/sup>. Es war eine Konzeption, die Terlinden seinem &#8218;Helden&#8216; schon zu Beginn sei\u00adner Herrschaft als eigen zu\u00adschreibt<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote15sym\" name=\"sdendnote15anc\">15<\/a><\/sup> &#8211; eine Idee, die sich beispielsweise grunds\u00e4tzlich von der im Kontext des Ver\u00adtrages von Noyon (1516) w\u00e4hrend des zweiten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts vertretenen Hoffnung unter\u00adscheidet, da\u00df durch ein Gleichgewicht der M\u00e4chte Europa zu einer friedlichen Einheit fin\u00adden k\u00f6nne<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote16sym\" name=\"sdendnote16anc\">16<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eine Ann\u00e4herung an die inhaltliche Vorstellung Terlindens vom Begriff &#8218;Europa&#8216; soll zu Beginn des zweiten Teils mit einer Analyse versucht werden. Gertrude von Schwarzenfeld hatte die Bezeichnung &#8218;Abendland&#8216; ver\u00adwendet, ohne ihr Begriffsverst\u00e4ndnis n\u00e4her auf\u00adzuzeigen. Sie wurde als &#8222;eine mytische und re\u00adligi\u00f6s-politische Konzeption&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote17sym\" name=\"sdendnote17anc\">17<\/a><\/sup> in jenem Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg durch &#8222;ideologiesierende Vor\u00adstellungen von Geist und Kultur&#8220; gepr\u00e4gt und im Sinne vor\u00adnehmlich am Hergebrachten festhaltender, teilweise sogar restau\u00adrativer Tendenzen aufgenommen, eingesetzt besonders im Zeichen des Ost-West-Gegensatzes als Kampfkate\u00adgorie gegen das &#8218;Sowjetsystem&#8216; im Osten Euro\u00adpas. Der Begriff findet sich zwar nicht direkt bei Ter\u00adlinden, durchdringt jedoch unterschwellig als konservative politisch-ideo\u00adlogische Leitvor\u00adstellungen im katholi\u00adschen Verst\u00e4ndnis<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote18sym\" name=\"sdendnote18anc\">18<\/a><\/sup> die Konzeption seines Werkes und ebenso dessen Geleitwort von Otto von Habsburg, dem Pr\u00e4\u00adsidenten der Internationalen Paneurop\u00e4ischen Union.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als Fazit meiner Analyse des Werkes von Terlinden ist festzuhalten, da\u00df dieser Historiker die Pers\u00f6nlichkeit Karls V. im Sinne einer Leitbildfunktion gedeutet und f\u00fcr die Gegenwart in\u00adstrumentalisiert hat. Auf die Pro\u00adblematik seines Verfahrens soll im dritten Teil der \u00dcberlegun\u00adgen ( III. ) eingegangen werden. Zuvor ist noch in gebo\u00adtener K\u00fcrze darauf hinzuweisen, da\u00df auch das <i>Bildnis<\/i> des Kaisers im Dienste der Propaganda f\u00fcr die Idee eines ge\u00adeinten Euro\u00adpas eingesetzt worden ist, und zwar als Medium sowohl seitens gesellschaftlich-politi\u00adscher Organi\u00adsa\u00adtionen als auch besonders im staatlichen Interesse verschiedener L\u00e4nder.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als die Paneuropa Union anl\u00e4\u00dflich der Tagung des Europ\u00e4ischen Rates in Paris am 19.\/20. Ok\u00adtober 1972 zur Erinnerung ihres f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Bestehens und zugleich zum Gedenken an die Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl, die Montanunion, vor zwanzig Jahren sowie zur Feier des Vertrages \u00fcber die Norderweiterung der Europ\u00e4ischen Gemein\u00adschaft zum 1. Januar 1973 private Medaillen mit Wertangaben in der Europaw\u00e4h\u00adrung (ECU) ausgab, befand sich Karl V. auf einer Silbermedaille zu 2 ECU, eingereiht zwi\u00adschen Karl dem Gro\u00dfen und Napol\u00e9on Bonaparte, ebenfalls in Silber, gefolgt von Goldmedaillen mit den Bildnissen von Ri\u00adchard Graf Coudenhove-Kalergi, Jean Monnet und Paul Henri Spaak, Win\u00adston Churchill und Edward Heath, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schu\u00admann<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote19sym\" name=\"sdendnote19anc\">19<\/a><\/sup>. Als Vorlage d\u00fcrfte eine Zeich\u00adnung des Kaisers im Alter von 31 Jahren gedient haben, ver\u00f6ffentlicht bei Terlinden<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote20sym\" name=\"sdendnote20anc\">20<\/a><\/sup>. Spanien nutzte 1989 bei zwei Werten der ersten Ausgabe seiner anlaufenden, allj\u00e4hrlichen Medaillen der staatlichen M\u00fcnze auf ge\u00adsetz\u00adli\u00adcher Grundlage mit Wertangaben in ECU f\u00fcr die Bildseite das Gem\u00e4lde von Tizian, das den Kaiser zu Pferd als Sieger auf dem Schlachtfeld bei M\u00fchlberg zeigt, und verwandte f\u00fcr einen dritten Wert das S\u00e4ulen\u00ademblem Karls V. und seine Devise &#8218;PLVS VLTRA&#8216;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote21sym\" name=\"sdendnote21anc\">21<\/a><\/sup>. M\u00fcnzen als gesetzliches Zah\u00adlungsmittel mit einem Bildnis Karls V. wurden in Belgien und in \u00d6sterreich in Umlauf ge\u00adbracht. In Belgien waren es 1987 bis 1990 drei Aus\u00adgaben als Gedenkpr\u00e4gungen aus Anla\u00df des 30. Jahrestages der R\u00f6mischen Vertr\u00e4ge, eine in Silber und zwei weitere in Gold, gestaltet auf der Bildseite in Anlehnung an einen Guldiner zwischen 1540 und 1548 aus der M\u00fcnz\u00adst\u00e4tte Br\u00fcgge<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote22sym\" name=\"sdendnote22anc\">22<\/a><\/sup>. In den Dienst der europ\u00e4ischen Idee bezog Belgien sp\u00e4ter auch den r\u00f6mi\u00adschen Kai\u00adser Diokle\u00adtian, Kaiser Karl den Gro\u00dfen und Kaiserin Maria Theresia ein<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote23sym\" name=\"sdendnote23anc\">23<\/a><\/sup>. Die \u00f6sterreichische 100-Schilling Silber\u00adm\u00fcnze von 1992 feiert den Kaiser zwar im Rahmen einer Millenium-Serie als eine der &#8222;Gr\u00f6\u00dfen der 1000 j\u00e4hri\u00adgen Ge\u00adschichte&#8220; des Staa\u00adtes<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote24sym\" name=\"sdendnote24anc\">24<\/a><\/sup>, zugleich aber wird seine Darstellung in einer Prunkr\u00fcstung<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote25sym\" name=\"sdendnote25anc\">25<\/a><\/sup> als Symbol f\u00fcr seine &#8222;Verteidigung der eu\u00adrop\u00e4ischen Ein\u00adheit und des christlichen Abendlandes&#8220; verstanden<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote26sym\" name=\"sdendnote26anc\">26<\/a><\/sup>. Diese Interpre\u00adtation des kaiserlichen Wir\u00adkens steht hier zur Diskussion, nicht dagegen der Sachverhalt, da\u00df der eigentliche Be\u00adgr\u00fcnder des neuzeitlichen \u00d6sterreichs, Ferdinand I., sich die Wertseite der M\u00fcnze mit Karls Sohn Philipp II. von Spanien teilen mu\u00df.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Generell folgt als M\u00fcnzbild Karl V. nach Karl dem Gro\u00dfen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote27sym\" name=\"sdendnote27anc\">27<\/a><\/sup> an zweiter Stelle auf der Liste je\u00adner historischen Pers\u00f6nlichkei\u00adten, die in Europa in Verbindung zur werdenden Gemeinschaft gesetzt wurden. Da\u00df sich Belgien in herausra\u00adgender Weise auf den Kaiser des 16. Jahrhunderts bezog, erkl\u00e4rt sich einerseits aus der Bedeutung seiner heu\u00adtigen Regionen als Kernl\u00e4nder der burgundischen Niederlande w\u00e4hrend dessen Regierungszeit, kann aber zu\u00ads\u00e4tzlich auch durch die Lebensbeschreibung des Kaisers seitens des Belgiers Terlinden angesto\u00ad\u00dfen wor\u00adden sein. Seine Biographie regte in Belgien vielleicht ebenfalls zur Pr\u00e4gung der drei ECU-M\u00fcnzen mit zwei verschiedenen Darstellungen Karls des Gro\u00dfen an<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote28sym\" name=\"sdendnote28anc\">28<\/a><\/sup>, erw\u00e4hnt doch Terlinden eine R\u00fcck\u00adbesinnung im Jahre 1519 auf den Kaiser des 8.