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	<title>Gegenwart &#8211; Rainer Wohlfeil</title>
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	<description>Geschichte der Frühen Neuzeit - Publikationen</description>
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	<title>Gegenwart &#8211; Rainer Wohlfeil</title>
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		<title>Die Katholischen Könige und die Franco-DiktaturDie Katholischen Könige, als Sinnpotential gespiegelt in der Ideologie der Franco-Diktatur</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Wohlfeil]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Apr 2017 19:03:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Franco]]></category>
		<category><![CDATA[Gegenwart]]></category>
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					<description><![CDATA[Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil<br>DIE KATHOLISCHEN KÖNIGE UND DIE FRANCO-DIKTATUR<br>Die Katholischen Könige, als Sinnpotential gespiegelt in der Ideologie der Franco-Diktatur.   <br><br>Anläßlich der 500. Wiederkehr der Entdeckung Amerikas gedachte Spanien auch in Sondermünzen dieses Ereignisses. Vier Serien (1989-1992) mit jeweils fünf Gold- und sieben Silbermünzen1 ori­entierten sich an den Nominalen des Währungssystems, das von den Katholischen Königen, Isabella I. (1451-1504) und Ferdi­nand V. von Kastilien (1452-1516; als König von Aragón Ferdinand II.), 1497 grundlegend reformiert worden war2. In der ersten Serie zeigt die höchstwertige Nominale, eine Gold­mün­ze zu 80.000 Pesetas, geprägt nach dem Vorbild der ‚Onza‘, der Münze zu 8 Escudos [ … ]<p> <a class="continue-reading-link" href="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/die-katholischen-koenige-und-die-franco-diktaturdie-katholischen-koenige-als-sinnpotential-gespiegelt-in-der-ideologie-der-franco-diktatur/"><span>Weiterlesen &#62;&#62;</span><i class="crycon-right-dir"></i></a> </p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/04/billete-1000-pesetas-1957.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignleft wp-image-1643" src="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/04/billete-1000-pesetas-1957.jpg" alt="billete de 1000 pesetas, España, 1957: Reyes Católicos" width="346" height="458" srcset="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/04/billete-1000-pesetas-1957.jpg 453w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/04/billete-1000-pesetas-1957-151x200.jpg 151w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/04/billete-1000-pesetas-1957-113x150.jpg 113w" sizes="(max-width: 346px) 100vw, 346px" /></a>Prof.em.Dr.Rainer Wohlfeil, Hamburg:</p>
<h2 style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz82-RainerWohlfeil-KatholKoenigeFrancoregime.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><strong>Die Katholischen Könige und die Franco-Diktatur.  </strong></a></h2>
<h3 style="text-align: center;"><strong>Die Katholischen Könige, als Sinnpotential gespiegelt<br />
in der Ideologie der Franco-Diktatur.<br />
</strong></h3>
<p>&nbsp;</p>
<p>Anläßlich der 500. Wiederkehr der Entdeckung Amerikas gedachte Spanien auch in Sondermünzen dieses Ereignisses. Vier Serien (1989-1992) mit jeweils fünf Gold- und sieben Silbermünzen<a href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a> ori­entierten sich an den Nominalen des Währungssystems, das von den Katholischen Königen, Isabella I. (1451-1504) und Ferdi­nand V. von Kastilien (1452-1516; als König von Aragón Ferdinand II.), 1497 grundlegend reformiert worden war<a href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a>. In der ersten Serie zeigt die höchstwertige Nominale, eine Gold­mün­ze zu 80.000 Pesetas, geprägt nach dem Vorbild der &#8218;Onza&#8216;, der Münze zu 8 Escudos, auf der einen Seite Juan Carlos I. und Sophia &#8211; das ge­genwärtige Königspaar. Die Ehepartner blicken sich gegenseitig an<a href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a>. Die andere Seite enthält ein Dop­pelpor­trät der Ka­tholischen Könige in ähnlicher Position, entnommen dem Bild auf ihrer Goldmünze &#8218;Excelente de oro’<a href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a>.</p>
<p style="text-align: left;">Das Doppelporträt des heutigen Königspaares ist eine Hommage an die geachteten Per­sönlichkeiten, zugleich aber eine sinnentleerte Übernahme einer früh­neu­zeit­lichen Herrschaftsbekundung. Unter konstitutioneller Fra­gestellung eignet dem Bild von 1989 keine Aussage, staats- und verfas­sungs­recht­lich relevant ist nur der Kö­nig. Isabella I. und Ferdi­nand V. sind im Kontext des Jubilä­ums von 1992 vornehmlich historisch eingebracht, während ihre Bildnisse und Embleme im Zeichen der Diktatur des &#8218;Caudillo&#8216;, des Generals Francisco Franco y Bahamonde (1892-1975), als Sinnpotential ideologisch und politisch genutzt wurden.  [ &#8230; ]</p>
<p style="text-align: left;"><span id="more-1641"></span></p>
<p style="text-align: center;"><!--more--><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz82-RainerWohlfeil-KatholKoenigeFrancoregime.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen  &gt;&gt;  vollständiger Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab  &gt;&gt;]</a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: center;"><span style="color: #234567;"><em>bibliografischer Hinweis &#8211; <strong>svz 82</strong></em></span><br />
<span style="color: #234567;"><em> Rainer Wohlfeil: <strong>Die Katholischen Könige und die Franco-Diktatur<u>,</u></strong> in:</em></span><br />
<span style="color: #234567;"><em> Zeitenspiegelung. Zur Bedeutung von Traditionen in Kunst und Kunstwissenschaft. </em></span><br />
<span style="color: #234567;"><em> Festschrift für Konrad Hoffmann zum 60. Geburtstag am 8. Oktober 1998, </em></span><br />
<span style="color: #234567;"><em> hg. von Peter K. Klein und Regina Prange, Bonn 1998, S. 61 &#8211; 72</em></span></h6>
<hr />
<p style="text-align: left;">[ &#8230; ]</p>
<p>Zur Erklärung die­ser These werden einleitend einschlägige Grund­züge der Herrschaft der Katho­lischen Köni­ge aufgezeigt (I). Sie fand politisch und ver­fassungsrechtlich ihren ver­bildlichten Ausdruck in einer Staatssymbo­lik, die unter Franco reaktiviert wurde, indem sich das Regime ihrer Sinnzeichen als Zitate be­dien­te. Die Ana­lyse und Deutung der Embleme auf Münzbild und Wap­pen der Ka­tholi­schen Könige (II) sind eine Vorausset­zung, um die Frage zu beantworten, welcher Sinn ihrer Verwendung auf Banknoten und Münzen des Franco-Staates eignete<a href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a>. Diese zeigten seit 1937 Herrschaftszeichen und Bil­der jenes Königspaa­res. Sie werden im dritten Teil vor­gestellt (III) und abschlie­ßend hinsichtlich ihrer ideo­logischen Aussage und politischen Rele­vanz im Kontext der Diktatur interpre­tiert (IV).</p>
<p>I</p>
<p>Isabella von Kastilien heiratete 1469 gegen den Willen ihres Halbbruders, König Heinrich IV. (1425-1474), ihren Vetter Ferdinand von Aragón. Nach dem Tod des Königs seit 1474 Kö­nigin, erkämpfte sich Isabella die Herrschaft in einem Reich, das im 15. Jahrhundert sehr starke Wirren durch­lebt hatte. Ferdinand trat die Re­gierung über die Krone Ara­gon 1479 an. In Kastilien bestand der anomale Fall, daß zwei Könige mit je­weils fortlaufenden Herrscher­zah­len gemeinsam ein Reich regierten<a href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a>. Schon aus diesem Sachverhalt erhellt, daß ihr gemeinsames Königtum höchsten sehr bedingt aus einer mittelalterlich-visionären Idee von einer Ein­heit Spa­niens folgerte oder gar Ergebnis einer zielbewußten Einigungspolitik war, son­dern sich aus den beson­deren Bedingungen ergab, unter denen beide Thronanwärter gelebt hat­ten. Dem entsprach, daß Ferdinand nach dem Tode der Königin geneigt war, einem Sohn aus seiner zweiten Ehe mit Germaine de Foix (1488-1538) die Krone Aragón zu übertragen. Das Königspaar hat je­doch durch seine gemeinschaftli­che Re­gierung, vor allem die gemeinsamen politischen und militärischen Un­ternehmun­gen, Grundlagen für die abso­lu­tistisch geprägte Herrschaft der Krone Kastilien, für eine bereits sei­tens euro­päischer Staaten als &#8217;spanisch&#8216; ver­standene Groß­machtstellung unter den ersten habsburgischen Monarchen und für die wesent­lich spätere Ver­einigung der staatsrechtlich unter seiner Herr­schaft noch ge­trennten Kronen Kastilien und Aragon zur Krone Spanien ge­legt. Dennoch haben die Katholischen Könige trotz entschiedener Stärkung der monarchischen Autorität und stetig stei­gender Bedeutung als europäischer Machtfaktor zu keiner Zeit einen nationalen Einheitsstaat zu ver­wirkli­chen angestrebt, beachte­ten verfassungsrechtlich vielmehr streng die &#8218;fueros y co­stumbres&#8216; der in ihrer Bi-Personal- bzw. Ma­trimonialunion zusam­mengeschlossenen Kronen, er­kannten den &#8218;Re­gionalismus&#8216; der Länder uneingeschränkt an. Ein Zeugnis dessen waren auch die unterschiedlichen Mün­zen: Neben der Krone Kastilien gaben u. a. Aragón, die Balearen, Katalonien, Valencia und später Navarra landeseigene Prägungen aus<a href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a>.</p>
<p>Grundlegend für die gemeinsame Regierung waren der Heiratsvertrag von 1469 und vor allem ein in Segovia 1475 getroffenes Abkommen. In ihm wurden die Regierungsrechte Isabellas als &#8222;legítima heredera y sucesora del Reino de Castilla&#8220; und Ferdinands als &#8222;legítimo marido de la reina&#8220; festgelegt. Aber &#8211; er­folg­reich war ihre Politik vor allem infolge des guten Einvernehmens der Ehegatten, die sicherlich aufgetretene un­terschied­liche Meinungen nach außen hin nicht bekannt werden ließen. Es ist dem Hi­sto­riker fast unmög­lich, im einzelnen Fall zu verorten, auf wel­chen der beiden Herrscher ein Beschluß zurückging. Die Kronen Kastilien und Aragón waren über die persönliche Bindung ihrer Herrscher verknüpft &#8211; eine Bindung in Gleichberechtigung, die sich in ihren Ti­teln ebenso wie in der De­vi­se &#8222;Tanto monta, monta tanto &#8211; Isabel como Fernando&#8220;, in Herr­schaftszeichen und in Emblemen ausdrückte. &#8222;Es ist einerlei&#8220;, wie sich ihr Wahlspruch sinngemäß übersetzen läßt, war vielseitig ver­wendbar, be­zog sich auf das &#8222;mandar, guerrar, regir, e senorear a uno con ella&#8220; ebenso wie auf die Deutung ei­nes Sinn­zei­chen des Königs. Ausdrucksformen ihres Bekenntnisses zur gemeinsamen Herr­schaft finden sich bei komplexem herrschaftlichen Zeichensystems u. a. im Staatswappen und auf Mün­zen<a href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>II</p>
<p>Der &#8218;Excelente de oro&#8216; weist als Münzbild die einander zugewandten ge­krönten Bü­sten des Königspaares auf. Sie werden am Rand von der Inschrift &#8218;FERNANDVS ET ELISABET D(EI) G(RATIA) REX ET REGINA CAS(TILLA)&#8216; umrahmt<a href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a>. Die Gegenseite der höherwertigen Nominalen zeigt den nimbierten Adler des Johan­nes, der einen überkrönten gevierteilten Schild mit den Wappen von Kastilien-León, Aragón-Sizi­lien und Gra­nada hinterfängt<a href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a>. Dieses Staatswap­pen umschließt die Inschrift &#8218;SVB VMBRA ALARVM TVARUM PRO­TEGE NOS&#8216;<a href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a>. Auf niederen Nomi­nalen findet sich nur die Wappen von Kastilien und León, umfangen von der In­schrift &#8218;QVOS DEVS CONIVNXIT HOMO NON SEPARET&#8216;<a href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a>. &#8211; In den Silbermünzen schlug sich seit 1497 die spezifische Herr­schaftssymbolik des Königspaares ebenfalls nie­der. Die Prágmatica schrieb u .a. die Darstellung eines Jochs mit Seil und ein Pfeilbündel vor<a href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a>.</p>
<p>Alle benannten Zeichen vereint das Staatswappen<a href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a>. In seiner bekanntesten Ausführung hinterfängt bei der ur­sprünglichen Form der nimbierte Adler des Apostels Johannes als Schildhalter den Wappenschild, der nach oben mit einer of­fenen Krone abgeschlossen ist. Das Wappen ist auf kastilische Art gevierteilt. In den einan­der gegenüberlie­genden Feldern 1 und 4 sind die Zeichen für Kastilien (Kastell) und León (gekrönter Löwe) eingebracht, in den Feldern 2 und 3 für Aragón (vier Pfähle, eigentlich Wappen der Grafschaft Barcelona) und Aragón-Sizili­en (Schräggeviert von Aragón und staufischer Adler). Neu der Krone einverleibte Königreiche wurden mit ih­ren Wappen später hinzugefügt, nach 1492 Granada (Granatapfel) am unteren Rand in einem ge­schwungenen Dreieck, Neapel und Navarra nach ihren Inkorporationen in das quergeteilte Feld 2: linksseitig Aragón querge­spalten mit Na­varra (Kettennetz), rechtsseitig in der Länge gespalten Jerusalem (Krücken- kreuz) mit Ungarn (Turnierkragen). Der untere Teil des Wappens enthält zwei Devisen &#8211; das Pfeilbün­del und das Joch mit einem Seil, dazu das Motto &#8218;TANTO MONTA&#8216;<a href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a>.</p>
<p>Der Adler des Johannes mit Heiligenschein war das Emblem Isabellas. Nach ihrer Ehe­schlie­ßung trat ein Bün­del aus Pfeilen hinzu, deren Spitzen nach unten gerichtet sind, das Bündel umschlungen von einem Seil<a href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a>. Es symbolisierte die Verei­nigung der Kräfte, weil eine derartige Bün­de­lung als Ganzes nicht zu zerbrechen ist. Außerdem entsprach der Anfangsbuchstabe des Wortes &#8218;flechas&#8216; (Pfeile) dem erstem Buch­staben des Namens ihres Gatten. Joch<a href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a> und Seil, das als durch­schlagener gordischer Knoten interpretiert wurde, symboli­sierten &#8211; vor allem letzteres &#8211; den Leitsatz, daß der politischen Aktion der Vorrang gebühre; dabei sei es einerlei &#8211; zu deuten hier über die Devise &#8218;tanto monta&#8216; &#8211; ob der Knoten aufgeknüpft oder durch­schlagen werde. Außerdem spielte der An­fangsbuchstaben des Wortes &#8218;yugo&#8216; (Joch) auf den ersten Buchstaben des Namens &#8218;Ysabel&#8216; an. Der zentrale Wappenschild wurde in seinen Grundzügen zum Ursprung des gegen­wärtigen spanischen Staats­wappens. Festzuhalten bleibt, daß auf Münzen und Staatswappen über Doppelbild­nis und Embleme das be­schriebene bi-per­sonale Herrschaftsystem des Königspaares versinnbildlicht war, nicht aber ein Einheits- und nationaler Machtsstaat symbolisiert wurde.</p>
<p>III</p>
<p>Parallel zu Einführung der Pe­seta als nationaler Währung wurde das spanische Geldsystem in Anleh­nung an die Lateinische Münzunion von 1865 end­gültig auf das Dezimalsystem ausgerichtet. Auf dieser Grundlage be­saß Spanien bis zum Be­ginn des Bürger­krieges von 1936 ein­heitli­che Banknoten und Münzen. Diese Einheit wurde spätestens zerstört, als die Regierung der Auf­stän­dischen zu Bur­gos unter dem Datum 13. November 1936 mit der Emission ei­ner sog. nationalen Peseta als der Währung des &#8218;wahren&#8216; Spani­ens begann. Es wur­den vor allem Banknoten ausgegeben<a href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a>, von denen hier die niedrigen Nominale be­rücksichtigt werden: Sie waren unter der gesamten Bevölkerung in stetem Umlauf und daher als &#8218;Ideologieträger&#8216; besonders geeignet. Niedrigster Wert war die Banknote zu ei­ner Peseta, in zehn Emissionen bis 1953 verausgabt<a href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a>.</p>
<p>Gemäß Dekret vom 1. Okto­ber 1936 wurden als Symbole &#8222;las flechas y el yugo, símbolo de la unidad espanola a suprema galardón&#8220; in das Staatswap­pen aufgenommen und sollten auf den neuen Münzen erscheinen<a href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a>. Die erste Banknote zu einer Peseta &#8211; Emission am 12. Oktober 1937, ver­sehen mit der zusätzlichen Zeitangabe &#8218;II ANO TRIUN­FAL&#8216; &#8211; enthielt jedoch nur einen ovalen Wappenschild mit einer geschlossenen Krone, umrahmt von Kette und Widderfell des Ordens vom Golde­nen Vlies: das Wappen des im Exil befindli­chen Königshau­ses<a href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a>. Das Dekret wurde erst bei den näch­sten zwei Emissio­nen vom 28. Februar und 30. April 1938 ver­wirk­licht, eben­falls unter dem Motto &#8218;II ANO TRIUNFAL&#8216;<a href="#sdfootnote22sym"><sup>22</sup></a>. Beide Banknoten zeigen das neue Staatswap­pen, hinterfangen von dem nimbier­ten Ad­ler des Apostel Johannes als Schildhalter und eingerahmt von den Säulen des Herak­les mit der Devi­se &#8218;PLVS VLTRA&#8216;<a href="#sdfootnote23sym"><sup>23</sup></a>, zwei Sinnzeichen, die Karl V. (1500-1558) in sein Staats­wappen einge­fügt hatte. Der Wappenschild enthält die Wappen von Kastilien, León, Aragón, Navarra und Granada. Oberhalb der Adler­schwingen flattert ein Spruchband mit dem Wahl­spruch &#8218;VNA GRANDE LIBRE&#8216;<a href="#sdfootnote24sym"><sup>24</sup></a>. Zu beiden Seiten seiner Schwanzfedern sind Joch und Seil sowie ein Bündel von fünf nach unten gerich­teten Pfei­len, umschlungen von einem Seil, einge­bracht. Dieses Staats­wappen wurde bei der vierten Aus­gabe vom 1. Juni 1940 auf die Rück­seite verlegt<a href="#sdfootnote25sym"><sup>25</sup></a>, auf der Vorderseite beginnen Bilder die Banknoten zu schmücken. Die sechste Emission vom 21. Mai 1943 bildete linksseitig Kö­nig Ferdi­nand in Dreiviertel­profil ab<a href="#sdfootnote26sym"><sup>26</sup></a>. Die Randleiste enthält in zweifacher Ausführung alle Wappenbilder des Staatswap­pens sowie Joch und Pfeil­bün­del. Ihrem Gatten folgt auf der Vor­derseite der siebten Emissi­on vom 15. Juni 1945 Königin Isa­bella<a href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a>. Die weiteren Banknoten können übergangen werden<a href="#sdfootnote28sym"><sup>28</sup></a>. Isabella wurde außerdem auf der fünften Emission der Banknoten zu fünf Pese­tas (13. Fe­bruar 1943) ab­gebildet<a href="#sdfootnote29sym"><sup>29</sup></a> und war auch auf deren sech­ster Emission (15. Juli 1945) zu se­hen<a href="#sdfootnote30sym"><sup>30</sup></a>. Beide Ausgaben enthalten zudem die bekannten Wappen einschließlich Joch und Pfeilbündel. Ihre letzte Ab­bildung fanden die Ka­tholischen Könige gemeinsam auf der achten Emis­sion einer Banknote zu 1000 Pese­tas vom 29. November 1957, deren Rückseite ihr Staatswappen und ihre Embleme aufweist<a href="#sdfootnote31sym"><sup>31</sup></a>. Das Staatswap­pen des Franco-Regimes mit Joch und Bündel und / oder ein Sonnen­sym­bol waren auf den Vorderseiten ande­rer Banknoten zumindest schemenhaft dem Schriftbild unterlegt<a href="#sdfootnote32sym"><sup>32</sup></a>.</p>
<p>Daß Banknoten niederer Nominale mit ver­schie­de­nen Bildern ausgegeben wurden, ist ur­säch­lich in erster Linie damit erklären, daß Geldscheine, die in ständigen Umlauf wa­ren, sehr schnell un­ansehnlich und un­brauchbar wurden. Der Sachverhalt wurde genutzt, Banknoten bildlich in den Dienst der Propaganda gestellt. Vom Be­ginn des Bürgerkriegs an lag den Bank­no­ten beider Seiten ein ideologisches Programm zugrunde &#8211; für die Republik die Aussage, den spa­nischen Staat und seine Geschichte demokratisch legitim zu re­präsentie­ren<a href="#sdfootnote33sym"><sup>33</sup></a>. Seitens des Franco-Re­gimes dienten die Bank­noten der Aufgabe, den Staat unter Rück­griff auf Perso­nen und Ereignisse einer als spezifisch national begriffenen Geschichte zu legitimieren.</p>
<p>Daß Franco ein anderes Spanien an­strebte als das der unmittelbaren Vergangenheit, offenbarte auch die erste Münze<a href="#sdfootnote34sym"><sup>34</sup></a>. Geprägt 1937 in Wien als Wert zu 25 Céntimos, zeigt die mittseits gelochte Münze auf der Bildseite den Landesnamen &#8218;ESPANA&#8216; und die Devise &#8218;VNA GRANDE LIBRE&#8216; auf einem Kranz von Strahlen, die von der Lochung gleich einer Sonne ausgehen, das Joch und fünf gebündelte Pfeile zu­sammen­gefaßt in einem Emblem, das Datum des Aus­gabejah­rs mit dem Zusatz &#8218;II ANO TRIVNFAL&#8216;. Die Pfeile zeigen nach oben<a href="#sdfootnote35sym"><sup>35</sup></a>.</p>
<p>Eine Münze zu einer Peseta wurde erstmals 1944 geprägt<a href="#sdfootnote36sym"><sup>36</sup></a>. Der Münz­wert ist von ei­nem ara­besken Kranz aus den bekannten Wappen und dem zusammenge­fügtem Joch und Bündel von fünf aufwärts ge­richteten Pfeilen umschlossen, das Wappen des Regimes auf der Gegenseite zu sehen.. Daß dieses Münzbild mit seiner klaren ideologi­schen Aussage nur einmal ver­wendet wurde, dürfte in der staatsrechtlichen Verlautbarung vom 1. April 1947 be­gründet sein, die Spanien zur Monarchie mit dem Caudillo als Staatschef auf Lebens­zeit erklärte.</p>
<p>Unter dem formellen Ausgabe­jahr 1946 erschien auf den Münzen eine Kopfbüste des Staats­chefs<a href="#sdfootnote37sym"><sup>37</sup></a>. Mit fünf Emissionen zu einer Peseta wurde jenes schlichte Bildprogramm eröffnet, das im Dienst der Restau­ra­tion einer Monar­chie un­ter der Führung von Franco stand. Zum er­sten Male erscheint als Um­rahmung der Kopfbüste die Umschrift FRANCISCO FRANCO CAUDILLO DE ESPAÑA POR LA G.(RACIA) DE DIOS. Die Formulie­rung &#8218;POR LA GRACIA DE DIOS&#8216; war ein eindeutiges Bekenntnis zur Ableitung der Herrschaftsge­walt aus göttlichem Recht unter Ab­leh­nung der Lehre von Volkssouveränität und Gesellschafts­vertrag. Zu­gleich läßt sie sich als Bekenntnis zum mon­archi­schen Prinzip interpretieren.</p>
<p>Alle Münzen offen­barten zweifelsfrei, daß sie nicht nur Zah­lungsmittel waren, sondern selbst in der Form von Schei­de­münzen zu 5 und 10 Céntimos der Selbstdarstellung und Legiti­mation des Franco-Regimes dienten. Ausgegeben am 11. Februar 1941 zeigen sie auf der Bildseite u.a. einen Lanzen­reiter und die Inschrift &#8218;ESPAÑA&#8216;<a href="#sdfootnote38sym"><sup>38</sup></a>. Der Lanzenreiter entspricht in modifiziertes Form jenem &#8218;iberischen Lanzenrei­ter&#8216;, der auf Mün­zen während der römischen Herrschaft das offenbar auf As und Denar am weitesten verbreitete Münzbild war. Hier wurde zugleich voll das Wappen der Katho­lischen Könige ein­schließlich ihrer Embleme Joch und Pfeil­bündel reaktiviert, ergänzt durch die Säu­len des Herakles und die Devise &#8218;PLUS ULTRA&#8216; sowie die zwischen Krone und Adler auf einer ge­schwungenen Banderole einge­brachte Devise &#8218;UNA GRANDE LIBRE&#8216;<a href="#sdfootnote39sym"><sup>39</sup></a>.</p>
<p>Abweichend von den Münzen mit Francos Por­trät war nur die von 1949 bis 1965 verausgabte Münze zu 50 Céntimos<a href="#sdfootnote40sym"><sup>40</sup></a>. Die mittseits durchlochten Prägungen zei­gen auf der Bildseite u.a. die Inschrift &#8218;ESPANA&#8216; und als Sym­bole Anker, Tau sowie Steu­errad &#8211; Sinnbil­der für Spa­nien als Seefahrernation. Die andere Seite enthält neben der Wertan­gabe das Staatswappen mit Joch und Pfeilbündel, wobei auf der ersten Ausgabe die Pfeile analog zur Gestaltung des Pfeilbündels unter den Katholischen Königen nach unten gerichtet sind.</p>
<p>Im Laufe weiterer Emissionen sind Porträt und Staatswappen leicht abgewandelt worden<a href="#sdfootnote41sym"><sup>41</sup></a>; ab 1957 wurden die Säulen des Herakles vor einem schräg hinein­gesetzten Adler des Hl. Johannes eingebracht<a href="#sdfootnote42sym"><sup>42</sup></a>. Alle Münzen ab dem Wert zu 25 Pesetas enthielten auf dem Münzenrand statt der Strichkändelung bei den niederen No­mina­len den Leit­spruch * UNA ** GRANDE ** LIBRE*. Er verschwand erst mit der Kursmünzenausgabe von 1982 unter Juan Carlos I. Einzige Silberprägung war von 1966 bis 1970 eine 100-Pesetas-Münze<a href="#sdfootnote43sym"><sup>43</sup></a>, deren Bildseite in Franco-Por­trät und Titelei den gleichzeitigen Kursmünzen entspricht, die abweichende Wertseite aber ein gekröntes fünf­feldiges Wappen und am Außenrand Joch und Pfeilbündel enthält.</p>
<p>Mit dem Regierungsantritt König Juan Carlos I. im Jahre 1975 begann sich der Wandel des Staatswesens auch auf neuen Münzen auszudrücken. Die Kursmünzen zeigten bildseitig das Porträt des neuen Staats­ober­hauptes, der wegweisende Wandel vollzog sich im Verständnis und Sinne der politischen &#8218;transición&#8216; auf der Wertseite. Seit 1975 trägt die Bildseite der Kursmünzen das Porträt, das Ausgabejahr und die Titelumschrift &#8218;JUAN CAR­LOS I REY DE ESPANA&#8216;. Die Münze zu fünf Pesetas deutete auf der Rück­seite den Wandel an: Das gekrönte spanische Staatswappen ent­hielt im Mittelschild das bourbonische Emblem der Lilien, umrahmt von der Or­denskette des Gol­de­nen Vlieses und unterlegt mit ei­nem Adreaskreuz, jedoch blieben bis 1989 noch Joch und Pfeilbündel erhalten<a href="#sdfootnote44sym"><sup>44</sup></a>. Nach und nach verschwanden der Adler des Johannes, die Devise &#8218;UNA GRANDE LIBRE&#8216; sowie zuletzt das Joch und das Pfeilbündel aus dem Münz­bild<a href="#sdfootnote45sym"><sup>45</sup></a>. Eine neue Kurs­mün­zenserie seit 1982 zeigte den vorsich­tig, mit politischer Klugheit vollzogenen Wandel<a href="#sdfootnote46sym"><sup>46</sup></a>. In abgemessenen Schritten befreite sich Spanien vom Erbe Francos.</p>
<p>IV</p>
<p>Nach Francos Verständnis legitimierte sich sein autoritär-hierarchisches Regime aus dem Sieg im Krieg der &#8218;beiden&#8216; Spanien &#8211; interpretiert als ein Kreuzzug gegen die Kräfte des &#8218;Anti-Spanien&#8216;, wurde der An­spruch erhoben, Spanien in unmittelbarer Anknüp­fung an seine ruhmvolle Vergangenheit aus Dekadenz und vor dem Ver­sinken im Strudel des Internationa­lismus errettet zu haben und zu nationaler Ein­heit und Größe zurückzu­führen. Dieses &#8217;neue Spanien&#8216; leitete sein reaktionäres Sinngefüge aus militäri­schen Vorstellungen, aus kon­servativer Tradition, aus katholi­schem Konfessionalismus und teilweise auch aus der &#8218;Weltanschauung&#8216; der Falange her. Ihre Ideologie<a href="#sdfootnote47sym"><sup>47</sup></a> ziel­te auf die Wie­derherstellung der ehemaligen Größe Spaniens ab und war einem Nationalismus im Verständnis einer &#8217;schicksalhaften Einheit Spaniens&#8216; verhaftet, der Regionalismus und erst recht Separatismus als &#8218;unver­zeihliches Verbrechen&#8216; strikt verwarf; diese Ideologie berief sich auf die katholische Konfession als die dem Spanier ureigene Religion und verfocht &#8211; wenn auch unklare &#8211; imperialisti­sche Vorstellungen. Nicht zu­letzt bekundete die Falange ein uneingeschränktes Be­kenntnis zu militärischen Werten. Historisch sahen vor allem Ramiro Ledesma Ramos (1905-1936) und sein Umfeld in den Katholi­schen Königen ein Vorbild verkör­pert, deren ruhmreiche Herrschaft sie als Beispiel der Größe Spanien ständig beschworen, etwa in der Formu­lierung &#8222;Unter Isabella und Ferdinand waren wir die erste Nation der Welt, in der Staat und nationales Wollen zu einer unauflösbaren, dauernden Wesenseinheit verschmolzen.&#8220; Die Be­zeichnung &#8218;Katholische Könige&#8216; wurde als politischer Begriff instrumentalisiert, der ihre Herrschaft als eine Zeit eines &#8222;sentido nacional y mili­tar&#8220; er­scheinen ließ. Verkör­pert sahen sie den Be­griffsgehalt in den Sinnzei­chen Joch und Pfeilbündel &#8211; dem &#8217;símbolo de unidad espanola&#8216; . Diese Embleme wurden erstmals, wohl ange­regt durch Juan Aparicio López (*1906) dem Titel der Zeitung &#8218;La Conquista del Estado&#8216; bei­ge­fügt<a href="#sdfootnote48sym"><sup>48</sup></a>, danach zu Emblemen der Falange er­ho­ben. Für die Mitglieder der &#8218;Bewegung&#8216; waren sie einerseits Sinnbilder für die von ihnen geforderte Diszi­plin und Angriffs­bereitschaft<a href="#sdfootnote49sym"><sup>49</sup></a>. Im Zeichen falangi­stischer Zukunftsbewältigung sollten sie andererseits durch die Beschäfti­gung mit der Vergan­genheit Sinn stif­ten, dienen als kraftgeladene Zeichen. Sie standen für einen übersinnli­chen Begriff &#8211; für das ewige Spanien. Diese Idee fand einen weiteren Ausdruck in dem Leitspruch &#8218;Espana una, grande y libre&#8216; (Ein Spanien, groß und frei), den die JONS &#8211; Juntas de Ofensiva Nacional-Sindi­calista – bei ihrer Ver­einigung mit der Falange einbrachten.</p>