\/9. Jahrhunderts<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote29sym\" name=\"sdendnote29anc\">29<\/a><\/sup>: Karls V. Gro\u00dfkanzler Mercu\u00adrino Arborio di Gattinara (1465-1530) hatte sich in einer Denkschrift auf Karl den Gro\u00dfen be\u00adzogen, als am kaiserlichen Hof die Kunde von der Frank\u00adfurter Wahl Karls zum r\u00f6mischen K\u00f6\u00adnig eintraf; dem Kaiser selbst scheint dieser Bezug auf Karl den Gro\u00dfen niemals in den Sinn gekommen zu sein<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote30sym\" name=\"sdendnote30anc\">30<\/a><\/sup>. Vom fr\u00e4nkisch &#8211; karo\u00adlinischen Reich als &#8218;Heiligem Reich&#8216; sprechen weder Karl noch Gattinara<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote31sym\" name=\"sdendnote31anc\">31<\/a><\/sup>. Karl dem Gro\u00dfen als ande\u00adrem Ahnherr kann hier nicht weiter nachge\u00adsp\u00fcrt werden.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\" align=\"JUSTIFY\">II.<\/h3>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die These von einer Ahnherrnqualit\u00e4t Karls V. wirft geschichtswissenschaftlich die Frage auf, ob es historische Sachverhalte gibt, auf die eine Leitbildfunktion jenes Kaisers des 16. Jahrhun\u00adderts f\u00fcr die Gegenwart wissen\u00adschaftlich legitim begr\u00fcndet werden kann. Zu reflektieren ist in diesem Zusammenhang, da\u00df Leitbilder in er\u00adster Linie Kategorien der Tra\u00addition sind. Zwischen Tradition und Geschichte besteht eine Spannung. Eine der\u00adartige Unstimmigkeit offen\u00adbaren das Werk Terlindens ebenso wie die M\u00fcnzbilder. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Ge\u00adschichte und Tradi\u00adtion wird ab\u00adschlie\u00dfend diskutiert werden. Zuvor soll auf die Frage nach den geschichtli\u00adchen Grundlagen des bean\u00adspruchten Vorbild\u00adcharakters Karls V. f\u00fcr die Gegenwart eine Antwort ge\u00adsucht wer\u00adden. Waren &#8211; so lau\u00adtet ein ganz knapp abzuhan\u00addelndes erstes Problem &#8211; im Europa des 16. Jahrhunderts jene strukturellen Gegeben\u00adheiten und menta\u00adlen Voraus\u00adsetzungen gege\u00adben, die eine europ\u00e4ische Einigung im Sinne einer Ge\u00admeinschaft gleichberechtigter Staaten zu\u00adgelassen h\u00e4tten, und was besagt zweitens die These von der universa\u00adlen Idee des Kaisers. Birgt sie die ihr von Schwarzenfeld und Terlinden zugeschriebene &#8218;europ\u00e4ische Konzeption&#8216;?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Terlinden vermittelt keine Vorstellung, wie jene europ\u00e4ische Union zusammengesetzt sein sollte, die Karls V. Traum gewesen sei<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote32sym\" name=\"sdendnote32anc\">32<\/a><\/sup>. Auch l\u00e4\u00dft der Autor nicht erkennen, welche Vorstel\u00adlung von einer europ\u00e4ischen Ge\u00admeinschaft er selbst um 1965 vertrat. Aus ihr lie\u00dfen sich R\u00fcck\u00adschl\u00fcsse ziehen. Sein Begriffsinhalt ist nicht mit dem &#8218;Europa der Sechs&#8216;, der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft, zu identifizie\u00adren, denn ihr geh\u00f6rten beispielsweise Spanien und \u00d6ster\u00adreich &#8211; Kernl\u00e4nder des habsburgischen Weltreiches &#8211; erst seit 1986 bzw. 1995 an. Da\u00df sich die EWG erweitern werde, konnte damals wegen der 1960 in Kraft getre\u00adtenen Europ\u00e4ischen Frei\u00adhandelszone nur erhofft werden. Mit Gro\u00dfbritannien, Irland, D\u00e4nemark und Griechenland schlossen sich 1973 bzw. 1981 Staaten der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft an, von deren Einbin\u00addung in eine euro\u00adp\u00e4ische Union viel\u00adleicht Terlinden, jedoch kaum Karl V. getr\u00e4umt haben k\u00f6nnte, ebenso we\u00adnig von der sp\u00e4te\u00adren Ausdehnung der EG auf Schweden und Finnland. In des Kaisers Traumkonzeption h\u00e4tte sich Polen-Litau\u00aden besser eingepa\u00dft als jene Staaten, deren V\u00f6lker zu seiner Zeit unter der Herrschaft der os\u00admanischen T\u00fcrken lebten, oder gar die heutige T\u00fcrkei selbst &#8211; alles Bewerber um eine Aufnahme in die Euro\u00adp\u00e4ische Union. Teile des damali\u00adgen t\u00fcr\u00adkischen Reiches h\u00e4tte Karl zwar dann in seine Traumvorstellung von einer Union ein\u00adschlie\u00ad\u00dfen k\u00f6nnen, wenn er eine derartige Utopie mit den in der Titulatio seiner Urkunden<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote33sym\" name=\"sdendnote33anc\">33<\/a><\/sup> aufgef\u00fchrten Herr\u00adschaftsanspr\u00fcchen ver\u00adbunden h\u00e4tte &#8211; etwa das K\u00f6nigreich Jerusalem und die Herzogt\u00fcmer Athen und Neopa\u00adtria. Aber ein R\u00fcckgriff auf die Titulatur h\u00e4tte auch die Einbe\u00adziehung der amerikanischen Kolonien der Krone Kastilien eingeschlos\u00adsen. Insgesamt l\u00e4\u00dft sich demnach die Titulatur, unabh\u00e4ngig vom tat\u00ads\u00e4chlichen Ge\u00adhalt der angef\u00fchrten Rechts\u00adkomple\u00adxe<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote34sym\" name=\"sdendnote34anc\">34<\/a><\/sup>, nicht zur Traumdeutung heranziehen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In der Titulatur wurden auch die verlorengegangenen altburgundischen L\u00e4nder reklamiert, aber kein Anspruch auf Frankreich angemeldet. Das franz\u00f6sische K\u00f6nigreich war jedoch jener Staat, der als Macht ausgeschaltet werden mu\u00dfte &#8211; wie Gattinara es gefordert hatte<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote35sym\" name=\"sdendnote35anc\">35<\/a><\/sup> -, sollte eine christliche Weltmonarchie errichtet werden. Sie stellte jene Ordnung dar, die der Gro\u00dfkanzler seinem Kaiser zu verwirklichen antrug. Es w\u00e4re eine Monar\u00adchie gewesen, deren nat\u00fcrlicher Mittelpunkt das habsburgische Machtssystem h\u00e4tte bilden sollen. Den christlichen V\u00f6lkern r\u00f6misch-katholischen Glaubens versprach sie den allgemeinen Frieden und dem so befriedeten Europa Schutz unter der Oberherrschaft Karls V. Offen blieb in den Denkschriften Gattinaras, wo die Grenzen dieses Europas liegen, d. h. welche L\u00e4nder es einschlie\u00dfen sollte. Diese kaiser\u00adliche Ordnung h\u00e4tte zwar den einzelnen V\u00f6lkern ihre Staaten in territorialer Unabh\u00e4ngigkeit belassen, aber sie h\u00e4tten sich der rechtlichen und morali\u00adschen, sakral begr\u00fcndeten Oberhoheit des Kaisers und damit eines einzelnen freiwillig unterwerfen und sich seiner F\u00fchrung zu ge\u00admein\u00adsamen Unternehmungen unterstellen m\u00fcssen. Das war die Konzeption einer Univer\u00adsal\u00admonarchie und nicht die einer wie auch immer gearteten Union gleichberechtigter europ\u00e4ischer Staaten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Idee einer Universalmonarchie hat sich politisch nicht verwirklichen lassen. Sie war auch gar nicht reali\u00adsierbar, da der Kaiser aus strukturbedingten Gr\u00fcnden schon darauf verzichten mu\u00dfte, sein Reich &#8211; d. h. die Summe seiner einzelnen L\u00e4nder mit ihren unterschiedlichen Fe\u00adstigkeits- und Selbst\u00e4ndig\u00adkeitsverh\u00e4ltnisssen im Rahmen einer Personalunion &#8211; in ein formiertes gesamtstaatliches Gebilde mit entsprechenden Institutionen umzubauen. Gattinaras Gutachten von 1519, wie sich die Einheit des Gesamtreiches be\u00adwerkstelligen lie\u00dfe, blieb ein Traum des Gro\u00dfkanzlers<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote36sym\" name=\"sdendnote36anc\">36<\/a><\/sup>. Voraussetzung daf\u00fcr w\u00e4re eine gewisse \u00dcbereinstim\u00admung seiner monar\u00adchi\u00adschen Stellung und Rechte in den verschiedenen L\u00e4ndern gewesen. Sie bestand nicht, denn zu unterschied\u00adlich waren die verfassungsrechtli\u00adchen Positionen, die sich aus den geschichtlichen Verh\u00e4ltnissen ergaben &#8211; bei\u00adspiels\u00adweise des kastilischen K\u00f6nigs und des Kaisers des Heiligen R\u00f6mischen Reiches. Eine gewisse einzel\u00adstaatliche Zentralisierung lie\u00df sich in den Burgundi\u00adschen Niederlanden und mit Anf\u00e4ngen auch im Bereich der Krone Kastilien durchsetzen; sie wurde in den L\u00e4ndern der Krone Aragon und in den italieni\u00adschen Besitzun\u00adgen nicht versucht, und in Deutschland ist der Kaiser mit seinem Bundesplan gescheitert<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote37sym\" name=\"sdendnote37anc\">37<\/a><\/sup>. Da\u00df seine Verfas\u00adsungs\u00adre\u00adformbestrebungen von 1547\/48 &#8222;gesamteurop\u00e4ische Tendenzen&#8220; erkennen lassen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote38sym\" name=\"sdendnote38anc\">38<\/a><\/sup>, ist eine These, die sich anhand der Quellen nicht verifizieren l\u00e4\u00dft. Insgesamt war schon die strukturelle Basis des dy\u00adnastisch be\u00adgr\u00fcnde\u00adten Weltreiches hei\u00adkel, gew\u00e4hrte nur bedingten verfassungsge\u00adm\u00e4\u00dfen Spielraum und be\u00adgrenzte die Frei\u00adheit kai\u00adserlicher Entschei\u00addungsgewalt. Aus diesem Sachverhalt folgert, da\u00df einer Ausdehnung der Herrschaft Karls V. auf L\u00e4nder au\u00dferhalb sei\u00adnes habsburgischen Reiches Hindernisse entge\u00adgengestanden h\u00e4tten, die mit friedlichen Mitteln nicht zu beseitigen waren. Da\u00df sie mit Gewalt h\u00e4tten dauer\u00adhaft \u00fcberwunden werden k\u00f6n\u00adnen, erscheint unwahrscheinlich &#8211; abgesehen davon, da\u00df eine derartige Politik dem Kaiser fremd war. Es gab im 16. Jahrhundert keinen Weg zu einer Staatengemeinschaft, die auch nur ann\u00e4\u00adhernd mit der gegenw\u00e4rtigen Euro\u00adp\u00e4ischen Union vergleichbar gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sie lag aber auch im Bereich der geistigen Vision au\u00dferhalb der zeitgen\u00f6ssischen Vorstellung\u00aden &#8211; sieht man ab von einsamen Denkern. Schon innerhalb des eigenen Reiches wurde Karls Kaisertum keineswegs durchg\u00e4ngig einhellig begr\u00fc\u00dft. Au\u00dferdem deckten sich Ausgangslage und Bewertung am Ende sei\u00adner Herrschaftszeit nicht. Als geborenen F\u00fcrsten erkannten ihn nur die burgundischen Nie\u00adderl\u00e4nder uneingeschr\u00e4nkt an. Sie standen hin\u00adter ihrem Landeskind bis zu seiner Ab\u00addankung, auch wenn sich die urspr\u00fcngliche vorbehaltlose Zustimmung zu seiner Politik abschw\u00e4chte und die Kritik an den Forderungen zunahm, die Karl als Kaiser infolge sei\u00adner Kriege mit Frankreich an die Provinzen stellte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In Spanien schlug dem jungen Habsburger w\u00e4hrend seines ersten Aufenthaltes keine helle Be\u00adgeisterung entge\u00adgen. Die Kastilier identifizierten sich voller Stolz auf ihre Erfolge im Kampf gegen die Mauren (Eroberung Granadas 1492), \u00fcber die Entdeckung &#8218;Westindiens&#8216; und \u00fcber dessen beginnende Kolonisation mit der Vor\u00adstel\u00adlung einer von jedweder fremden Gewalt unab\u00adh\u00e4ngigen &#8218;Nation&#8216;, die ihnen \u00fcber die Katholischen K\u00f6nige und deren politisches Werk vermit\u00adtelt worden war. Daher wehrten sie sich in den ersten Regierungsjahren Karls dagegen, da\u00df ihr kastilisches K\u00f6nigtum einem fremdem Kaisertum nachgeordnet zu werden drohte und da\u00df ganz allgemein ausl\u00e4ndische Institutionen an die Stelle der \u00fcberlieferten eigenen zu treten schienen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote39sym\" name=\"sdendnote39anc\">39<\/a><\/sup>. Sie er\u00adkannten zwar den jungen Habsburger als ihren K\u00f6nig an, jedoch nicht als &#8218;Karl V.&#8216;, sondern als &#8218;Carlos I&#8216;. Nach Men\u00e9ndez Pidal<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote40sym\" name=\"sdendnote40anc\">40<\/a><\/sup> h\u00e4tte sich der junge K\u00f6nig mit einem Herrschaftsverst\u00e4ndnis identifiziert, das gepr\u00e4gt war durch das Vorbild seiner spanischen Gro\u00dfeltern und das die Aufgaben und Pflichten seines Kaisertums aus der nationalen Tradition einer kastilischen &#8218;Idea imperial&#8216; herleitete. Auf Kastilien bezogen akzeptierte diese \u00dcber\u00adliefe\u00adrung weder eine Ein- oder gar Unterordnung in das Sacrum Romanum Imperium noch eine universa\u00adlisti\u00adsche Politik in dessen Kontext. Seiner geschickten Verhaltensweise verdankte es dann Karl in der zweiten H\u00e4lf\u00adte seiner Herrschaftszeit, da\u00df sich Kastilien mit seinem Kaisertum nicht nur vers\u00f6hnte, sondern sich auch mit dessen Anforderungen so stark identifizierte, da\u00df beispielsweise die Bek\u00e4mpfung des deutschen Protestan\u00adtis\u00admus ebenso wie schon zuvor der Kampf gegen den Islam als eigene, &#8217;nationale&#8216; Aufgabe begriffen wurde. Nunmehr waren kai\u00adserliche Siege wie M\u00fchlberg auch spanische Siege &#8211; ein Sieg, der ihn zugleich den Deut\u00adschen vollends entfremdete.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Mit Karl als Landesherrn wurden seine italienischen Untertanen mehrheitlich erst konfrontiert als er 1535 im Ruhme des Siegers w\u00e4hrend des Tunisfeldzuges \u00fcber die afrikanischen Korsaren s\u00fcditalienischen Boden betrat. Unter diesen Bedingungen schlug ihm eine Welle aufrichtiger Begeisterung entgegen. Sie ebbte bis zum Ende der Regierungszeit wieder ab, man arrangierte sich aber mit der spanischen Fremdherrschaft. Als solche wur\u00adden der Kaiser und seine Ver\u00adtre\u00adter durchg\u00e4ngig eingestuft.