<p>Als die Falange nach Ausbruch des Bürgerkrieges 1937 von Franco in eine einheitliche Staatspartei überführt wurde, die sich von zahl­reichen falangistischen Vorstellungen trennte, übernahm das Regime ihre Embleme und ihren Leitspruch. Daß eine solche Identifikation nicht von Anfang an gegeben war, offenbart die erste Banknote<a href="#sdfootnote50sym"><sup>50</sup></a>. Dem neuen sinnstiftenden Deutungs- und Ordnungspotential war nicht mehr ein Bezug zur Re­stauration der vergangenen Monarchie, sondern ein Bekenntnis zur sogenannten ruhm­reichsten Vergangenheit Spa­niens zu entnehmen. Auf der Grundlage einer Beschäftigung mit den Katholi­schen Königen wurde über manipulierte Tradition ein Ge­schichtsbild freige­setzt und beschworen, dessen Lei­stungsfähigkeit darin gesehen wurde, daß Franco gleich den Katholischen Königen unwandelbaren traditionalen Werten und Normen ver­pflichtet erschien und ver­antwort­lich war einzig vor der Ge­schichte und vor Gott &#8211; allgegenwärtig sichtbar in der Formulie­rung &#8218;POR LA GRACIA DE DIOS&#8216;.</p>
<p>Wenn Ladero Quesada 1992 festgestellt hat, daß das Zeitalter der Katholischen Könige für die spanische Ge­schichtswissenschaft stetig von besonderem Interesse war, &#8222;aber auch zu anachronistischen und nationalisti­schen Interpretationen Anlaß gegeben&#8220; habe<a href="#sdfootnote51sym"><sup>51</sup></a>, so gilt diese Aussage nicht zuletzt für die Zeit des Franco-Re­gimes. Das leitende Erkenntnisinteresse wurde nicht selten vom politischen Legiti­mationsbe­dürfnis der Dikta­tur beeinflußt. Nach seinem historischem Selbstverständnis vollendete der Diktator je­ne Po­litik, die unter den Katholischen Königen zwangsläufig und unvermeidlich zum spanischen National­staat ge­führt habe &#8211; zu jener Einheit und Einigkeit, die besonders die im Bürgerkrieg bekämpfte Repu­blik sträflich preisgege­ben hätte. Es war jedoch anachronistisch, von einem Einheitsstaat um 1500 zu spre­chen, in dem sich der am stärksten zen­tralisierte Staat, den die Spanier jemals über sich ergehen lassen muß­ten, hätte gespiegelt sehen können. Dieser historische Sachverhalt schließt nicht aus, daß sich das Regime durch die Ka­tho­lischen Könige rechtfertigte, wenn es eine ständestaatlich organisierte Gesell­schaft oder jenen &#8222;extremen religiösen und geistigen Kon­for­mismus&#8220; zu restaurieren anstrebte, für den Isabella und Ferdinand mit der Zer­störung der Reste eines aus dem Mittelalter überkommenen, in Grenzen toleranten Zu­sammenlebens ethnisch und religiös verschiedener Men­schen historische Verantwortung zugesprochen wer­den muß<a href="#sdfootnote52sym"><sup>52</sup></a>. Das Regime le­gitimierte sich für den Diktator in erster Linie durch seinen militärischen Sieg über die gesellschaftlichen Kräf­te, die als &#8218;Anti-Spanien&#8216; denun­ziert wurden. Ihn beschwor er kontinuierlich. Dar­über hinaus aber sollten auch die nationalistischen und ideo­logischen Werte und Normen des Francismus, ge­faßt in dem leicht abgewandel­ten falangistischen Leitspruch &#8218;UNA &#8211; GRANDE &#8211; LIBRE&#8216; historisch legitimiert erscheinen. Aber nicht nur dieses Motto wurde jedem Spa­nier im Staatswappen und vor allem auf Münzen tag­täglich präsentiert, sondern auch die Embleme der Katho­lischen Könige. Der Berufung auf sie eignete die Funktion, die Vorstel­lung zu vermitteln, einzu­prägen und zu festigen, daß Isabella I. und Ferdinand V. in Franco und seinem System ih­ren kon­genia­len Nach­folger ge­fun­den hatten, daß der Staatschef deren hehre Ziele stetig verfolge. Indem sich das Franco-Re­gimes hinsicht­lich seiner politischen und gesellschaftlichen Funktion auf die Epoche um 1500 be­zog, um dadurch die Dikta­tur auch historisch zu rechtfertigen, verfälschten Ideologen und willfähige Histori­ker nicht nur das Geschichts­bild, sondern strebten an, ihre Sicht einer vergangenen historischen Wirklichkeit als Bau­stein für eine gegen die Geschichte gerichtete manipulierte Traditionsbildung zu instrumentalisieren &#8211; ein Versuch, der den Wider­spruch der Ge­schichtswissen­schaft herausfordert<a href="#sdfootnote53sym"><sup>53</sup></a>. Nicht hi­storisch gegründet, son­dern ideolo­gisch vermit­telt sah sich das Franco-Regime funktionell im Staat der Katholischen Könige gespie­gelt.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz82-RainerWohlfeil-KatholKoenigeFrancoregime.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen  &gt;&gt;  vollständiger Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab  &gt;&gt;]</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kaiser Karl V. &#8211; Vom &#8218;burgundischen Ritter&#8216; zum &#8218;Ahnherrn Österreichs’</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Wohlfeil]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Mar 2017 00:00:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Frühe Neuzeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Habsburg]]></category>
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					<description><![CDATA[Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil,<br>KAISER KARL V.  Vom ‚burgundischen Ritter‘ zum ‚Ahnherrn Österreichs‘<br><br>Die Münze Österreich gab am 21. Oktober 1992 eine Silberprägung zu 100 Schilling heraus, deren Revers – die Bildseite einer Münze – ein Bildnis Karls V. (1500-1558) zeigt1, während sich auf dem Avers – ihrer Wert­seite – Bildnisse Kaiser Ferdinands I. (1503-1564) und König Philipp II. von Spanien (1527-1598) befinden2. Diese Sondergedenkmünze ordnet sich ein in eine Millenium-Serie, mit der die Republik Öster­reich seit 1991 bis zum Jubiläumsjahr 1996 in acht silbernen und sechs goldenen Prägungen sowie einer ‚Kursmünze‘ an die 1000-jährige österreichi­sche Geschichte erinnerte. [ … ]<p> <a class="continue-reading-link" href="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/kaiser-karl-v-vom-burgundischen-ritter-zum-ahnherrn-oesterreichs/"><span>Weiterlesen &#62;&#62;</span><i class="crycon-right-dir"></i></a> </p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/100-schilling-Karl-V.png"><img decoding="async" class="alignleft size-full wp-image-1738" src="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/100-schilling-Karl-V.png" alt="100 Schilling-Gedenkmünze Karl V " width="273" height="536" srcset="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/100-schilling-Karl-V.png 273w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/100-schilling-Karl-V-102x200.png 102w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/100-schilling-Karl-V-76x150.png 76w" sizes="(max-width: 273px) 100vw, 273px" /></a>Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil:</p>
<h2 style="text-align: center;"><a href="/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz79-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrOesterreichs.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><strong>Kaiser Karl V.  </strong></a></h2>
<h2 style="text-align: center;"><a href="/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz79-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrOesterreichs.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Vom &#8218;burgundischen Ritter&#8216; zum &#8218;Ahnherrn Österreichs&#8216;  </a></h2>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Münze Österreich gab am 21. Oktober 1992 eine Silberprägung zu 100 Schilling heraus, deren Revers &#8211; die Bildseite einer Münze &#8211; ein Bildnis Karls V. (1500-1558) zeigt<a href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a>, während sich auf dem Avers &#8211; ihrer Wert­seite &#8211; Bildnisse Kaiser Ferdinands I. (1503-1564) und König Philipp II. von Spanien (1527-1598) befinden<a href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a>.</p>
<p>Diese Sondergedenkmünze ordnet sich ein in eine Millenium-Serie, mit der die Republik Öster­reich seit 1991 bis zum Jubiläumsjahr 1996 in acht silbernen und sechs goldenen Prägungen sowie einer ‚Kursmünze‘ an die 1000-jährige österreichi­sche Geschichte erinnerte<a href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a>. Die Kurs­münze zeigt    [ &#8230; ]</p>
<p><span id="more-1563"></span></p>
<p style="text-align: center;"><a href="/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz79-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrOesterreichs.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen &gt;&gt; zum vollständigen Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab &gt;&gt; ]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<h6 style="text-align: center;"><span style="color: #234567;"><em><strong>svz 79 </strong>&#8211; bibliografische Information :</em></span><br />
<span style="color: #234567;"> <em> Rainer Wohlfeil: <strong>Kaiser Karl V. &#8211; Vom &#8218;burgundischen Ritter&#8216; zum &#8218;Ahnherrn Österreichs’</strong>,</em></span><br />
<span style="color: #234567;"> <em> in: Bildnis und Image. Das Portrait zwischen Intention und Rezeption,<br />
hg. von Andreas Köstler und Ernst Seidl, München 1998, S. 163 &#8211; 178.</em></span></h6>
<hr />
<p>[ &#8230; ]  den Babenberger Markgrafen Heinrich I. (994-1018). die Münzen in Silber brin­gen die Bild­nisse der Habsbur­ger König Rudolf I. (1218-1291), Kaiser Maximilian I. (1459-1519), Kaiser Karl V. (1500-1558), Kaiser Leopold I. (1640-1705) und Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) sowie den Babenberger Markgrafen Liutpold bzw. Leopold III. (1095-1136), in Gold der Habs­burger Kaiser Rudolf II. (1552-1612 ), Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) und Kaiser Franz I. (1768-1835) sowie des Herzogs Hein­rich II. Jasomirgott (1140-1177) aus dem Geschlecht der Babenberger. Die restlichen Prä­gungen spiegeln zentrale Geschehnisse wider. Im Rahmen fortwäh­rend reich­haltiger Son­derprä­gungen waren zuvor u.a. 1965 Herzog Rudolf IV. (1358-1365), 1967 und 1980 Kaiserin Maria The­resia, 1969 Kaiser Maximilian I. und 1978 König Rudolf I. Gedenkmün­zen in Silber gewidmet wor­den<a href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a>. Die Eltern Karls V., König Philipp den Schönen von Kastilien, Herzog von Burgund (1478-1506), und Königin Juana von Kasti­lien-Aragón (1479-1555), enthält der Avers der Ge­denkmünze Ma­ximilians I. von 1992 zu­sammen mit dem bekannten Wahlspruch &#8218;TU FELIX AUSTRIA NUBE&#8216;.</p>
<p>In Österreich erstmals, in Deutschland bisher gar nicht, waren zuvor schon in anderen Staaten auf Münz- und Papiergeld Bildnisse Karls V. eingebracht worden, beispielsweise in Belgien im Rahmen von ECU-Prä­gun­gen<a href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a>, vor allem aber in Spanien. Dort hatte 1925 eine Banknote zu 1.000 Peseten ein Porträt des Kaisers enthal­ten, 1940 zeigte ihn eine weitere<a href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a>. 1989 wurden Tizians  Bildnis des Kaisers zu Pferd in der Schlacht bei Mühl­berg, seine Devise &#8218;PLUS ULTRA&#8216; und sein Emblem, die Säulen des Herkules, als Münzbil­der für ECU-Prä­gun­gen ver­wandt<a href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a>. 1990 enthielt der höchste Wert der ersten Ausgabe<a href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a> zur Erinnerung des 500. Jahres­tages der Entdeckung Amerikas sein Bildnis &#8211; eine Goldmünze im Wert von 80.000 Peseten. Daß Säulenemblem und Wahlspruch erstmals während Karls Herrschaftszeit auf hispano-ame­rikanischen Prägun­gen erschienen, später auf spanische Münzen übernommen wurden und noch im heutigen Staatswappen Spaniens und damit auf Kursmünzen gegenwärtig sind<a href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a>, sei am Rande erwähnt.  Kehren wir zum Revers der Ausgabe vom 21. Oktober 1992 zurück<a href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a>. Nach einer Bildbe­schrei­bung stellt sich als erste die Frage nach der Vorlage, als zweite diejenige, welches Pro­dukti­onsinteresse verband sich mit der Bildnis-Findung für die Vorlage, entsprach ihrer Inten­tion die Funktion des Bildnisses und wie wurde es von den Zeitgenossen rezipiert? Als dritte und letzte Frage wird sich dem Problem gewidmet werden, welche Aussagen soll das Bild des Kai­sers auf der Gedenk­prä­gung vermitteln, deren Münzbild unter mehreren Entwürfen ausge­wählt wurde? Bestä­tigt des­sen Analyse meine Annahme, daß die Münze Österreich dem Kaiser ein Image<a href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a> zu­schreibt, das sich als gegenwartsbezogen erweist? Läßt sich vielleicht ein Wan­del zwischen der Intention der Bildfindung und der Funktion des gefundenen Bildes bei dessen Verwendung ermitteln? Begrifflich spreche ich nachfolgend von Bildnis, wenn es sich um ein Porträt, von Bild, wenn es sich um ein Vorstellungs- oder Geschichtsbild handelt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 style="text-align: center;">Bildbeschreibung und Vorlagenfindung</h3>