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Entgegengesetzt zur Entwicklung in Spanien entfaltete sich das Verh\u00e4ltnis der Deutschen zu ihrem Kaiser. Ur\u00adspr\u00fcnglich als das &#8218;edle deutsche Blut&#8216; bezeichnet und auch von breiten Schich\u00adten des Volkes voller Freude be\u00adgr\u00fc\u00dft, wandelte sich die Haltung und nahm zugleich die an\u00adtispanische Stimmung zu, bis Karl in seinem letzten Regierungsjahrzehnt von der weitaus \u00fcberwiegenden Mehrheit der Deutschen, vor allem von den Evangeli\u00adschen, geha\u00dft und von den Katholiken h\u00f6chstens geachtet wurde<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote41sym\" name=\"sdendnote41anc\">41<\/a><\/sup>. Zugleich offenbarte Karls Scheitern in Deutschland, da\u00df es ihm im Heiligen R\u00f6mischen Reich nicht gelungen war, kaiserlich-deutsches und k\u00f6nig\u00adlich-kastilisches Herkommen in eine \u00fcbergreifende Herrschaftsauffassung zu integrieren<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote42sym\" name=\"sdendnote42anc\">42<\/a><\/sup>. Die Mentalit\u00e4ten waren zu wesensverschieden, lie\u00dfen eine gemeinsame Einheit schon deshalb nicht zu. Was aber im habsbur\u00adgi\u00adschen Reich nicht zu verwirklichen war, h\u00e4tte sich auf europ\u00e4ischer Ebene als ein chancenloses Un\u00adterfan\u00adgen erwiesen. Man bedenke nur, da\u00df die antihabsburgische Politik der franz\u00f6sischen K\u00f6nige Franz I. und Heinrich II. von ihren Untertanen fast einhellig mitgetragen wurde sowohl in den Monaten h\u00f6chster Gefahr f\u00fcr die Un\u00adversehrtheit der Monar\u00adchie (1525\/26) als auch beim ersten Waffengang unter dem neuen Herrscher. Eu\u00adropa war im Bannkreis aufsteigender Nationalstaaten gedanklich-geistig noch nicht f\u00fcr eine Union zu ge\u00adwin\u00adnen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im Zentrum der Thesen, die Karl V. als Ahnherrn beschw\u00f6ren, steht dessen \u00fcbergreifende ideologisch-politi\u00adsche Herr\u00adschaftskonzeption &#8211; die universale Idee. Welcher Gehalt eignete ihr und ist diese heute als Leitbild f\u00fcr die Einheit Europas nutzbringend zu befragen? Eine Ant\u00adwort auf diese Frage setzt voraus, da\u00df der politische Leit\u00adbegriff der fr\u00fchen Neuzeit, die Kate\u00adgorie <i>Monarchia Universalis<\/i>, gekl\u00e4rt ist. Dieser Aufgabe hat sich Franz Bosbach gewidmet. Seine Aussage lautet: &#8222;Die Universalmonarchie in der Zeit Karls V. war f\u00fcr ihre Bef\u00fcrwor\u00adter wie f\u00fcr ihre Gegner eine theoretische Konzeption von Herrschaft, die in \u00dcberordnung \u00fcber alle Herrscher allgemein in\u00adteressierende und \u00fcber den einzelnen Herrschaftsbereich hinaus\u00adreichende Aufgaben erf\u00fcllte. Diese Aufgaben wurden mit denen des Kaisers der Christenheit identifiziert, die Universalmonarchie war hierin zu\u00adn\u00e4chst ganz an die Person der Kaisers gebunden.&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote43sym\" name=\"sdendnote43anc\">43<\/a><\/sup><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wie dieses Konzept von Karl V. wahrgenommen und von welcher herrschaftsleitenden Idee sein Handeln und Wirken bestimmt wurde, ist ein Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Kontroversen. Die einschl\u00e4gigen Aussagen zum Problemfeld von Staatsauffassung und Reichs\u00advorstellung lassen sich unter dem Begriff &#8218;Herrschafts-&#8218; oder gel\u00e4ufiger &#8218;Kaiseridee&#8216; auf einen Nenner bringen. Die &#8218;modernen&#8216; Er\u00f6rterungen begannen im dritten und vierten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts unter vor\u00adnehmlich gei\u00adstesgeschichtlichem Er\u00adkl\u00e4rungsansatz &#8211; eine Dis\u00adkussion, die andauert und bis heute nicht abgeschlossen ist<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote44sym\" name=\"sdendnote44anc\">44<\/a><\/sup>. Wortf\u00fchrer in einer grundlegenden Phase waren Karl Brandi (1868-1946), Peter Rassow und Ram\u00f3n Men\u00e9ndez Pidal (1869-1968); Hu\u00adgo Hantsch (1895-1972) kann au\u00dferdem dieser Gruppe zugeordnet werden. Ihre unterschied\u00adlichen Thesen unter\u00adstreichen zugleich das Analyseergebnis von Heinrich Lutz (1922-1986), da\u00df zwei historiographi\u00adsche In\u00adterpre\u00adtationslini\u00aden zur Geschichte des Kaiser vorliegen, eine mit\u00adteleurop\u00e4ische und eine s\u00fcdeurop\u00e4i\u00adsche<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote45sym\" name=\"sdendnote45anc\">45<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Unter s\u00fcdeurop\u00e4ischem Aspekt hat sich vor allem Men\u00e9ndez Pidal mit der Kaiseridee Karls V. befa\u00dft<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote46sym\" name=\"sdendnote46anc\">46<\/a><\/sup>. Ge\u00adm\u00e4\u00df sei\u00adner Deutung wurzelten Karls Verst\u00e4ndnis und Vorstellungen vom Kaiser\u00adtum in der kastilisch-spani\u00adschen \u00dcberlieferung einer origin\u00e4ren &#8218;Idea imperial&#8216;, waren bestimmt durch das Vorbild seiner spanischen Gro\u00dfel\u00adtern, des Katholischen K\u00f6nigspaars Ferdinand und Isabella, und wurden umgesetzt in eine Politik, die ausge\u00adrichtet war vor allem auf Italien und Nordafrika, folgend der aragonesischen \u00dcberlieferung des Gro\u00dfva\u00adters<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote47sym\" name=\"sdendnote47anc\">47<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zuvor hatte Brandi im Rahmen eines mitteleurop\u00e4ischen, universal ausgerichteten Interpretati\u00adonsansatzes die politischen Leitvorstellun\u00adgen Karls V. aus dem dynastischen Gedanken resul\u00adtieren sehen, &#8222;der in ihm st\u00e4rker als irgendwo in der Welt\u00adgeschichte lebendig und wirksam ge\u00adworden ist, ihm selbst als Mensch und Herrscher die tiefsten sittlichen An\u00adtriebe gab&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote48sym\" name=\"sdendnote48anc\">48<\/a><\/sup>. Der Kaiser habe &#8222;aus der Summe der von ihm ererbten Herrschaftstitel einen neuen europ\u00e4i\u00adschen und in gewissem Sinne \u00fcberseeischen Imperialismus, ein Welreich (gebildet), das zum ersten Male nicht auf Erobe\u00adrung, noch weniger auf einer zusammenh\u00e4ngenden L\u00e4ndermasse aufge\u00adbaut war, sondern auf der dy\u00adnastischen Idee und der Einheit des Glaubens&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote49sym\" name=\"sdendnote49anc\">49<\/a><\/sup>. Er f\u00fchrte &#8222;seine Reiche aus den veral\u00adteten Staatsformen des aufgel\u00f6sten Ritter- und St\u00e4dtestaates (sic!) mit ih\u00adren Privilegien, lokalen Fehden und Macht\u00adverschiebungen zu einer h\u00f6heren Stufe der Staats\u00adidee&#8230; Die letzte Wirkung der dynastischen Welt\u00admachtspolitik Karls lag deshalb \u00fcber\u00adraschend genug doch wieder in der Richtung der beherrschenden Idee des Jahrhunderts aufsteigender moderner europ\u00e4i\u00adscher Staaten&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote50sym\" name=\"sdendnote50anc\">50<\/a><\/sup>. Verbunden habe sich dieser auf die habsburgi\u00adsche Dynastie ausgerichtete Leitgedanke mit universalistisch-r\u00f6mischen Herrschaftsvorstellungen. In Brandi sieht Alfred Kohler den &#8222;Vertreter einer dynastisch gebundenen und insofern statischen Kon\u00adzeption&#8220;, der Karls Herrschaftsauffassung &#8222;im Sinne einer harmonisierenden dynastisch &#8211; eu\u00adrop\u00e4ischen Sichtweise&#8220; gedeutet und dabei die dynastische Idee \u00fcbersch\u00e4tzt hat<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote51sym\" name=\"sdendnote51anc\">51<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eingebunden in diese dynastische Reichsidee ist der Kaiser &#8211; gem\u00e4\u00df Brandi &#8211; in seinem Han\u00addeln und Wirken letztlich nicht dem radikalen, in ghibellinischer Gedankenwelt wurzelndem, r\u00f6misch-rechtlichem Denken ver\u00adpflichteten antifran\u00adz\u00f6sischen Weltreichskonzept Gattinaras von einem &#8218;Dominium mundi&#8216; gefolgt, das sich nach Lutz in der einfa\u00adchen Formulierung fassen l\u00e4\u00dft, &#8222;Karl ist zur Weltherrschaft berufen&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote52sym\" name=\"sdendnote52anc\">52<\/a><\/sup>. Gattinara begriff also anders als sein F\u00fcrst das Kaisertum &#8222;als Anspruchstitel und als Mittel f\u00fcr Karl V. zum Erreichen der uni\u00adversalen Herr\u00adschafts\u00adposition&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote53sym\" name=\"sdendnote53anc\">53<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Rassow hat als Leitbild der Politik Karls V. die These von einer Kaiseridee vertreten, die zu verstehen ist als die Vorstellung von einem sakralen Kaisertum in mittelalterlichem Verst\u00e4ndnis zur Wahrnahme der F\u00fchrungs\u00adaufgabe in der Christenheit. Karls Kaiser- und Reichsidee, h\u00f6her bewertet als der dynastische Faktor gem\u00e4\u00df Brandi, kam die Funktion einer Klammer zu f\u00fcr &#8222;das <i>Reich<\/i> Karls V.&#8220; als &#8222;das im Erbgang ihm zugefallene Kong\u00adlomerat von Staaten und Herr\u00adschaften in Burgund und Spanien und in \u00d6sterreich, hin\u00fcbergreifend nach Itali\u00aden, Afrika und den neuen Reichen jenseits der Ozeans. Die <i>Reichsidee<\/i> aber war die mittelalterliche Idee des Kaisertums, die dem Papsttum zugeordnete F\u00fchrungsaufgabe in der Christenheit&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote54sym\" name=\"sdendnote54anc\">54<\/a><\/sup>. Ihre Auf\u00adgabe lautete: &#8222;Friede und Einheit in der Christenheit, Sicherung der Christenheit ge\u00adgen Feinde im Innern, gegen die Ketze\u00adrei, und gegen die Feinde nach au\u00dfen, gegen die Ungl\u00e4ubigen, das t\u00fcrki\u00adsche Reich&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote55sym\" name=\"sdendnote55anc\">55<\/a><\/sup>. Diese Kaiseridee war schon in seinen fr\u00fchen Jahren &#8222;das Leitbild seines Handelns&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote56sym\" name=\"sdendnote56anc\">56<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Interpretationen von Men\u00e9ndez Pidal, Brandi und Rassow hat Lutz als eine &#8222;Verkl\u00e4rung und \u00dcberh\u00f6hung von Karls Politik&#8220; bezeichnet<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote57sym\" name=\"sdendnote57anc\">57<\/a><\/sup>, die auch manchem anderen Beitrag zum Ge\u00addenkjahr 1958 eigne. In einer Zu\u00adsammenstellung derartiger Ver\u00f6ffentlichungen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote58sym\" name=\"sdendnote58anc\">58<\/a><\/sup> findet sich allerdings nicht Hantsch angef\u00fchrt<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote59sym\" name=\"sdendnote59anc\">59<\/a><\/sup>. In dessen Wiener Festvortrag<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote60sym\" name=\"sdendnote60anc\">60<\/a><\/sup> &#8222;Die Kaiseridee Karls V.&#8220; von 1958 schrieb Hantsch Karl eine Auffassung vom Kaiser\u00adtum zu, die ihn weit \u00fcber Gat\u00adtinaras machtpoliti\u00adsche Gedanken erhoben habe. Macht sei vom Kaiser begriffen worden als &#8222;Auftrag im Dienste Gottes, zur h\u00f6\u00adheren Ehre Gottes&#8220;, sich selbst verstehend als &#8222;Erhalter ei\u00adner gottgewollten Ordnung und Einheit&#8220;. Durchdrun\u00adgen vom &#8222;Bewu\u00dftsein von der heiligen W\u00fcrde des Kaiser\u00adtums&#8220;, erhob es sich &#8222;\u00fcber die Grenzen von L\u00e4ndern und V\u00f6lkern&#8220; im Dien\u00adste des christlichen Abendlandes. Alle Vorbilder und Lehren, denen Historiker mehr oder min\u00adder gro\u00dfen Einflu\u00df auf seine Auffassung vom Kai\u00adsertum zugeschrieben haben, seien nicht &#8222;so tief in seine Seele (eingedrungen) wie die Stimme Gottes, die ihm den Weg vorzeichnet&#8220;. Diese Kaiseridee &#8222;reicht ins Me\u00adtaphysische und abstrahiert vielfach von der Relativit\u00e4t konkreter Erscheinungen&#8220;. War eine noch st\u00e4rkere &#8218;Verkl\u00e4rung und \u00dcberh\u00f6hung&#8216; im Kontext des Den\u00adkens in Abendland-Visionen m\u00f6glich?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zu den weiteren Historikern &#8211; und nur eine Auswahl an Autoren kann hier kurz vorgestellt werden -, die Karls Leitvorstellungen auf den Begriff zu bringen bem\u00fcht waren, z\u00e4hlt Erich Hassinger mit seiner These, da\u00df der Herrscher &#8222;sein <i>Kaisertum <\/i>als <i>universale christliche Mis\u00adsion <\/i>verstand&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote61sym\" name=\"sdendnote61anc\">61<\/a><\/sup>. F\u00fcr Hans-Joachim K\u00f6nig war die Grundidee, die Karls Handeln pr\u00e4gte, die Vorstellung von der &#8222;politischen und kirchlichen Einheit der Chri\u00adstenheit, deren Ausdruck das Imperium Romanum war&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote62sym\" name=\"sdendnote62anc\">62<\/a><\/sup>. Hartmut Lehmann analysierte die kaiserliche Po\u00adlitik unter der Fragestellung, ob anstelle von universalem Kaisertum oder dynasti\u00adscher Weltmacht von einem Imperialismus Karls zu sprechen w\u00e4re<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote63sym\" name=\"sdendnote63anc\">63<\/a><\/sup> &#8211; ein Ansatz, der nicht zutreffe. Schon 1966 hatte jedoch Fernand Braudel davor gewarnt, den Kaiser in ein Konzept zu sperren, auf das er ein f\u00fcr allemal festgelegt gewesen sei, wie denn \u00fcberhaupt die &#8222;Kontroverse &#8230;, wie nun die impe\u00adrialen Pl\u00e4ne Karls V. mit letzter Genauigkeit zu de\u00adfinieren seien, &#8230; etwas Vergebliches&#8220; ha\u00adbe<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote64sym\" name=\"sdendnote64anc\">64<\/a><\/sup>. Tats\u00e4chlich ist nicht immer ausreichend reflektiert worden, da\u00df zwischen Kaiseridee und politischer Praxis zu unterscheiden ist. J\u00fcngst sprach Ferdinand Seibt vom Kaisertum als ei\u00adnem &#8222;Ordnungsbild niemals genau definierter kaiserlicher Schutzherr\u00adschaft \u00fcber die Christen\u00adheit&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote65sym\" name=\"sdendnote65anc\">65<\/a><\/sup>. Weltherrschaft sei &#8222;zuallererst ein Ordnungsproblem&#8220; gewesen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote66sym\" name=\"sdendnote66anc\">66<\/a><\/sup>. Die Kaiseridee sei kein &#8222;abstraktes Gedan\u00adkenwerk, sondern seine eigene und nat\u00fcrlich im Laufe seines Lebens auch ver\u00e4nderte Selbstdarstellung&#8220; gewe\u00adsen, &#8222;orientiert an seinem Ritterideal und dort auch bis zuletzt festgehalten&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote67sym\" name=\"sdendnote67anc\">67<\/a><\/sup> Seiner Auf\u00adfassung gem\u00e4\u00df ist &#8218;Weltmonarchie&#8216; &#8222;nicht dem Mittelalter, sondern besonderen Umst\u00e4nden zuzuord\u00adnen, und Karls Weltmonar\u00adchie war, nach der Land\u00adkarte, nach seinem Wahlspruch, nach Wappen und Symbo\u00adlen &#8230; aus seinem eigenen herrscher\u00adlichen Hochgef\u00fchl erwachsen. Herrschertitel und Hofallegorie kamen ihm dabei zu Hilfe. Aber der kaiserliche &#8218;Herkules&#8216; tritt nicht auf als Heilsbringer in einer &#8218;mittelalterlichen&#8216; Wel\u00adtenallego\u00adrie&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote68sym\" name=\"sdendnote68anc\">68<\/a><\/sup>. Auch habe sich der Kaiser nicht zu Gattinaras Ansicht ge\u00e4u\u00dfert, Karl sei zur Weltmon\u00adarchie