<p>Der Kaiser als Dreiviertelfigur, leicht nach rechts gewendet, ist gekleidet in einen ritterlichen Turnierharnisch, gekennzeichnet durch Achseln mit zwei Schwebescheiben und emporge­klapptem Rüsthaken. Er trägt die Kette des Ordens vom Goldenen Vlies. Das bärtige Gesicht vermittelt den Eindruck eines gealterten Mannes. Seine linke Hand umfaßt den Griff eines linksseitig gegürteten Schwertes. In der Hand des abwärts ausgestreckten rechten Armes hält Karl eine empor­gerichtete, leicht aufgeblätterte Rolle. In Höhe seiner rechten Schulter be­findet sich als Wappen ein Doppelad­ler mit angedeutetem Habsburger Bindenschild als Herzschild, die Adler­köpfe von Nimben umfaßt. Das Wap­pen wird umrahmt von der Halskette des Ordens vom Goldenen Vlies mit ihrem Anhänger, einem Widder­fell<a href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a>, und gekrönt von der Kaiser­krone &#8211; ein Wappen, wie es Albrecht Dürers Bildnis Kaiser Maximilians I. von 1519 zeigt<a href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a>. In Höhe der linken Schulter befindet sich das Wappen des spanischen Zweiges der Habsburger, aller­dings in relativ freier Gestaltung der Details und seiten­verkehrt wie­dergegeben<a href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a>. Auch es ist umrahmt von der Halskette, und über ihm schwebt eine Krone. Verbunden werden beide Kro­nen durch die kaiserliche Devise PLUS ULTRA. Außerdem enthält das Münzbild die Auf­schrift KAISER KARL V.</p>
<p>Die Vorlage<a href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a> für die Münze findet sich lt. Mitteilung ihres Graveurs in dem Taschenbuch von Herbert Nette über Karl V., dem Band 280 in der Reihe &#8218;rowohlts monographien&#8216;<a href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a>. Er­gänzend teilte er lapidar mit: &#8222;Leider stehen keine genaueren Angaben über den Kupferstich dabei. Im Quellennach­weis der Abbildungen steht, daß das Bild aus dem Bilderarchiv Preußi­scher Kulturbesitz, Berlin stammt.“</p>
<p>Damit ist die zweite Frage, die nach der Vorlage dieser Vorlage aufgeworfen. Sie zu beant­worten heißt, von dem Sachverhalt aus­zugehen, daß es bisher keine übergreifende Untersu­chung gibt, die sich &#8211; wie beispielswei­se Wolfgang Hilger für Ferdinand I.<a href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a> &#8211; mit der Ikono­graphie Karls V. beschäftigt hat. Nur Vorarbeiten liegen vor, wie etwa die von Enrique Pacheco y de Leyva<a href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a>, von Karl Brandi<a href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a> oder von Elena Páez<a href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a>. In ähnli­cher Weise wie bei Nette ist auch bei der Reproduktion des Stiches im Band 18 der Historia de Espana verfah­ren worden &#8211; schlichter Verweis auf die Sammlung in der Nationalbibliothek zu Madrid<a href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a>. Der Stich fin­det sich je­doch nicht in den Kata­logen der beiden großen spanischen Ausstellungen zu Toledo<a href="#sdfootnote22sym"><sup>22</sup></a> und Barce­lona<a href="#sdfootnote23sym"><sup>23</sup></a> von 1958 anläßlich des 400. Todestages Karls V., auch nicht im Genter Kata­log<a href="#sdfootnote24sym"><sup>24</sup></a> zur Ausstellung von 1955, war jedoch in der Wiener Sonderausstel­lung von 1958 zu sehen<a href="#sdfootnote25sym"><sup>25</sup></a>. Ermittelt werden konnte die Vorlage über die Materialsamm­lung zur Politi­schen Ikonogra­phie im Kunstgeschichtlichen Seminar an der Universität Ham­burg. Es handelt sich um einen Kup­ferstich von Lucas Vorsterman (1595-1675), um 1617/1618 gesto­chen<a href="#sdfootnote26sym"><sup>26</sup></a>. Dem Stich ent­nommen ist nur die Dreiviertelfi­gur; an die Stelle des erho­benen Schwertes ist als Abänderung die Rolle &#8211; gemäß Münz­bildschöpfer eine Landkarte &#8211; eingebracht, wäh­rend das bei Vorsterman gezo­gene Schwert linksseitig gegürtet hängt.</p>
<p>Der Kupferstich von Vorsterman beruht nach Justus Müller Hofstede auf einer Stechervorlage von Peter Paul Rubens (1577-1640)<a href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a>. Deren Entstehungsgeschichte analysierte Müller Hof­stede in seiner Studie &#8218;Rubens und Tizian: Das Bild Karls V.&#8216;<a href="#sdfootnote28sym"><sup>28</sup></a> unter der Fragestellung, &#8222;wel­che Gegenstände Rubens nach Tizian malte&#8220;, und zwar begrenzt auf &#8222;das Feld des Histori­schen Porträts&#8220;<a href="#sdfootnote29sym"><sup>29</sup></a>. Im Rahmen der Kopien durch Rubens gewann das Bildnis Karls V. eine be­sondere Bedeutung. Hier muß ich mich auf zwei Porträts beschränken.</p>
<p>Während seines ersten Aufenthaltes von 1603 bis 1604 in Madrid kopierte Rubens 1603 das Gemälde &#8218;Porträt Karls V. mit erhobenem Schwert&#8216;, das Tizian (Tiziano Vecellio, um 1487/90-1576) als Dreiviertelfigur 1530 wahrscheinlich in den Wochen vor der Kaiserkrönung zu Bolo­gna gemalt hatte und das sich damals im Schloß El Pardo befand, nach 1636 aber verloren ging. Mit diesem wahrscheinlich auftragsfreien Bildnis hatte sich Tizian dem Kaiser empfehlen wollen. Rubens Kopie<a href="#sdfootnote30sym"><sup>30</sup></a> zeigt einen bärtigen Mann mit jugendlichen Gesichtszügen, der jenen Turnierharnisch trägt, der ihn auch auf dem Kupferstich Vorstermans kleidet und der in leicht ab­geänderter Form auf der Münze zu erkennen ist. Rubens kopierte außerdem das ebenfalls verloren gegangene Ge­mälde &#8218;Bildnis Karls V. mit dem Kommandostab&#8216;<a href="#sdfootnote31sym"><sup>31</sup></a>, das Tizian 1548 in Augsburg gemalt hatte<a href="#sdfootnote32sym"><sup>32</sup></a> &#8211; ein gleich­falls dreiviertelfi­guriges Kaiserporträt. Der Harnisch gleicht hier jenem, den Karl V. auf dem gleichzeiti­gen Rei­terbildnis<a href="#sdfootnote33sym"><sup>33</sup></a> trägt, und in diesen bei­den Darstellungen ragt aus ihm ein Hemdkragen hervor. Das bärtige Ge­sicht mit Stirn­falten trägt die Züge eines gereiften, nachdenk­lich wirkenden Mannes. Diesen Kopf mit Hemd­kragen über­nahm Rubens, als er um 1617/18 als Stichvorzeich­nung für Vorsterman auf seine Kopie des &#8218;Porträts Karls V. mit erhobenem Schwert&#8216; zurückgriff<a href="#sdfootnote34sym"><sup>34</sup></a>; er ersetzte al­so gewissermaßen einen ju­gendlichen Ausdruck durch den eines gereiften Mannes.</p>
<h3 style="text-align: center;">Fragen an die Vorlagen</h3>
<p>Die Ermittlung der Bildnisvorlage und ihre erste Einordnung in historische Zusammenhänge erscheinen aus­rei­chend, um nunmehr zweitens nach Intention und Produktionsinteresse von Rubens und Vorsterman ebenso zu fragen wie danach, welche zeitgenössische Rezeption die Bildnisse erfuhren. Die Aufgabe wird auf zwei Ebenen angegangen,</p>
<ol>
<li>a) unter der Problematik, welches Bild des Kaisers vermitteln generell Rubens&#8216; Bildnisse, wel­chem Zweck soll­ten sie dienen und welche &#8222;Vorstellungen, Emotionen und Wertungen&#8220;<a href="#sdfootnote35sym"><sup>35</sup></a> ver­band der Maler mit seinen Kopien, besonders aber mit seiner Stichvorlage?</li>
<li>b) mit der Frage, entsprach das von Rubens vermittelte Bild Karls V. der Vorstellung, die Ti­zian mit sei­nen Porträts verbunden hatte, hatten sie die zeitgenössische Auffassung vom Kaiser reflektiert und gegebenenfalls wel­che?</li>
</ol>
<p>Zu a) Rubens wurde während seines ersten Aufenthalts am spanischen Hof erstmalig intensiv mit der Persön­lichkeit Kaiser Karls V. konfrontiert. Während zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Zeichen des Konfessiona­lismus in Ländern mit protestantischer Bevölkerung das Interesse an jenem Kaiser weitgehend geschwunden war und im Umfeld der österreichischen Habsburger sein Andenken zwar &#8222;offiziell respektvoll&#8220; bewahrt wurde, aber dieser Erinnerung stark be­drückende Züge innewohnten, hatte in Spanien bereits Philipp II. begonnen, &#8222;aus seinem Vater einen Mythos, ja einen Heiligen zu machen&#8220;<a href="#sdfootnote36sym"><sup>36</sup></a>. Diese Deutung fand in der Biographie Karls V. von Prudencio de Sandoval ihren historiographischen Niederschlag &#8211; eine Interpretation, die über Jahr­hun­derte die verklärte Vorstellung vom Ehrerbietung erheischenden Kaiser geprägt hat<a href="#sdfootnote37sym"><sup>37</sup></a>. Sie erschien während der Zeit, da Rubens in Madrid weilte, wird ihm bekannt geworden sein und zusammen mit Tizians Bildnissen seine zu­künftige Anschauung grundsätzlich geformt haben. Zuvor dürften seine Kenntnisse von einer in den ehe­mali­gen burgundischen Niederlan­den populären, in gewisser Weise freundlichen Erinnerung an das Lan­des­kind Karl bestimmt gewesen sein &#8211; freundlich im Vergleich zum negativen Bild seines Sohnes und Nachfol­gers Phil­ipp II.</p>
<p>Die Thesen von Müller Hofstede, daß Rubens in Madrid &#8222;zum erstenmal die überragende ge­schichtlich-po­liti­sche Potenz der Habsburger&#8220; erlebte, er in Karl V. &#8222;die Gründergestalt dieser dynastischen und imperialen Macht erblickt&#8220;<a href="#sdfootnote38sym"><sup>38</sup></a> hat und ihn seither &#8222;vor allem im Glanze eines apotheotischen Ruhmes sah&#8220;<a href="#sdfootnote39sym"><sup>39</sup></a>, dürften zu­treffen. Diesen Karl V. holte Rubens in seinen Ma­drider Kopien von vier Kaiserbildnissen Tizians in seine nie­derländisch-flämische Heimat &#8218;heim&#8216;<a href="#sdfootnote40sym"><sup>40</sup></a>. Hier konnten sie zu seiner Zeit jedoch nur bedingt rezipiert werden, denn sie hingen mit zahlreichen weiteren Bildnissen von Familienangehörigen und Zeitgenossen jenes Kaisers noch 1640 in Rubens&#8216; Haus<a href="#sdfootnote41sym"><sup>41</sup></a> &#8211; ausgenommen der Stich von Vorsterman. In dessen Vorlage ersetzte Rubens in seiner Kopie von Tizians Bildnis des Dreißigjährigen &#8211; porträtiert im Ver­ständnis eines Würde, Stolz und auch Liebenswürdigkeit aus­strahlen­den burgun­dischen Rit­ters, dessen blanke Waffe<a href="#sdfootnote42sym"><sup>42</sup></a> jene Turnierbereitschaft ver­kündet, der Karl so gerne ge­huldigt hat und in deren Kontext er sich 1528 und noch einmal 1536 zum Zwei­kampf mit dem fran­zösi­schen König Franz I. bereit erklärte<a href="#sdfootnote43sym"><sup>43</sup></a> &#8211; den jugendlich wirkenden Kopf durch das gereift-nach­denkliche Haupt seiner Kopie des Augs­burger Bildnisses Tizians von 1548. Hatte gemäß Mül­ler Hofstede Rubens &#8222;bei seinen Kopien von 1603 &#8230; nicht allein zwei verschiedene Lebensstu­fen, sondern auch zwei polare Aspekte von Karls Wesen vor Augen gestanden&#8220;, hatte &#8222;das Porträt von 1530 &#8230; Bereitschaft zu Entscheidun­gen und ausge­prägter Wil­lenskraft&#8220; vermittelt, dagegen das &#8222;Bildnis von 1548 &#8230; das oft zaudernde Nachsinnen und die scheue Ver­schlossen­heit &#8230; ahnen lassen&#8220;<a href="#sdfootnote44sym"><sup>44</sup></a>, beschwor Rubens in seiner Stichvorlage jenen Herzog von Bur­gund, der wäh­rend seiner Herr­schaftszeit die burgundischen Niederlande abgerundet und ihnen mit dem Bur­gundischen Ver­trag von 1548 und der Pragmatischen Sanktion von 1549 ihre institu­tionelle Ein­heit gesi­chert zu haben schien. Die Erinne­rung an die Vergangenheit im Zeichen burgundischer Gemeinsamkeit der südli­chen und nördlichen Niederlande war in Antwerpen lebendig geblieben<a href="#sdfootnote45sym"><sup>45</sup></a>, sie prägte Rubens&#8216; burgundi­sches Geschichtsbild und schlug sich in sei­nem Werk mannigfaltig nieder<a href="#sdfootnote46sym"><sup>46</sup></a>. Es war eine Konzeption von Ver­gangenheit, die Rubens seinen Zeitgenossen durch ein Bildnis zu vermitteln suchte: Die Stichvorlage bot mit dem Porträt Karls V. das Bild eines verantwortungsbewußten Herzogs von Burgund und reflek­tierte in leicht apotheotischer Sicht sein Wirken für die burgundischen Niederlande. Beschwo­ren wurde der Inbegriff eines Landesherrn, der &#8211; die Bürde seines Amtes offensichtlich re­flektierend &#8211; seine Aufgabe in ritterlicher Gesin­nung und Haltung wahr­genommen hatte. An ihn zu erinnern konnte in der Zeit des spanisch-niederlän­dischen Waffenstillstan­des<a href="#sdfootnote47sym"><sup>47</sup></a> von 1609 bis 1621 der Idee eines dauerhaften Ausgleichs und wieder friedlichen Neben­einanders der entzwei­ten Teile der ehemaligen Gesamtheit dienlich sein. Ob und wie die Zeitgenossen das Bildnis von 1618 rezipier­ten, bleibt eine offene Frage. Sie zu beantworten, würde eine eigene Untersuchung er­fordern. Einstweilen läßt sich nur feststellen, daß der Stich mehrfach überlie­fert ist.</p>