berufen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote69sym\" name=\"sdendnote69anc\">69<\/a><\/sup>. Dennoch um\u00adspannte sein Kaiserbegriff die &#8222;ganze Welt&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote70sym\" name=\"sdendnote70anc\">70<\/a><\/sup>, sein Kaisertum war gekennzeichnet durch eine &#8222;personalisierte Herrschaftsauffassung&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote71sym\" name=\"sdendnote71anc\">71<\/a><\/sup>. Nach Seibt habe Karl am Ende seines Lebens den &#8222;Aberwitz der Universalmonar\u00adchie&#8220; durchschaut und daher abge\u00addankt<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote72sym\" name=\"sdendnote72anc\">72<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eine neue Stufe der Diskussion im Sinne einer \u00fcbergreifenden Betrachtungsweise betreten hatte zuvor Lutz. F\u00fcr &#8222;ausgedient&#8220; bewertete er die bislang g\u00e4ngige &#8222;schlichte&#8220; Gegen\u00fcber\u00adstel\u00adlung von Karls mittelalterlich ge\u00adpr\u00e4g\u00adtem Universalismus und modernem Natio\u00adnalstaat<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote73sym\" name=\"sdendnote73anc\">73<\/a><\/sup>. Schon 1964 hatte er zu er\u00f6rtern angeregt, ob die hi\u00adstoriographisch vorherrschende Gegen\u00fcber\u00adstellung vom &#8218;mittelalterlichem Kaisertum&#8216; in der Person Karls V. und modernem Nationalstaat in der Form Frankreichs beibehalten werden k\u00f6nne<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote74sym\" name=\"sdendnote74anc\">74<\/a><\/sup>. Begegnet w\u00e4ren sich viel\u00admehr zwei poli\u00adtische Syste\u00adme mit einer Reihe von gemeinsamen strukturellen Voraussetzun\u00adgen, in denen sich jeweils Altes und Neues vermischt hatten: &#8222;mittelalterliches Erbe an Eigen\u00adstaatlichkeit und neuerwachter Uni\u00adversalismus&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote75sym\" name=\"sdendnote75anc\">75<\/a><\/sup>. Mit einem \u00fcberzeugenden neuen Interpre\u00adtationsmuster im Verst\u00e4ndnis von einer &#8222;moderni-sierenden Dynamik des habsburgisch-franz\u00f6\u00adsischen Konflikts&#8220; die Problematik von Kaiseridee und Universal\u00admonar\u00adchie Karls V. auf einer anderen als der bis\u00adherigen Diskussionsebene aufzuarbeiten, war Lutz nicht ver\u00adg\u00f6nnt<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote76sym\" name=\"sdendnote76anc\">76<\/a><\/sup>. Seinem angerissenen In\u00adterpretationsmuster zufolge m\u00fc\u00dfte &#8222;nicht nur die relative Vergleichbarkeit der beiden Konflikt\u00adpartner deutlich&#8220; herausgearbeitet, &#8222;sondern auch die jeweils spezifi\u00adsche Mi\u00adschung traditionel\u00adler und mo\u00adderner Elemente im Selbstverst\u00e4ndnis und im politischen System der bei\u00adden Seiten und das allge\u00admeine Voran\u00adgetriebenwerden der politischen &#8218;Modernisierung&#8216; Europas durch den Dauerkonflikt&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote77sym\" name=\"sdendnote77anc\">77<\/a><\/sup> analysiert und historisch erkl\u00e4rt werden. Den Ansatzpunkt hierzu sah Lutz in dem besonderen, bei Brandi bereits vorge\u00adgebenen Bezug zwischen &#8218;Person und Sache&#8216;. Die Frage nach der Kaiseridee ordnete er somit ein in die \u00fcber\u00adgrei\u00adfende Problema\u00adtik einer Typo\u00adlo\u00adgie des Herrschaftssystems Karls V. zwischen Mittelalter und Neuzeit<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote78sym\" name=\"sdendnote78anc\">78<\/a><\/sup>. In Gattinaras uni\u00adversalem Pro\u00adgramm analysierte Lutz nicht irgendeine Neuformierung mit\u00adtelalter\u00adli\u00adchen Gedan\u00adken\u00adgutes, sondern &#8222;ein neuarti\u00adges rationales Einheitsprogramm&#8220;, das &#8222;den absolu\u00adten Welt\u00adherr\u00adschaftsanspruch des Kaisers dem sp\u00e4tmittelal\u00adterlichen Staatenpluralismus&#8220; entge\u00adgensetzte<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote79sym\" name=\"sdendnote79anc\">79<\/a><\/sup>. Karl V. hat selbst den Weg zur <i>Monarchia Universalis <\/i>einge\u00adschlagen, ist aber bei seinem Be\u00adschreiten gescheitert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Lehre von der <i>Monarchia Universalis <\/i>war zu Lebzeiten Karls V. lebendige Theorie, be\u00adstimmt vor allem in Rezeption und Weiterf\u00fchrung von mittelalterlichen Denktraditionen \u00fcber die Universalm\u00e4chte Papst und Kai\u00adser<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote80sym\" name=\"sdendnote80anc\">80<\/a><\/sup>. Sie beeinflu\u00dfte das politische Denken und Handeln, hatte sie doch unter diesem Kaiser einen hohen Grad an Anschaulichkeit erfahren. Die Propa\u00adganda Karls V. verband die greifbar scheinende Universalmonarchie mit seinem konkreten Kai\u00adsertum, erh\u00f6hte und vollendete es in dem Anspruch, \u00fcber die rechtlich begr\u00fcndete, unmittel\u00adbare Weisungsbefugnis gegen\u00fcber allen F\u00fcrsten zu verf\u00fcgen und diese politisch mit Machtmit\u00adteln durchsetzen zu d\u00fcrfen. Als Konzeption blieb die \u00fcberlieferte Lehre von der Universalmon\u00adarchie solange in der Vorstellungswelt der Zeitgenossen fest verwurzelt wie die Gesamtheit christlicher Herrschaften als ein Corpus gesehen wurde, dessen H\u00e4upter Papst und Kaiser wa\u00adren. Sie ist damit f\u00fcr die Gegenwart ebenso wenig instru\u00admentalisierbar wie eine dynastisch be\u00adgr\u00fcndete oder eine sakral verwurzelte oder eine gottbezogen-metaphysisch verortbare univer\u00adsale Ordnungsvorstellung f\u00fcr eine menschliche Gemeinschaft oder wie ein personalisiertes Herrschaftsverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">III.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Einheit in einem Glauben und in einer Kirche erschienen auch im 20. Jahrhundert Lewis und Terlinden<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote81sym\" name=\"sdendnote81anc\">81<\/a><\/sup> als zentrale Voraussetzungen f\u00fcr eine politi\u00adsche Einheit Europas. Lewis hatte die Idee einer R\u00fcckkehr aller Euro\u00adp\u00e4er zur Christenheit des r\u00f6misch-ka\u00adtholischen Bekenntnisses als Voraussetzung f\u00fcr die Einigung Europas propagiert und im Vork\u00e4mpfer f\u00fcr die sakral be\u00adgr\u00fcndete Einheitsidee, in Karl V., ein Leitbild f\u00fcr den Pro\u00adtagonisten einer europ\u00e4ischen Eini\u00adgung in seiner Gegenwart angeboten. Seiner These hatte Rassow entgegnet: &#8222;Wir &#8230; m\u00fcssen als Historiker sagen: Wenn es diese &#8218;Christenheit&#8216;, die es zu Karls Zeiten noch gab, heute nicht mehr gibt, wem ist dann damit gedient, Karl V. zur Symbol-Figur der heutigen f\u00fcr uns so drin\u00adgend notwendi\u00adgen Europa-Bestrebungen zu machen? Ein s\u00e4kulari\u00adsierter Karl ist eben kein hi\u00adstorischer Karl mehr. E i n e Erw\u00e4gung sollte die Verbreiter solcher histo\u00adrischer Nebelbilder von dieser irref\u00fchrenden Analogie abschrecken: Karl ist nun doch mit seiner Politik, die die Chri\u00adstenheit umfa\u00dfte, gescheitert! Wer will eine ge\u00adscheiterte Pers\u00f6nlichkeit als ideellen F\u00fchrer anerkennen?