<p>Zu b) Spätestens seit der Studie von Franz Bosbach<a href="#sdfootnote48sym"><sup>48</sup></a> über die Monarchia Universalis wissen wir konkret, wie intensiv in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Für und Wider einer Umsetzung des Kaisertums Karls V. in ein universales Herrschertum erörtert worden ist<a href="#sdfootnote49sym"><sup>49</sup></a> &#8211; Universalmonarchie begriffen als &#8222;theoretische Kon­zeption von Herrschaft, die in Überordnung über alle Herrscher allgemein interessierende und über den einzel­nen Herrschaftsbereich hin­ausreichende Aufgaben erfüllte&#8220;<a href="#sdfootnote50sym"><sup>50</sup></a>. In erster Linie belegt der literarische Nieder­schlag, wie variantenreich und schillernd die Vorstellungen von der Idee einer Weltherrschaft waren – ein Nie­der­schlag, der sich vornehmlich in den Verlautbarungen der Tagespolitik, also in der Pro­paganda, in den politischen Über­legungen innerhalb der engeren Führungsgruppen, vor allen in Denkschriften, und in den Traktaten der Legi­sten und Kanonisten findet. Unterschiedliche Auffassungen stießen nicht nur in einer begrenzten humanistisch-lite­rarischen Öffentlichkeit aufeinander, sondern auch am Kaiserhof. Propagandistisch wurde die Idee der Univer­salmon­archie vorwiegend bis um 1530 vertreten, d. h. zu Lebzeiten des Großkanzlers Gattinara. Um 1549 fei­erten dann Panegyriker den Kaiser und seinen Sohn Philipp als Universalherrscher<a href="#sdfootnote51sym"><sup>51</sup></a>. Der Kaiser hat sich mit keiner der beiden Vorstellungen uneingeschränkt identifiziert, ver­suchte aber ebenso wenig ihre Verbrei­tung zu verhindern wie die jener &#8218;Bilder&#8216;, die &#8211; literarisch oder durch gestaltende Künstler geschaffen &#8211; ihn als Kriegs­held lobten, der als neuer Herkules die Werke seines &#8218;Ahn­herrn&#8216; in den Schatten stellte<a href="#sdfootnote52sym"><sup>52</sup></a>, als Friedens­fürst priesen<a href="#sdfootnote53sym"><sup>53</sup></a> oder in reli­giösen Kategorien ver­herrlichten<a href="#sdfootnote54sym"><sup>54</sup></a>. Beispielhaft für die Verbildlichungen als &#8218;Kriegsheld&#8216; bzw. &#8218;Friedensfürst&#8216; ver­weise ich auf die Halbreliefs an den Hauptportalpostamenten des kaiserli­chen Palastes in der Alham­bra zu Granada. Die beiden Friedensallegorien sind für mich ein Doku­ment menschli­chen Hof­fens und Irrens in zeitüberdauerndem Marmor<a href="#sdfootnote55sym"><sup>55</sup></a>.</p>
<p>Die künstlerisch-literarische Diskussion hat vor allem Fernando Checa Cremades untersucht &#8211; aufgezeigt, daß schon um 1530 jene Serie von Verbildlichungen einsetzte, mit denen Karl V. verherrlicht zu werden be­gann, allegorisch dargestellt oder mystifiziert, als geheiligte Person gedeutet und insgesamt als Inbegriff des Kaiser­tums vorge­stellt<a href="#sdfootnote56sym"><sup>56</sup></a> &#8211; eingeordnet in jene sinn­bildlichen Bezüge, wie sie die Literatur bereits anbot. Jetzt wurde er als Kaiser glorifiziert &#8211; erinnert sei nur an die &#8218;Allegorie auf Karl V. als Weltherrscher&#8216; von Parmigianino<a href="#sdfootnote57sym"><sup>57</sup></a> &#8211; und spä­testens seit dem Tunisunternehmen von 1535 zum Kriegshelden stilisiert &#8211; eine Zuschreibung, die sich mit seinem Wunsch nach kämpferischer Bewäh­rung und kriegerischem Ruhm deckte. In Tizians Augsburger Bild­nis &#8218;mit dem Komman­dostab&#8216; von 1548 konnte Karl V. sich unein­geschränkt erkennen. Sich mit dem &#8218;burgundischen Ritter&#8216; von 1530 zu identifizieren, war dem zu Bologna vom Papst gekrönten Kaiser gemäß sei­nem Selbstverständnis, weltliches Ober­haupt der Christenheit zu sein, nicht mehr möglich<a href="#sdfootnote58sym"><sup>58</sup></a>. Seine physische Darstellung repräsen­tierte nicht das Kaisertum<a href="#sdfootnote59sym"><sup>59</sup></a>. Wahrscheinlich aus diesem Grund fand Tizi­ans erstes Bild­nis Karls keine wohlwollende Auf­nah­me<a href="#sdfootnote60sym"><sup>60</sup></a>. Seiner burgundischen Sozialisation blieb Karl zwar bis zu seinem Tode verbunden, das Zentrum sei­ner Herrschaftsverständnisses bil­dete aber nicht mehr die her­zoglich-burgun­dische Tradition. Nicht das gezogene Schwert, sondern der Kom­mandostab, auch als Szepter zu begreifen, wurde als Zeichen kaiserlicher Würde ge­sehen. So reflektierte Tizi­ans Bildnis von 1530 nicht die Kon­zep­tion des Kai­sertums, die Karl und seine Umgebung be­reits vertraten &#8211; die Vorstellung von der geheilig­ten kai­serli­chen Majestät. Tizian war in seinem Versuch, sich dem Kaiser zu empfehlen, dem Adressaten nicht gerecht geworden &#8211; wahrscheinlich infolge mangeln­der Kenntnis über die kaiserliche Herrschaftsauffassung Karls und dessen Wertehorizont.</p>
<p>Das Bildnis von 1530 verschwand wohl sang- und klanglos in der kaiserlichen Bildersammlung &#8211; eine These, die nicht ausschließt, daß beispielsweise Agnolo Bronzino (1503-1572) aus per­sönlicher Kenntnis die Bildfin­dung Tizians für seine Porträts italienischer Fürsten rezipierte<a href="#sdfootnote61sym"><sup>61</sup></a>. Generell aber konnten Zeitgenossen Tizians Kaiserbildnis wahrscheinlich erst über den etwa zehn Jahre später von seinem Mitarbei­ter Gio­vanni Britto ge­fertigten Holzschnitt<a href="#sdfootnote62sym"><sup>62</sup></a> rezipieren. Später soll das Bildnis des &#8222;öfteren kopiert und variiert&#8220; worden sein<a href="#sdfootnote63sym"><sup>63</sup></a>. Im Gegensatz zu die­sem Porträt ist das Augsburger Bildnis &#8218;Karl V. mit dem Kommandostab&#8216; in zahl­reichen Kopi­en während der zweiten Jahrhunderthälfte und darüber hinaus verbreitet worden und hat &#8222;in ent­scheidendem Maße die Vorstellung von der Erscheinung Karls V.&#8220; mitge­prägt<a href="#sdfootnote64sym"><sup>64</sup></a>. Es entstand in jenem Jahr­zehnt, in dem In­tention, Funktion und Rezeption von Bildnissen Karls V. dem Konzept seiner Dar­stellung als &#8218;Kaiserliche Ma­jestät&#8216; folgten, so auch als Kaiser, der sich als siegreicher Heerführer ausgezeichnet hatte &#8211; zuletzt 1546/47 im Schmalkaldischen Krieg<a href="#sdfootnote65sym"><sup>65</sup></a>.</p>
<h3 style="text-align: center;">Zur Gedenkprägung von 1992</h3>
<p>Wenden wir uns drittens der Frage zu, welche Aussage soll die österreichische Gedenk­münze Karls V. vermit­teln und bestätigt sich der Image-Verdacht?</p>
<p>Die Analyse der vorgetragenen Fakten zur Entstehung der Gedenkmünze mit dem Bildnis Karls V. und dessen offiziöse Deutung durch die Münze Österreich lassen interpretativ fol­gende Schlüsse zu:</p>
<ol>
<li>Münzbildschöpfer und Verantwortungsträger der Münze Österreich kannten weder die ein­schlägige Litera­tur zur Ikonographie des Kaisers noch zogen sie die Wiener Sammlungen heran.</li>
<li>Für die Aufnahme Karls V. in die Millenium-Serie sprach gemäß der Sicht österreichischer Geschichte durch die Münze Östereich<a href="#sdfootnote66sym"><sup>66</sup></a>, daß das Haus Habsburg unter seiner Herrschaft einen der Höhepunkte sei­ner europäischen Machtstellung erlebte. Insofern entspricht die ge­genwärtige geschichtsbezogene Funktion des Münzbildes der Intention bei der Bildfindung, ein Wandel läßt sich nicht analysie­ren..</li>
<li>Der Bildschöpfer und Graveur wählte den Stich aus einer &#8211; im guten Sinne &#8211; populärwissen­schaftlichen Mo­nographie. Indem er von der nicht weiter verorteten Abbildung in einem Ta­schenbuch ausging, blieben ihm die Entstehungsgeschichte des Stichs von Vorsterman ebenso unbekannt wie die Zusammenhänge zwischen Ru­bens apotheotischer Sicht des Kaisers und seinem Produktionsinteresse, versuchte er auch nicht, das Bild vom Kaiser zu dessen Lebzeiten oder zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu reflektieren. Der Schöpfer nahm diesen Stich zur Vor­lage, weil ihm offenbar ein Vorstellungsbild eignet, das durch leichte Veränderun­gen zum Aus­druck jenes Image Karls V. ab­gewandelt werden konnte, das Bildschöpfer und Münze Öster­reich vom Kaiser im politisch-ideologischen Kontext der 1000-Jahrfeier zu vermitteln anstre­ben.</li>
<li>Ohne politisch-ideologische Interpretation erblickt der gegenwärtige Bildbetrachter in dem Münzbild einen rit­terlichen, kampfbereiten, jedoch nicht kriegerisch, sondern nachdenklich er­scheinenden älteren Mann, der Würde und Verantwortungsbewußtsein ausstrahlt.</li>
<li>Für das Münzmotiv wurde Karl V. anstelle des gezogenen Schwertes eine Landkarte in die rechte Hand ge­geben, ihm das Schwert jedoch nicht entzogen, sondern er damit verfügungsbe­reit umgürtet. Mit diesen Verän­derungen schuf der Gra­veur sogenannte &#8222;Fakten&#8220;<a href="#sdfootnote67sym"><sup>67</sup></a>, die zur Entscheidung der Münze Österreich für seinen Entwurf führten. Die Fakten sind:</li>
</ol>
<p>&#8222;a) Die Landkarte in der Hand Kaiser Karls V. ist ein Symbol für sein Weltreich, &#8218;in dem die Sonne nicht un­terging&#8216;.</p>
<ol>
<li>b) Die Prunkrüstung steht für die kaiserliche Macht und Staatsgewalt, aber ist auch Zeichen für zahlreiche Fehden, die Karl V. zur Verteidigung der europäischen Einheit und des christli­chen Abendlandes austragen mußte.</li>
<li>c) Sein Leitspruch &#8218;Plus ultra&#8216; steht für den maximalen Leistungsanspruch Karls V. an sich und seine Umwelt&#8230;</li>
<li>e) Die Avers-Seite symbolisiert die Teilung des Reiches nach Karls Abdankung&#8230;“</li>
</ol>
<p>Karl V. ist mit dieser Münzbilddeutung ein Image zugeschrieben, das für die Münze Österreich als Begründung und zugleich Rechtferti­gung dient, den Kaiser unter ihrem Münzmotto &#8222;Wir prägen Österreich&#8220; zu den &#8222;Größen der 1000 jährigen Ge­schichte&#8220; Österreichs zu zählen<a href="#sdfootnote68sym"><sup>68</sup></a>. Er wird zu einem &#8218;Ahn­herrn Österreichs&#8216; stilisiert, während sich der ei­gentliche Begründer des neuzeitlichen Öster­reichs, Ferdinand I., die Avers-Seite mit seinem Vetter Philipp II. tei­len muß. Das ist Ausdruck einer poli­tisch-ideologischen Sicht, denn historisch war der Kaiser eben so wenig &#8218;Ahnherr Österreichs&#8216; wie er als &#8218;Ahnherr Europas&#8216; beansprucht werden kann<a href="#sdfootnote69sym"><sup>69</sup></a>. Da­gegen läßt sich aus historischer Sicht die Avers-Seite als Verbildlichung der Folgen jener Tei­lung des habsburgischen Erbes ihres Großvaters Maxi­milian zwischen den Brüdern Karl und Ferdinand interpretieren, die auf der Grundlage der Verträge von Worms und Brüssel (1521/22) Fer­dinand zum österreichischen Landesherrn und &#8211; wenn man ihn sucht – zu einem Ahnherrn der österreichischen Habsburger werden ließ. Spätestens seit der Kaiser um 1550/51 mit seinem Plan, sein Weltreich durch Alternieren des Kaisertums mit wechselseitiger Vertre­tung im Königtum zu erhalten und damit auch eine besondere Form der Einheit des Hauses Habsburg zu sichern, am Widerstand der selbstbewußten österreichischen Linie gescheitert war, war die Teilung der beiden Linien ein unumkehrbarer historischer Sachverhalt. Durch seine Abdankung teilte der Kaiser nicht das Römisch-Deutsche Reich und erst recht nicht das Gesamthaus Habsburg in nunmehr zwei Häuser, sondern ging nur die Kaiserwürde auf den reichs­rechtlich vorgesehenen Nachfol­ger Ferdinand über, im Reich verfassungsrechtlich ‚deut­scher‘ König seit 1531.</p>
<p>Alle Ahnherrn-Thesen sind historisch falsch, so auch, wenn die europäische von Spanien über jenen Karlspreis für Verdienste um Europa rezipiert worden ist, mit dem König Juan Carlos I. als ersten Preisträger den ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Jacques De­lors ausgezeichnet hat. Das Image eu­ropäi­scher Ahnherrschaft wird Karl V. ebenfalls im Bild der Ge­denkprägung zugeschrieben &#8211; die &#8218;Verteidigung der europäischen Einheit&#8216;. Zusätz­lich klingt mit dem Begriff des &#8218;christlichen Abendlandes&#8216; jene mythisch-religiös-politische Konzep­tion an, die konservative politisch-ideologische Leitvorstellungen der re­staurativen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg im Zeichen des Ost-West-Gegensatzes beinhaltet. Karl V. wird also insge­samt ein Image zugeschrieben, das sich weder mit dem Vorbild des Münzbil­des und dessen Vorbildern deckt noch heutigen geschichtswissenschaftlichen Er­kenntnissen und Thesen zur Biographie des Kaisers entspricht, sondern sich als gegenwartsbezogenem In­ter­esse ver­pflichtet erweist.</p>
<h2 style="text-align: center;">Zusammenfassung</h2>
<p>Abschließend läßt sich folgende Aussage formulieren:</p>
<p>Tizian schuf 1530 ein Bildnis Karls V., das den Erwartungen des Kaisers von einem Porträt nicht entsprach und einer historisch relevanten Rezeption zu Lebzeiten des Dargestellten ent­zogen wurde. Seine Kopie im Holzschnitt von Britto führte zu keinem nachweisbaren Diskurs. Ebenso finden sich keine Hinweise, daß Tizi­ans Werk zu Lebzeiten Philipps II. in Madrid fol­gewirksam rezipiert wurde. Den Weg zu Nachfolgebild­nissen bahnte of­fenkundig erst Rubens mit seiner Kopie, die ihren zentralen Wirkungsraum in der geistigen Ausein­anderset­zung des Künstlers mit dem historischen Kaiser gemäß der apotheotischen Deutung seiner Per­son und ihres Wirkens durch Spanier fand. Seinem burgundischen Geschichtsverständnis gemäß strebte Ru­bens an, das mit verklärend verherrlichenden Zügen angereicherte Bild Karls V. für den po­litischen Alltag sei­ner Heimat fruchtbar werden zu lassen. Diesem Zweck diente die Vorlage für den Porträtstich Vorstermans, in der er dem Kaiser in einer neuen Bildfindung &#8211; vornehm­lich durch die Kombina­tion seiner Kopien des Tizianbildnisses von 1530 mit Elementen aus seiner Kopie eines Tizianbildes von 1548 &#8211; als vorbildhaften Herzog der burgun­dischen Nie­derlande deutete.</p>
<p>Offenbar brachten Rubens&#8216; Zeitgenossen diesem Kaiserbild wenig Rezeptionsinteresse ent­ge­gen. Wahrschein­lich erst das Bestreben, bei biographischer Beschäftigung mit Karl V. oder in Darstellungen seines Zeitalters das gedruckte Wort durch Illustrationen zu beleben, veranlaßte Verlage mehr als ihre Autoren auf Bilder zu­rückzugreifen. Meist geschah es ohne vorausge­gangene quellenkritische Prüfung des jeweiligen Materials. So konnte der Kupferstich von 1617/18 als zeitgenössisches Bildnis herangezogen werden &#8211; bei Nette dementspre­chend ohne Le­gende. Tizians Bildfindung des &#8218;burgundischen Ritters&#8216; wurde durch Rubens zu Be­ginn des 17. Jahrhunderts in seiner Stichvorlage für Vorsterman zum situationsbedingten Bildnis eines verantwor­tungsbe­wuß­ten Herzogs von Burgund gewandelt. Es ging mittels neuer Veränderun­gen in das Bild des Kaisers als gro­ßem Österreicher und Ahnherrn der heutigen Republik ein &#8211; ein zugeschriebenes Image, das eine Persönlich­keit nicht im Kontext einer vergangenen histori­schen Wirklichkeit interpretiert, sondern gegenwartsbezogen deutet. Über die verantwortbare Zulässigkeit eines solchen Verfahrens ist hier nicht zu diskutieren<a href="#sdfootnote70sym"><sup>70</sup></a>.</p>