&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote82sym\" name=\"sdendnote82anc\">82<\/a><\/sup> Aber gab es, so ist &#8211; Rassow erg\u00e4nzend &#8211; zu fra\u00adgen, zu Karls Lebzeiten \u00fcber\u00adhaupt noch die <i>eine<\/i> Christenheit? Sie, die sich gerade w\u00e4hrend der Herrschafts\u00adzeit des Kai\u00adsers gespalten hatte, wiederzuvereinigen, war doch ei\u00adnes seiner zentralen Ziele gewesen &#8211; eine Auf\u00adgabe, die er ebenso wenig hatte bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen wie seinen Ver\u00adsuch, die europ\u00e4ische Staatengemeinschaft seiner Zeit in einem universalen Herrschaftssystem unter seiner F\u00fchrung zusammenzuschlie\u00dfen. Eu\u00adropa im 20. Jahrhundert auf der christlichen Grundlage eines Glau\u00adbens zu vereinigen, war schon um 1930 eine Utopie an\u00adgesichts europ\u00e4ischer Gesellschaften, die zwar in gro\u00dfen Teilen noch von christlicher Vorstellungs- und Wer\u00adtewelt gepr\u00e4gt waren, aber in ihren Entscheidungen grunds\u00e4tzlich nach anderen Kategorien handel\u00adten. Es gab nicht mehr jene christlich bestimmte Le\u00adbenswelt, in der Karl V. t\u00e4tig geworden war.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Einheit im Glauben als Leitgedanken f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union einzubringen war und bleibt ein wirklich\u00adkeitsfremder Vorschlag. Karl V. ist aber nicht nur im Versuch, die Einheit der Christenheit wiederherzustellen, gescheitert, sondern hat auch keine Konzeption hinterlas\u00adsen, die f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Einigung Europas Anre\u00adgungen birgt. Die Biographie von Schwarzenfeld hatte \u00fcber den Buchtitel in dem ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwar die teilweise enthusiastische Hoffnung vieler Deutscher auf ein vereintes Eu\u00adropa und ihre Suche nach historischen Leitbildern reflektiert, jedoch hatte sich die Autorin nicht dazu ver\u00adstiegen, eine solche Funktion Karl V. unmittelbar zuzuschreiben. Die Erinnerung an den Kaiser des 16. Jahr\u00adhunderts beschwor nur eine bedeutende Pers\u00f6nlichkeit der Vergan\u00adgenheit, um ihren Lesern Hoffnung und Mut zu vermitteln f\u00fcr eine zukunftsorientierte Bew\u00e4l\u00adtigung der Gegenwart unter einer politischen Perspektive, die sich f\u00fcr Europa schon einmal er\u00ad\u00f6ffnet zu haben schien &#8211; ein historisch noch legitimes Verfahren. Da\u00df hierbei Europa mit dem &#8218;Abendland&#8216; gleichgesetzt wurde, ergab sich f\u00fcr sie und andere, vor allem konservativ gepr\u00e4gte Autoren aus ihrer Einbindung in die Periode des <i>kalten Krieges<\/i> und deren Nachwirkung. Wenn jedoch Terlin\u00adden seinem &#8222;gebildeten Publikum&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote83sym\" name=\"sdendnote83anc\">83<\/a><\/sup> die Herrschaftszeit Karls V. als &#8222;eine der glorreichsten Re\u00adgierungen der Geschichte&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote84sym\" name=\"sdendnote84anc\">84<\/a><\/sup> offeriert, deren politisches Ziel &#8222;die Schaffung ei\u00adnes geeinten Europa&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote85sym\" name=\"sdendnote85anc\">85<\/a><\/sup> war, dem Kaiser ein Handeln &#8222;getreu seiner europ\u00e4ischen Konzep\u00adtion&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote86sym\" name=\"sdendnote86anc\">86<\/a><\/sup> zuschreibt und von einem &#8222;Programm der Eini\u00adgung Euro\u00adpas&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote87sym\" name=\"sdendnote87anc\">87<\/a><\/sup> spricht, geht er \u00fcber Aussagen hinaus, die sich als historisch legitim bewerten lassen, sondern nur noch als zeitge\u00adbunden erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen; zugleich bleibt Terlinden seinen Lesern die inhaltlich konkrete Be\u00adschreibung oder gar Analyse eines derartigen Entwurfes schuldig &#8211; es sei denn, man sieht sie in dem ein einzi\u00adges Mal eingebrachten Begriff &#8218;B\u00fcndnis&#8216;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote88sym\" name=\"sdendnote88anc\">88<\/a><\/sup>. Ei\u00adne geschichtswissenschaftlich of\u00adfene Frage ist es, ob es zum Er\u00adreichen einer Univer\u00adsal\u00admonar\u00adchie \u00fcberhaupt ei\u00adnen &#8222;Gro\u00dfen Plan&#8220; gab<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote89sym\" name=\"sdendnote89anc\">89<\/a><\/sup>. Wenig deutet auf die Annahme hin, das er entwickelt worden ist. Eine Universal\u00admonarchie lie\u00df sich anstreben, ohne da\u00df ihre Gestaltung zuvor projektiert worden war. Karl V. und seinen Be\u00adratern ging es gegebenenfalls um die <i>Monarchia Universalis <\/i>in Form von Vor\u00adherrschaft des Kaisers in Europa, nicht um einen Zusammenschlu\u00df gleichberechtigter europ\u00e4i\u00adscher Staaten durch &#8222;Bildung einer europ\u00e4ischen Union&#8220;. Der Traum Karls<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote90sym\" name=\"sdendnote90anc\">90<\/a><\/sup><i> <\/i>enth\u00fcllt sich als ein Traum Ter\u00adlindens<i>.<\/i><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Analyse der strukturellen und mentalen Voraussetzungen im 16. Jahrhundert sowie beson\u00adders der Kaiser\u00adidee hat ergeben, da\u00df der Karl V. zugeschriebene Plan einer Einigung Europas in Form eines freiwillligen Zu\u00adsammenschlusses der Staaten zu einer Gemeinschaft au\u00dferhalb der politischen M\u00f6glichkeiten und Intentionen des 16. Jahrhun\u00adderts lag. Diese Erkenntnis wirft die Frage auf, wie und warum Terlinden zu derartigen Thesen gelangen konn\u00adte. Um sie zu be\u00adantworten, ist von seinem leitenden Erkenntnisinteresse auszugehen. Eigener Bekundung ge\u00adm\u00e4\u00df, wollte er Karl V. endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote91sym\" name=\"sdendnote91anc\">91<\/a><\/sup> und offenbar zugleich den Wurzeln des euro\u00adp\u00e4ischen Einigungsstrebens nachsp\u00fcren. Diese Aufgabenstellung ist ge\u00adschichtswissenschaft\u00adlich legitim. Ange\u00adgangen ist er sie unter den Bedingungen seiner Soziali\u00adsation und Lebensgestaltung als \u00fcber\u00adzeugter Europ\u00e4er belgischer Nationalit\u00e4t, als Pers\u00f6nlich\u00adkeit, die im Bannkreis des Hauses Habsburg stand<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote92sym\" name=\"sdendnote92anc\">92<\/a><\/sup> und als ein Mensch, der offensichtlich dem r\u00f6misch-katholischen Bekenntnis fest verbunden war<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote93sym\" name=\"sdendnote93anc\">93<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Vorgelegt hat Terlinden eine Biographie, die Liebe zum Detail verr\u00e4t &#8211; ein kaiserliches Leben dargestellt in der bunten Vielfalt interessanter Einzelheiten, beschreibend und deutend unter dem Aspekt eines Belgiers, der stolz ist auf das Landeskind Karl und der in den burgundischen Besitzungen jenes Kaisers &#8222;eines der ersten L\u00e4nder der Welt (sieht), das durch seine geogra\u00adphische Lage bef\u00e4higt war, eine besondere Rolle in einem geeinten Eu\u00adropa zu spielen&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote94sym\" name=\"sdendnote94anc\">94<\/a><\/sup>. Mit hei\u00dfer, von Liebe zur Sache zeugender, aber oft zu fl\u00fcchtig genutzter Feder<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote95sym\" name=\"sdendnote95anc\">95<\/a><\/sup> abgefa\u00dft, stili\u00adsiert Terlinden seinen Landsmann