<p style="text-align: center;">[<a href="/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz79-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrOesterreichs.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Weiterlesen &gt;&gt; zum vollständigen Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab &gt;&gt;</a>]<br />
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		<title>Kaiser Karl V. &#8211;  Ahnherr der Europäischen Union? Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Tradition</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Wohlfeil]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Mar 2017 06:05:43 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Tradition]]></category>
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					<description><![CDATA[Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil<br>Kaiser Karl V. – Ahnherr der Europäischen Union?<br>Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Tradition<br><br>Anläßlich der deutschen Gedenkfeier zum 400. Todesjahr Kaiser Karls V. im Jahre 1958 hatte Peter Rassow (1889-1961) in seinem Kölner Festvortrag zum Thema ‚Das Bild Karls V. im Wandel der Jahrhunderte‘ in ei­ner Reflexion über historische Legendenbildung gefolgert, „der historische Karl V. eignet sich nicht zur Galli­onsfigur für das Schiff der Europa-Bewegung“. Als beispielhaft für den Versuch, den Kaiser des 16. Jahrhun­derts (1500-1558) als Symbolfigur für die Europa-Idee des 20. Jahrhunderts zu verwenden, hatte er das Buch ‚Emperor of the West‘ von D. B. W. Lewis aus dem Jahre 1932 herangezogen [ … ]<p> <a class="continue-reading-link" href="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/kaiser-karl-v-ahnherr-der-europaeischen-union/"><span>Weiterlesen &#62;&#62;</span><i class="crycon-right-dir"></i></a> </p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;">Prof.em.Dr. Rainer Wohlfeil:</p>
<h3 style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es//RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><strong>Kaiser Karl V. &#8211; Ahnherr der Europäischen Union?  </strong></a></h3>
<h3 style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es//RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><strong>Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Tradition  </strong></a></h3>
<p>&nbsp;</p>
<p>Anläßlich der deutschen Gedenkfeier zum 400. Todesjahr Kaiser Karls V. im Jahre 1958 hatte Peter Rassow (1889-1961) in seinem Kölner Festvortrag zum Thema &#8218;Das Bild Karls V. im Wandel der Jahrhunderte&#8216; in ei­ner Reflexion über historische Legendenbildung gefolgert, &#8222;der historische Karl V. eignet sich nicht zur Galli­onsfigur für das Schiff der Europa-Bewegung&#8220;<a href="#sdendnote1sym"><sup>1</sup></a>. Als beispielhaft für den Versuch, den Kaiser des 16. Jahrhun­derts (1500-1558) als Symbolfigur für die Europa-Idee des 20. Jahrhunderts zu verwenden, hatte er das Buch &#8218;Emperor of the West&#8216; von D. B. W. Lewis aus dem Jahre 1932 herangezogen<a href="#sdendnote2sym"><sup>2</sup></a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548.jpg"><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-1741" src="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548.jpg" alt="Karl V, Portrait von Tizian 1548" width="500" height="281" srcset="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548.jpg 500w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548-200x112.jpg 200w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548-250x141.jpg 250w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/Karl-V-Tizian-1548-150x84.jpg 150w" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" /></a></p>
<p>Als Leitbild für die europäische Einigungsidee &#8211; Vereinigte Staaten von Europa &#8211; im Kontext der politischen Bestrebungen und des Europamemorandums von 1930 des französischen Staatsmannes Aristide Briand (1862-1932) hatte Lewis Karl V. vorgestellt, weil von ihm eine sakrale Kaiseridee verfochten wurde, die unauf­lösbar mit der Einheit der überlieferten römisch-katholischen Christenheit verknüpft war. Christliche Eintracht in ei­nem Glauben war, wie bei Karl, die zentrale These von Lewis als Voraussetzung für einen europäischen Zu­sammen­schluß. Lewis fol­gerte, daß Europa dann zu seiner Einheit zurückfinden werde, wenn alle Christen, die in Religionsgemein­schaften außerhalb der römischen Kirche lebten, zum katholi­schen Bekenntnis zurückkeh­ren würden.</p>
<p>Im Zusammenhang mit seiner Betrachtung hätte Rassow als profunder Kenner der Geschichte des Kaisers<a href="#sdendnote3sym"><sup>3</sup></a> auch die Biographie &#8218;Karl V. Ahnherr Europas&#8216; von Gertrude von Schwarzenfeld (* 1906)<a href="#sdendnote4sym"><sup>4</sup></a> heranziehen kön­nen. Erschienen 1954, entsprach der Buchtitel der Warnung Ras­sows vor falschen Gallionsfiguren. Die Auto­rin ver­trat die Auf­fassung: &#8222;Und es ist wohl auch kein Zufall, daß die Gestalt des letzten großen Kaisers des Abend­landes heute neue Würdigung erfährt: seine Persönlichkeit rückt uns nahe, weil heute die universale Idee in uns wiederer­wacht; sein Scheitern  [ &#8230; ]</p>
<p><span id="more-1551"></span></p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es//RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen  &gt;&gt;  vollständiger Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab  &gt;&gt;]</a></p>
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<h6 style="text-align: center;"><em><span style="color: #234567;">Bibliografische Information: <strong>svz78</strong></span></em><br />
<em> <span style="color: #234567;"> Prof.em.Dr. Rainer Wohlfeil: <strong>Kaiser Karl V. &#8211; Ahnherr der Europäischen Union?</strong><br />
<strong> Überlegungen zum Verhältnis von Geschichte und Tradition<u>,<br />
</u></strong>in: Festschrift für Hans-Jürgen Goertz zum 60. Geburtstag, Leiden-New York-Köln 1997</span></em><br />
<em> <span style="color: #234567;"> (= Studies in medieval and reformation thought), S. 221 &#8211; 242.</span></em></h6>
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<p align="JUSTIFY">[ &#8230; ] ergreift uns, weil wir fühlen, daß er für ein Grundprinzip Europas kämpfte. Seine lebens­lange Bemühung, das Umfassende und Allgemeine über das Selbstinter­esse der Teile zu stellen, gewinnt für uns neue Bedeutsamkeit, gilt es doch heute Europa als Ganzheit zusammenzufassen und es erneut an die alten, die ge­meinsamen, die christlichen Werte zu binden.&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc">5</a></sup> &#8211; Die Zeitgebundenheit der Verfas­serin ist damit unüber­sehbar, aber die Bezeichnung ihres &#8218;Helden&#8216; als &#8218;Ahnherr Europas&#8216; dürfte mehr dem wer­bungsbe­zogenen Ver­langen des Verlages als ihrer Intention entsprochen haben, denn eine derartige unmittel­bar ge­genwartsverorte­te Einordnung Karls V. findet sich nicht in ihrer Biogra­phie. Die Verfasserin folgert in ihrem &#8218;Schlußwort&#8216; nur, Karls Miß­lingen ermahne uns, &#8222;die Suche nach dem gemein­samen Wort wiederaufzu­nehmen, es fordert uns auf, die Mü­he um ein geein­tes Europa wei­ter­zuführen, es erinnert uns an die versun­kene erasmische Mitte, die wieder ans Licht zu heben ist, damit Eu­ropa die Mitt­lerstellung verwirkliche, zu der es berufen ist&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc">6</a></sup>. Gegenwartsbezüge brachte sie also nur zurückhaltend ein.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Biographin beschwor also nicht die Einheit im römisch-katholischen Glauben, sondern nur die christlichen als gemeinsame alte Werte. Sie verband zugleich die Hoffnung auf ein &#8218;Europa als Ganzheit&#8216; mit der universa­len Idee, knüpfte diese aber nicht an die Vorstellung eines geein­ten Europa in einer weltweiten Ordnung, wie sie sich in den Vereinten Nationen hätte anstre­ben lassen, sondern orientierte sich an den politischen Leitvor­stellungen eines Kaisers aus dem 16. Jahrhundert.</p>
<p align="JUSTIFY">Als Aufgabe für den zweiten Teil ( II. ) meiner Überlegungen überprüfe ich, ob der universalen Idee und damit den Leitvorstellungen Karls V. eine Bedeutung für die Gegenwart zukommt. Zunächst ist nur festzuhalten, daß Rassow die Biographie von Schwarzenfeld nicht erwähnt hat. Hierfür lassen sich vielerlei Gründe vermuten. Größte Wahrscheinlichkeit birgt die An­nahme, er habe das nicht streng geschichtswis­senschaftliche Werk gar nicht zur Kenntnis ge­nommen. Als Verfasser einer Un­tersu­chung über die Kaiseridee Karls V. hätte er ande­renfalls auch auf dieses Buch eingehen müssen. Reagiert hätte er mit Sicher­heit, wenn ausgewiesene Historiker seiner Generation seine Warnung übergangen hätten. Das Werk des Vicomte Char­les Terlinden (1878-1972) hätte seinen scharfen Widerspruch herausgefordert.</p>
<p align="JUSTIFY">Aus der Feder dieses Professors für Staatsrecht und für Geschichte an der Universität Löwen erschien 1965 in Brügge die Biographie &#8218;Carolus Quintus / Charles Quint / Empereur des Deux Mondes&#8216;, die auch ins Nieder­ländische und Spanische übersetzt wurde und 1978 in deutscher Sprache unter dem Titel &#8218;Carolus Quin­tus. Kai­ser Karl V. Vorläufer der europäischen Idee&#8216; mit einem Geleitwort von Otto von Habsburg vorgelegt wurde<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote7sym" name="sdendnote7anc">7</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Terlinden sah seine Aufgabe darin, &#8222;in einer Zeit, in der sich Europa unter dem Einfluß politi­scher und auch wirtschaftlicher Faktoren auf dem Wege zur Bildung einer harmonischen Ge­meinschaft befindet &#8230; die große Persönlichkeit eines illustren Vorläufers der europäischen Idee wachzurufen&#8220;, einen &#8222;illustren Vorläufer eines geeinten Europa vorzustellen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote8sym" name="sdendnote8anc">8</a></sup>. Für ihn war Karl V. nicht nur einer &#8222;der größten Herrscher aller Zeiten&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote9sym" name="sdendnote9anc">9</a></sup>, son­dern auch &#8222;ein gro­ßer Euro­päer &#8230; Europäer und gleichzeitig universaler Herrscher durch die Weite und Viel­falt seiner Besitzun­gen, ebenso wie durch seine kaiserliche Auffassung der Einheit der alten Welt&#8220;, der &#8222;versuchte, das Heilige Reich Karls des Großen in seinem vollen Glanz wiederherzustellen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote10sym" name="sdendnote10anc">10</a></sup>. Karls &#8222;Ideal &#8230; war der Aufbau der Ein­heit Eu­ropas auf der Grundlage eines Bündnisses der christlichen Staaten zur Verteidi­gung der Zivilisation ge­gen die Gefahren aus dem Osten. In je­ner Zeit war diese Bedrohung ebenso ernst wie heute, in der an die Stelle der Türken die So­wjet-Union getreten ist&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote11sym" name="sdendnote11anc">11</a></sup>. Stärker kann ein Historiker wohl kaum die Zeitgebundenheit sei­ner Aussagen bekunden &#8211; ein wohl unbewußtes Bekenntnis, denn der Autor erhebt zumindest indi­rekt den An­spruch, &#8222;das Werk der Wiedergutmachung&#8220; gegenüber Karl V. verfaßt zu haben<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote12sym" name="sdendnote12anc">12</a></sup>. Der Kaiser, der von der &#8222;Bildung einer europäischen Union&#8220; träumte<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote13sym" name="sdendnote13anc">13</a></sup>, strebte nach Terlinden an, ein &#8222;Programm der Einigung Europas&#8220; zu verwirklichen, doch sein Tod und &#8222;das Scheitern seiner Politik an Schwierigkeiten, so vielfältig, komplex und umfangreich, daß menschliches Bemühen an ihnen zerbrechen mußte, sollten die Verwirklichung der Idee eines geeinten Euro­pas, dessen weitsichtiger Vorläufer er war, um vierhundert Jahre verzögern&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote14sym" name="sdendnote14anc">14</a></sup>. Es war eine Konzeption, die Terlinden seinem &#8218;Helden&#8216; schon zu Beginn sei­ner Herrschaft als eigen zu­schreibt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote15sym" name="sdendnote15anc">15</a></sup> &#8211; eine Idee, die sich beispielsweise grundsätzlich von der im Kontext des Ver­trages von Noyon (1516) während des zweiten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts vertretenen Hoffnung unter­scheidet, daß durch ein Gleichgewicht der Mächte Europa zu einer friedlichen Einheit fin­den könne<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote16sym" name="sdendnote16anc">16</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Eine Annäherung an die inhaltliche Vorstellung Terlindens vom Begriff &#8218;Europa&#8216; soll zu Beginn des zweiten Teils mit einer Analyse versucht werden. Gertrude von Schwarzenfeld hatte die Bezeichnung &#8218;Abendland&#8216; ver­wendet, ohne ihr Begriffsverständnis näher auf­zuzeigen. Sie wurde als &#8222;eine mytische und re­ligiös-politische Konzeption&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote17sym" name="sdendnote17anc">17</a></sup> in jenem Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg durch &#8222;ideologiesierende Vor­stellungen von Geist und Kultur&#8220; geprägt und im Sinne vor­nehmlich am Hergebrachten festhaltender, teilweise sogar restau­rativer Tendenzen aufgenommen, eingesetzt besonders im Zeichen des Ost-West-Gegensatzes als Kampfkate­gorie gegen das &#8218;Sowjetsystem&#8216; im Osten Euro­pas. Der Begriff findet sich zwar nicht direkt bei Ter­linden, durchdringt jedoch unterschwellig als konservative politisch-ideo­logische Leitvor­stellungen im katholi­schen Verständnis<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote18sym" name="sdendnote18anc">18</a></sup> die Konzeption seines Werkes und ebenso dessen Geleitwort von Otto von Habsburg, dem Prä­sidenten der Internationalen Paneuropäischen Union.</p>
<p align="JUSTIFY">Als Fazit meiner Analyse des Werkes von Terlinden ist festzuhalten, daß dieser Historiker die Persönlichkeit Karls V. im Sinne einer Leitbildfunktion gedeutet und für die Gegenwart in­strumentalisiert hat. Auf die Pro­blematik seines Verfahrens soll im dritten Teil der Überlegun­gen ( III. ) eingegangen werden. Zuvor ist noch in gebo­tener Kürze darauf hinzuweisen, daß auch das <i>Bildnis</i> des Kaisers im Dienste der Propaganda für die Idee eines ge­einten Euro­pas eingesetzt worden ist, und zwar als Medium sowohl seitens gesellschaftlich-politi­scher Organi­sa­tionen als auch besonders im staatlichen Interesse verschiedener Länder.</p>
<p align="JUSTIFY">Als die Paneuropa Union anläßlich der Tagung des Europäischen Rates in Paris am 19./20. Ok­tober 1972 zur Erinnerung ihres fünfzigjährigen Bestehens und zugleich zum Gedenken an die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die Montanunion, vor zwanzig Jahren sowie zur Feier des Vertrages über die Norderweiterung der Europäischen Gemein­schaft zum 1. Januar 1973 private Medaillen mit Wertangaben in der Europawäh­rung (ECU) ausgab, befand sich Karl V. auf einer Silbermedaille zu 2 ECU, eingereiht zwi­schen Karl dem Großen und Napoléon Bonaparte, ebenfalls in Silber, gefolgt von Goldmedaillen mit den Bildnissen von Ri­chard Graf Coudenhove-Kalergi, Jean Monnet und Paul Henri Spaak, Win­ston Churchill und Edward Heath, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schu­mann<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote19sym" name="sdendnote19anc">19</a></sup>. Als Vorlage dürfte eine Zeich­nung des Kaisers im Alter von 31 Jahren gedient haben, veröffentlicht bei Terlinden<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote20sym" name="sdendnote20anc">20</a></sup>. Spanien nutzte 1989 bei zwei Werten der ersten Ausgabe seiner anlaufenden, alljährlichen Medaillen der staatlichen Münze auf ge­setz­li­cher Grundlage mit Wertangaben in ECU für die Bildseite das Gemälde von Tizian, das den Kaiser zu Pferd als Sieger auf dem Schlachtfeld bei Mühlberg zeigt, und verwandte für einen dritten Wert das Säulen­emblem Karls V. und seine Devise &#8218;PLVS VLTRA&#8216;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote21sym" name="sdendnote21anc">21</a></sup>. Münzen als gesetzliches Zah­lungsmittel mit einem Bildnis Karls V. wurden in Belgien und in Österreich in Umlauf ge­bracht. In Belgien waren es 1987 bis 1990 drei Aus­gaben als Gedenkprägungen aus Anlaß des 30. Jahrestages der Römischen Verträge, eine in Silber und zwei weitere in Gold, gestaltet auf der Bildseite in Anlehnung an einen Guldiner zwischen 1540 und 1548 aus der Münz­stätte Brügge<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote22sym" name="sdendnote22anc">22</a></sup>. In den Dienst der europäischen Idee bezog Belgien später auch den römi­schen Kai­ser Diokle­tian, Kaiser Karl den Großen und Kaiserin Maria Theresia ein<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote23sym" name="sdendnote23anc">23</a></sup>. Die österreichische 100-Schilling Silber­münze von 1992 feiert den Kaiser zwar im Rahmen einer Millenium-Serie als eine der &#8222;Größen der 1000 jähri­gen Ge­schichte&#8220; des Staa­tes<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote24sym" name="sdendnote24anc">24</a></sup>, zugleich aber wird seine Darstellung in einer Prunkrüstung<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote25sym" name="sdendnote25anc">25</a></sup> als Symbol für seine &#8222;Verteidigung der eu­ropäischen Ein­heit und des christlichen Abendlandes&#8220; verstanden<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote26sym" name="sdendnote26anc">26</a></sup>. Diese Interpre­tation des kaiserlichen Wir­kens steht hier zur Diskussion, nicht dagegen der Sachverhalt, daß der eigentliche Be­gründer des neuzeitlichen Österreichs, Ferdinand I., sich die Wertseite der Münze mit Karls Sohn Philipp II. von Spanien teilen muß.</p>
<p align="JUSTIFY">Generell folgt als Münzbild Karl V. nach Karl dem Großen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote27sym" name="sdendnote27anc">27</a></sup> an zweiter Stelle auf der Liste je­ner historischen Persönlichkei­ten, die in Europa in Verbindung zur werdenden Gemeinschaft gesetzt wurden. Daß sich Belgien in herausra­gender Weise auf den Kaiser des 16. Jahrhunderts bezog, erklärt sich einerseits aus der Bedeutung seiner heu­tigen Regionen als Kernländer der burgundischen Niederlande während dessen Regierungszeit, kann aber zu­sätzlich auch durch die Lebensbeschreibung des Kaisers seitens des Belgiers Terlinden angesto­ßen wor­den sein. Seine Biographie regte in Belgien vielleicht ebenfalls zur Prägung der drei ECU-Münzen mit zwei verschiedenen Darstellungen Karls des Großen an<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote28sym" name="sdendnote28anc">28</a></sup>, erwähnt doch Terlinden eine Rück­besinnung im Jahre 1519 auf den Kaiser des 8./9. Jahrhunderts<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote29sym" name="sdendnote29anc">29</a></sup>: Karls V. Großkanzler Mercu­rino Arborio di Gattinara (1465-1530) hatte sich in einer Denkschrift auf Karl den Großen be­zogen, als am kaiserlichen Hof die Kunde von der Frank­furter Wahl Karls zum römischen Kö­nig eintraf; dem Kaiser selbst scheint dieser Bezug auf Karl den Großen niemals in den Sinn gekommen zu sein<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote30sym" name="sdendnote30anc">30</a></sup>. Vom fränkisch &#8211; karo­linischen Reich als &#8218;Heiligem Reich&#8216; sprechen weder Karl noch Gattinara<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote31sym" name="sdendnote31anc">31</a></sup>. Karl dem Großen als ande­rem Ahnherr kann hier nicht weiter nachge­spürt werden.</p>
<h3 style="text-align: center;" align="JUSTIFY">II.</h3>
<p align="JUSTIFY">Die These von einer Ahnherrnqualität Karls V. wirft geschichtswissenschaftlich die Frage auf, ob es historische Sachverhalte gibt, auf die eine Leitbildfunktion jenes Kaisers des 16. Jahrhun­derts für die Gegenwart wissen­schaftlich legitim begründet werden kann. Zu reflektieren ist in diesem Zusammenhang, daß Leitbilder in er­ster Linie Kategorien der Tra­dition sind. Zwischen Tradition und Geschichte besteht eine Spannung. Eine der­artige Unstimmigkeit offen­baren das Werk Terlindens ebenso wie die Münzbilder. Das Verhältnis zwischen Ge­schichte und Tradi­tion wird ab­schließend diskutiert werden. Zuvor soll auf die Frage nach den geschichtli­chen Grundlagen des bean­spruchten Vorbild­charakters Karls V. für die Gegenwart eine Antwort ge­sucht wer­den. Waren &#8211; so lau­tet ein ganz knapp abzuhan­delndes erstes Problem &#8211; im Europa des 16. Jahrhunderts jene strukturellen Gegeben­heiten und menta­len Voraus­setzungen gege­ben, die eine europäische Einigung im Sinne einer Ge­meinschaft gleichberechtigter Staaten zu­gelassen hätten, und was besagt zweitens die These von der universa­len Idee des Kaisers. Birgt sie die ihr von Schwarzenfeld und Terlinden zugeschriebene &#8218;europäische Konzeption&#8216;?</p>
<p align="JUSTIFY">Terlinden vermittelt keine Vorstellung, wie jene europäische Union zusammengesetzt sein sollte, die Karls V. Traum gewesen sei<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote32sym" name="sdendnote32anc">32</a></sup>. Auch läßt der Autor nicht erkennen, welche Vorstel­lung von einer europäischen Ge­meinschaft er selbst um 1965 vertrat. Aus ihr ließen sich Rück­schlüsse ziehen. Sein Begriffsinhalt ist nicht mit dem &#8218;Europa der Sechs&#8216;, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, zu identifizie­ren, denn ihr gehörten beispielsweise Spanien und Öster­reich &#8211; Kernländer des habsburgischen Weltreiches &#8211; erst seit 1986 bzw. 1995 an. Daß sich die EWG erweitern werde, konnte damals wegen der 1960 in Kraft getre­tenen Europäischen Frei­handelszone nur erhofft werden. Mit Großbritannien, Irland, Dänemark und Griechenland schlossen sich 1973 bzw. 1981 Staaten der Europäischen Gemeinschaft an, von deren Einbin­dung in eine euro­päische Union viel­leicht Terlinden, jedoch kaum Karl V. geträumt haben könnte, ebenso we­nig von der späte­ren Ausdehnung der EG auf Schweden und Finnland. In des Kaisers Traumkonzeption hätte sich Polen-Litau­en besser eingepaßt als jene Staaten, deren Völker zu seiner Zeit unter der Herrschaft der os­manischen Türken lebten, oder gar die heutige Türkei selbst &#8211; alles Bewerber um eine Aufnahme in die Euro­päische Union. Teile des damali­gen tür­kischen Reiches hätte Karl zwar dann in seine Traumvorstellung von einer Union ein­schlie­ßen können, wenn er eine derartige Utopie mit den in der Titulatio seiner Urkunden<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote33sym" name="sdendnote33anc">33</a></sup> aufgeführten Herr­schaftsansprüchen ver­bunden hätte &#8211; etwa das Königreich Jerusalem und die Herzogtümer Athen und Neopa­tria. Aber ein Rückgriff auf die Titulatur hätte auch die Einbe­ziehung der amerikanischen Kolonien der Krone Kastilien eingeschlos­sen. Insgesamt läßt sich demnach die Titulatur, unabhängig vom tat­sächlichen Ge­halt der angeführten Rechts­komple­xe<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote34sym" name="sdendnote34anc">34</a></sup>, nicht zur Traumdeutung heranziehen.</p>
<p align="JUSTIFY">In der Titulatur wurden auch die verlorengegangenen altburgundischen Länder reklamiert, aber kein Anspruch auf Frankreich angemeldet. Das französische Königreich war jedoch jener Staat, der als Macht ausgeschaltet werden mußte &#8211; wie Gattinara es gefordert hatte<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote35sym" name="sdendnote35anc">35</a></sup> -, sollte eine christliche Weltmonarchie errichtet werden. Sie stellte jene Ordnung dar, die der Großkanzler seinem Kaiser zu verwirklichen antrug. Es wäre eine Monar­chie gewesen, deren natürlicher Mittelpunkt das habsburgische Machtssystem hätte bilden sollen. Den christlichen Völkern römisch-katholischen Glaubens versprach sie den allgemeinen Frieden und dem so befriedeten Europa Schutz unter der Oberherrschaft Karls V. Offen blieb in den Denkschriften Gattinaras, wo die Grenzen dieses Europas liegen, d. h. welche Länder es einschließen sollte. Diese kaiser­liche Ordnung hätte zwar den einzelnen Völkern ihre Staaten in territorialer Unabhängigkeit belassen, aber sie hätten sich der rechtlichen und morali­schen, sakral begründeten Oberhoheit des Kaisers und damit eines einzelnen freiwillig unterwerfen und sich seiner Führung zu ge­mein­samen Unternehmungen unterstellen müssen. Das war die Konzeption einer Univer­sal­monarchie und nicht die einer wie auch immer gearteten Union gleichberechtigter europäischer Staaten.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Idee einer Universalmonarchie hat sich politisch nicht verwirklichen lassen. Sie war auch gar nicht reali­sierbar, da der Kaiser aus strukturbedingten Gründen schon darauf verzichten mußte, sein Reich &#8211; d. h. die Summe seiner einzelnen Länder mit ihren unterschiedlichen Fe­stigkeits- und Selbständig­keitsverhältnisssen im Rahmen einer Personalunion &#8211; in ein formiertes gesamtstaatliches Gebilde mit entsprechenden Institutionen umzubauen. Gattinaras Gutachten von 1519, wie sich die Einheit des Gesamtreiches be­werkstelligen ließe, blieb ein Traum des Großkanzlers<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote36sym" name="sdendnote36anc">36</a></sup>. Voraussetzung dafür wäre eine gewisse Übereinstim­mung seiner monar­chi­schen Stellung und Rechte in den verschiedenen Ländern gewesen. Sie bestand nicht, denn zu unterschied­lich waren die verfassungsrechtli­chen Positionen, die sich aus den geschichtlichen Verhältnissen ergaben &#8211; bei­spiels­weise des kastilischen Königs und des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Eine gewisse einzel­staatliche Zentralisierung ließ sich in den Burgundi­schen Niederlanden und mit Anfängen auch im Bereich der Krone Kastilien durchsetzen; sie wurde in den Ländern der Krone Aragon und in den italieni­schen Besitzun­gen nicht versucht, und in Deutschland ist der Kaiser mit seinem Bundesplan gescheitert<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote37sym" name="sdendnote37anc">37</a></sup>. Daß seine Verfas­sungs­re­formbestrebungen von 1547/48 &#8222;gesamteuropäische Tendenzen&#8220; erkennen lassen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote38sym" name="sdendnote38anc">38</a></sup>, ist eine These, die sich anhand der Quellen nicht verifizieren läßt. Insgesamt war schon die strukturelle Basis des dy­nastisch be­gründe­ten Weltreiches hei­kel, gewährte nur bedingten verfassungsge­mäßen Spielraum und be­grenzte die Frei­heit kai­serlicher Entschei­dungsgewalt. Aus diesem Sachverhalt folgert, daß einer Ausdehnung der Herrschaft Karls V. auf Länder außerhalb sei­nes habsburgischen Reiches Hindernisse entge­gengestanden hätten, die mit friedlichen Mitteln nicht zu beseitigen waren. Daß sie mit Gewalt hätten dauer­haft überwunden werden kön­nen, erscheint unwahrscheinlich &#8211; abgesehen davon, daß eine derartige Politik dem Kaiser fremd war. Es gab im 16. Jahrhundert keinen Weg zu einer Staatengemeinschaft, die auch nur annä­hernd mit der gegenwärtigen Euro­päischen Union vergleichbar gewesen wäre.</p>