zu einem europ\u00e4ischen Helden, dessen politischem Wollen legenden\u00adhaf\u00adte Z\u00fcge eignen. Karl V. wird von ihm st\u00e4rker als bei den anderen Autoren verkl\u00e4rt und \u00fcberh\u00f6ht gezeichnet. Bewu\u00dft sagenhafte Geschichte erz\u00e4hlen zu wollen, d\u00fcrfte Terlinden ferngelegen haben, aber auch unbeabsich\u00adtigter &#8222;historischer Legendenbildung ist &#8230; mit Ent\u00adschiedenheit zu widerstehen&#8220;<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote96sym\" name=\"sdendnote96anc\">96<\/a><\/sup>. Legenden bergen zwar kaum Gefahren f\u00fcr den historisch Ver\u00adsierten, wird er sich doch mit ihnen kritisch auseinandersetzen. Andere Leser k\u00f6nnen jedoch der Faszination der interessant abgefa\u00dften Lebensbeschreibung erliegen und durch sie ein Bild von einer vergangenen historischen Wirklichkeit rezipieren, das traditionsbildend wirkt, weil es schein\u00adbare Bez\u00fcge zur Gegenwart enth\u00e4lt. Legenden sind meist die Grundlage von Tradition; zwischen Tradition und Legende besteht aber nicht nur ein Wechselverh\u00e4ltnis, sondern Legen\u00addenbildung ist eine Voraussetzung der Indienstnahme der Tradition f\u00fcr ideologische Zwecke. Der Gefahr, eine derartige Legen\u00adde zu schaffen, ist Ter\u00adlinden in\u00adfolge seines Engagements f\u00fcr Europa und ein belgisches Landeskind erlegen. Ziel\u00adsetzung, Gestaltung und In\u00adhalt lassen fol\u00adgern, da\u00df er ebenso wie diejenigen, die die M\u00fcnzbilder zu verantwor\u00adten haben, sich \u00fcber seinen Helden nicht nur zur werdenden europ\u00e4ischen Ge\u00admeinschaft bekennen, sondern auch auf deren Wurzeln ver\u00adweisen wollte. In dieser Absicht haben sie die Erkenntnisgrenzen der Ge\u00adschichts\u00adwissenschaft aus dem Blick\u00adfeld verloren, sind zu Aussagen gelangt, auf denen eine problemati\u00adsche Tradition vom Leitbild bis zur Ahnherrschaft aufbauen kann.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Tradition bildet \u00fcber kurz oder lang jede menschliche Vereinigung, und auch der Historiker steht bewu\u00dft oder unreflektiert in Traditionen. \u00dcber Tradition selbst ist nicht zu streiten, je\u00addoch \u00fcber ihre Inhalte k\u00f6nnen die Meinungen erheblich aufeinanderprallen. Niemand kann der Europ\u00e4ischen Union oder den aktiven Verfechtern der europ\u00e4ischen Einigungsbewegung ver\u00ad\u00fcbeln, wenn sie sich traditionell auf Vorl\u00e4ufer besinnen. Es geht nicht um den Inhalt der Tradi\u00adtion, sondern um ihr Verh\u00e4ltnis zur Geschichte. Dieser Sachverhalt sei auf eine kurze, aber harte Formel gebracht: Tradition hei\u00dft Manipulieren der Vergangenheit, dazu aber darf sich die Historie nicht einspannen lassen. Nichts gegen Manipulation, denn sie kann einem guten Zweck dienen. Vielleicht braucht eine Gemein\u00adschaft ihre Helden. Nur sollte der Historiker sie nicht aussuchen, denn bei derartigen \u00dcberlegungen wird eine Tatsache leicht \u00fcbersehen: Tradition ist Gegenwart. Die Menschen leben heute in der Tradition und suchen das Neue durch R\u00fcckgriffe auf die Vergangenheit zu best\u00e4tigen. Dabei ist es durchaus m\u00f6glich, einerseits heutige Leitge\u00addan\u00adken oder auch andererseits gegenw\u00e4rtig fragw\u00fcrdig erscheinende Ideolo\u00adgien mit \u00e4hnlichen oder gleichen einstmals tragf\u00e4\u00adhigen zu legitimieren<sup><a class=\"sdendnoteanc\" href=\"http:\/\/www.comunicarte.de\/RainerWohlfeil\/RWTexte\/svz78.html#sdendnote97sym\" name=\"sdendnote97anc\">97<\/a><\/sup>. Ebenso kann etwas Antiquiertes heute durchaus opportun erscheinen. Wie dem auch sei &#8211; es ist das Heute.<\/p>\n<p>Der Historiker sollte &#8211; nach meinem Verst\u00e4ndnis von geschichtswissenschaftlicher Arbeit &#8211; kei\u00adnem Menschen, der in einer vergangenen historischen Wirklichkeit gelebt hat, dadurch histori\u00adsche &#8218;Gerechtigkeit&#8216; widerfahren lassen wollen, da\u00df er ihn f\u00fcr seine Gegenwart instrumentali\u00adsiert, und sei dieses auch im Sinne eines positiv be\u00adsetzten Leitbildes. Zur\u00fcckhaltung ist unab\u00adh\u00e4ngig davon geboten, ob sich jene Pers\u00f6nlichkeit ihrem Wesen und historischen Wirken nach f\u00fcr eine derartige Funktionszuweisung \u00fcberhaupt eignet. Der Historiker bleibt der Vergangen\u00adheit verpflichtet, er hat aus der k\u00fchlen Distanz des Wissenschaftlers zu recht\u00adfertigen oder zu kriti\u00adsieren, aber er hat sie nicht der Gegenwart unmittelbar dienstbar zu machen. Es ist hier nicht der Platz, sich \u00fcber den Nutzen der Historie zu \u00e4u\u00dfern. In bezug auf die Tradition l\u00e4\u00dft sich jedoch &#8211; wenn auch etwas pontiert &#8211; behaupten, es ist die Aufgabe des Historikers, ihr dauernd zu widersprechen. Bei einer Zusammenarbeit von Geschichtswissenschaft und Tradi\u00adtion wird die Tradition nur ihrer ehrlichen Naivit\u00e4t be\u00adraubt, die Historie da\u00adgegen pervertiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/reflejarte.es\/\/RAINERWOHLFEIL\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">[Weiterlesen\u00a0 &gt;&gt;\u00a0 vollst\u00e4ndiger Text mit Fu\u00dfnoten im pdf-Format \/ neuer Tab\u00a0 &gt;&gt;]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil<br \/>Kaiser Karl V. \u2013 Ahnherr der Europ\u00e4ischen Union?<br \/>\u00dcberlegungen zum Verh\u00e4ltnis von Geschichte und Tradition<\/p>\n<p>Anl\u00e4\u00dflich der deutschen Gedenkfeier zum 400. Todesjahr Kaiser Karls V. im Jahre 1958 hatte Peter Rassow (1889-1961) in seinem K\u00f6lner Festvortrag zum Thema \u201aDas Bild Karls V. im Wandel der Jahrhunderte\u2018 in ei\u00adner Reflexion \u00fcber historische Legendenbildung gefolgert, \u201eder historische Karl V. eignet sich nicht zur Galli\u00adonsfigur f\u00fcr das Schiff der Europa-Bewegung\u201c. Als beispielhaft f\u00fcr den Versuch, den Kaiser des 16. Jahrhun\u00adderts (1500-1558) als Symbolfigur f\u00fcr die Europa-Idee des 20. Jahrhunderts zu verwenden, hatte er das Buch \u201aEmperor of the West\u2018 von D. B. W. Lewis aus dem Jahre 1932 herangezogen [ \u2026 ]<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/kaiser-karl-v-ahnherr-der-europaeischen-union\/\"><span>Weiterlesen &gt;&gt;<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[342,310,327,336,309,344,313],"tags":[312,317,316,321,318,320,323,319,311,314,322,345,315],"class_list":["post-1551","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-deutschland","category-europa","category-fruehe-neuzeit","category-gegenwart","category-karl-v","category-universale-idee","category-verhaeltnis-geschichte-tradition","tag-europa","tag-europaeische-union","tag-europakonzept","tag-glaubenseinheit","tag-heiliges-roemisches-reich","tag-herrschaftsverstaendnis","tag-instrumentalisierung","tag-kaiseridee","tag-karl-v","tag-leitbildfunktion","tag-muenzbilder","tag-symbolfigur","tag-tradition"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1551","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1551"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1551\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1880,"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1551\/revisions\/1880"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/reflejarte.es\/RAINERWOHLFEIL\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}