<p align="JUSTIFY">Sie lag aber auch im Bereich der geistigen Vision außerhalb der zeitgenössischen Vorstellung­en &#8211; sieht man ab von einsamen Denkern. Schon innerhalb des eigenen Reiches wurde Karls Kaisertum keineswegs durchgängig einhellig begrüßt. Außerdem deckten sich Ausgangslage und Bewertung am Ende sei­ner Herrschaftszeit nicht. Als geborenen Fürsten erkannten ihn nur die burgundischen Nie­derländer uneingeschränkt an. Sie standen hin­ter ihrem Landeskind bis zu seiner Ab­dankung, auch wenn sich die ursprüngliche vorbehaltlose Zustimmung zu seiner Politik abschwächte und die Kritik an den Forderungen zunahm, die Karl als Kaiser infolge sei­ner Kriege mit Frankreich an die Provinzen stellte.</p>
<p align="JUSTIFY">In Spanien schlug dem jungen Habsburger während seines ersten Aufenthaltes keine helle Be­geisterung entge­gen. Die Kastilier identifizierten sich voller Stolz auf ihre Erfolge im Kampf gegen die Mauren (Eroberung Granadas 1492), über die Entdeckung &#8218;Westindiens&#8216; und über dessen beginnende Kolonisation mit der Vor­stel­lung einer von jedweder fremden Gewalt unab­hängigen &#8218;Nation&#8216;, die ihnen über die Katholischen Könige und deren politisches Werk vermit­telt worden war. Daher wehrten sie sich in den ersten Regierungsjahren Karls dagegen, daß ihr kastilisches Königtum einem fremdem Kaisertum nachgeordnet zu werden drohte und daß ganz allgemein ausländische Institutionen an die Stelle der überlieferten eigenen zu treten schienen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote39sym" name="sdendnote39anc">39</a></sup>. Sie er­kannten zwar den jungen Habsburger als ihren König an, jedoch nicht als &#8218;Karl V.&#8216;, sondern als &#8218;Carlos I&#8216;. Nach Menéndez Pidal<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote40sym" name="sdendnote40anc">40</a></sup> hätte sich der junge König mit einem Herrschaftsverständnis identifiziert, das geprägt war durch das Vorbild seiner spanischen Großeltern und das die Aufgaben und Pflichten seines Kaisertums aus der nationalen Tradition einer kastilischen &#8218;Idea imperial&#8216; herleitete. Auf Kastilien bezogen akzeptierte diese Über­liefe­rung weder eine Ein- oder gar Unterordnung in das Sacrum Romanum Imperium noch eine universa­listi­sche Politik in dessen Kontext. Seiner geschickten Verhaltensweise verdankte es dann Karl in der zweiten Hälf­te seiner Herrschaftszeit, daß sich Kastilien mit seinem Kaisertum nicht nur versöhnte, sondern sich auch mit dessen Anforderungen so stark identifizierte, daß beispielsweise die Bekämpfung des deutschen Protestan­tis­mus ebenso wie schon zuvor der Kampf gegen den Islam als eigene, &#8217;nationale&#8216; Aufgabe begriffen wurde. Nunmehr waren kai­serliche Siege wie Mühlberg auch spanische Siege &#8211; ein Sieg, der ihn zugleich den Deut­schen vollends entfremdete.</p>
<p align="JUSTIFY">Mit Karl als Landesherrn wurden seine italienischen Untertanen mehrheitlich erst konfrontiert als er 1535 im Ruhme des Siegers während des Tunisfeldzuges über die afrikanischen Korsaren süditalienischen Boden betrat. Unter diesen Bedingungen schlug ihm eine Welle aufrichtiger Begeisterung entgegen. Sie ebbte bis zum Ende der Regierungszeit wieder ab, man arrangierte sich aber mit der spanischen Fremdherrschaft. Als solche wur­den der Kaiser und seine Ver­tre­ter durchgängig eingestuft.</p>
<p align="JUSTIFY">Entgegengesetzt zur Entwicklung in Spanien entfaltete sich das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Kaiser. Ur­sprünglich als das &#8218;edle deutsche Blut&#8216; bezeichnet und auch von breiten Schich­ten des Volkes voller Freude be­grüßt, wandelte sich die Haltung und nahm zugleich die an­tispanische Stimmung zu, bis Karl in seinem letzten Regierungsjahrzehnt von der weitaus überwiegenden Mehrheit der Deutschen, vor allem von den Evangeli­schen, gehaßt und von den Katholiken höchstens geachtet wurde<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote41sym" name="sdendnote41anc">41</a></sup>. Zugleich offenbarte Karls Scheitern in Deutschland, daß es ihm im Heiligen Römischen Reich nicht gelungen war, kaiserlich-deutsches und könig­lich-kastilisches Herkommen in eine übergreifende Herrschaftsauffassung zu integrieren<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote42sym" name="sdendnote42anc">42</a></sup>. Die Mentalitäten waren zu wesensverschieden, ließen eine gemeinsame Einheit schon deshalb nicht zu. Was aber im habsbur­gi­schen Reich nicht zu verwirklichen war, hätte sich auf europäischer Ebene als ein chancenloses Un­terfan­gen erwiesen. Man bedenke nur, daß die antihabsburgische Politik der französischen Könige Franz I. und Heinrich II. von ihren Untertanen fast einhellig mitgetragen wurde sowohl in den Monaten höchster Gefahr für die Un­versehrtheit der Monar­chie (1525/26) als auch beim ersten Waffengang unter dem neuen Herrscher. Eu­ropa war im Bannkreis aufsteigender Nationalstaaten gedanklich-geistig noch nicht für eine Union zu ge­win­nen.</p>
<p align="JUSTIFY">Im Zentrum der Thesen, die Karl V. als Ahnherrn beschwören, steht dessen übergreifende ideologisch-politi­sche Herr­schaftskonzeption &#8211; die universale Idee. Welcher Gehalt eignete ihr und ist diese heute als Leitbild für die Einheit Europas nutzbringend zu befragen? Eine Ant­wort auf diese Frage setzt voraus, daß der politische Leit­begriff der frühen Neuzeit, die Kate­gorie <i>Monarchia Universalis</i>, geklärt ist. Dieser Aufgabe hat sich Franz Bosbach gewidmet. Seine Aussage lautet: &#8222;Die Universalmonarchie in der Zeit Karls V. war für ihre Befürwor­ter wie für ihre Gegner eine theoretische Konzeption von Herrschaft, die in Überordnung über alle Herrscher allgemein in­teressierende und über den einzelnen Herrschaftsbereich hinaus­reichende Aufgaben erfüllte. Diese Aufgaben wurden mit denen des Kaisers der Christenheit identifiziert, die Universalmonarchie war hierin zu­nächst ganz an die Person der Kaisers gebunden.&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote43sym" name="sdendnote43anc">43</a></sup></p>
<p align="JUSTIFY">Wie dieses Konzept von Karl V. wahrgenommen und von welcher herrschaftsleitenden Idee sein Handeln und Wirken bestimmt wurde, ist ein Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Kontroversen. Die einschlägigen Aussagen zum Problemfeld von Staatsauffassung und Reichs­vorstellung lassen sich unter dem Begriff &#8218;Herrschafts-&#8218; oder geläufiger &#8218;Kaiseridee&#8216; auf einen Nenner bringen. Die &#8218;modernen&#8216; Erörterungen begannen im dritten und vierten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts unter vor­nehmlich gei­stesgeschichtlichem Er­klärungsansatz &#8211; eine Dis­kussion, die andauert und bis heute nicht abgeschlossen ist<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote44sym" name="sdendnote44anc">44</a></sup>. Wortführer in einer grundlegenden Phase waren Karl Brandi (1868-1946), Peter Rassow und Ramón Menéndez Pidal (1869-1968); Hu­go Hantsch (1895-1972) kann außerdem dieser Gruppe zugeordnet werden. Ihre unterschied­lichen Thesen unter­streichen zugleich das Analyseergebnis von Heinrich Lutz (1922-1986), daß zwei historiographi­sche In­terpre­tationslini­en zur Geschichte des Kaiser vorliegen, eine mit­teleuropäische und eine südeuropäi­sche<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote45sym" name="sdendnote45anc">45</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Unter südeuropäischem Aspekt hat sich vor allem Menéndez Pidal mit der Kaiseridee Karls V. befaßt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote46sym" name="sdendnote46anc">46</a></sup>. Ge­mäß sei­ner Deutung wurzelten Karls Verständnis und Vorstellungen vom Kaiser­tum in der kastilisch-spani­schen Überlieferung einer originären &#8218;Idea imperial&#8216;, waren bestimmt durch das Vorbild seiner spanischen Großel­tern, des Katholischen Königspaars Ferdinand und Isabella, und wurden umgesetzt in eine Politik, die ausge­richtet war vor allem auf Italien und Nordafrika, folgend der aragonesischen Überlieferung des Großva­ters<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote47sym" name="sdendnote47anc">47</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Zuvor hatte Brandi im Rahmen eines mitteleuropäischen, universal ausgerichteten Interpretati­onsansatzes die politischen Leitvorstellun­gen Karls V. aus dem dynastischen Gedanken resul­tieren sehen, &#8222;der in ihm stärker als irgendwo in der Welt­geschichte lebendig und wirksam ge­worden ist, ihm selbst als Mensch und Herrscher die tiefsten sittlichen An­triebe gab&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote48sym" name="sdendnote48anc">48</a></sup>. Der Kaiser habe &#8222;aus der Summe der von ihm ererbten Herrschaftstitel einen neuen europäi­schen und in gewissem Sinne überseeischen Imperialismus, ein Welreich (gebildet), das zum ersten Male nicht auf Erobe­rung, noch weniger auf einer zusammenhängenden Ländermasse aufge­baut war, sondern auf der dy­nastischen Idee und der Einheit des Glaubens&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote49sym" name="sdendnote49anc">49</a></sup>. Er führte &#8222;seine Reiche aus den veral­teten Staatsformen des aufgelösten Ritter- und Städtestaates (sic!) mit ih­ren Privilegien, lokalen Fehden und Macht­verschiebungen zu einer höheren Stufe der Staats­idee&#8230; Die letzte Wirkung der dynastischen Welt­machtspolitik Karls lag deshalb über­raschend genug doch wieder in der Richtung der beherrschenden Idee des Jahrhunderts aufsteigender moderner europäi­scher Staaten&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote50sym" name="sdendnote50anc">50</a></sup>. Verbunden habe sich dieser auf die habsburgi­sche Dynastie ausgerichtete Leitgedanke mit universalistisch-römischen Herrschaftsvorstellungen. In Brandi sieht Alfred Kohler den &#8222;Vertreter einer dynastisch gebundenen und insofern statischen Kon­zeption&#8220;, der Karls Herrschaftsauffassung &#8222;im Sinne einer harmonisierenden dynastisch &#8211; eu­ropäischen Sichtweise&#8220; gedeutet und dabei die dynastische Idee überschätzt hat<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote51sym" name="sdendnote51anc">51</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Eingebunden in diese dynastische Reichsidee ist der Kaiser &#8211; gemäß Brandi &#8211; in seinem Han­deln und Wirken letztlich nicht dem radikalen, in ghibellinischer Gedankenwelt wurzelndem, römisch-rechtlichem Denken ver­pflichteten antifran­zösischen Weltreichskonzept Gattinaras von einem &#8218;Dominium mundi&#8216; gefolgt, das sich nach Lutz in der einfa­chen Formulierung fassen läßt, &#8222;Karl ist zur Weltherrschaft berufen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote52sym" name="sdendnote52anc">52</a></sup>. Gattinara begriff also anders als sein Fürst das Kaisertum &#8222;als Anspruchstitel und als Mittel für Karl V. zum Erreichen der uni­versalen Herr­schafts­position&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote53sym" name="sdendnote53anc">53</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Rassow hat als Leitbild der Politik Karls V. die These von einer Kaiseridee vertreten, die zu verstehen ist als die Vorstellung von einem sakralen Kaisertum in mittelalterlichem Verständnis zur Wahrnahme der Führungs­aufgabe in der Christenheit. Karls Kaiser- und Reichsidee, höher bewertet als der dynastische Faktor gemäß Brandi, kam die Funktion einer Klammer zu für &#8222;das <i>Reich</i> Karls V.&#8220; als &#8222;das im Erbgang ihm zugefallene Kong­lomerat von Staaten und Herr­schaften in Burgund und Spanien und in Österreich, hinübergreifend nach Itali­en, Afrika und den neuen Reichen jenseits der Ozeans. Die <i>Reichsidee</i> aber war die mittelalterliche Idee des Kaisertums, die dem Papsttum zugeordnete Führungsaufgabe in der Christenheit&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote54sym" name="sdendnote54anc">54</a></sup>. Ihre Auf­gabe lautete: &#8222;Friede und Einheit in der Christenheit, Sicherung der Christenheit ge­gen Feinde im Innern, gegen die Ketze­rei, und gegen die Feinde nach außen, gegen die Ungläubigen, das türki­sche Reich&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote55sym" name="sdendnote55anc">55</a></sup>. Diese Kaiseridee war schon in seinen frühen Jahren &#8222;das Leitbild seines Handelns&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote56sym" name="sdendnote56anc">56</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Interpretationen von Menéndez Pidal, Brandi und Rassow hat Lutz als eine &#8222;Verklärung und Überhöhung von Karls Politik&#8220; bezeichnet<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote57sym" name="sdendnote57anc">57</a></sup>, die auch manchem anderen Beitrag zum Ge­denkjahr 1958 eigne. In einer Zu­sammenstellung derartiger Veröffentlichungen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote58sym" name="sdendnote58anc">58</a></sup> findet sich allerdings nicht Hantsch angeführt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote59sym" name="sdendnote59anc">59</a></sup>. In dessen Wiener Festvortrag<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote60sym" name="sdendnote60anc">60</a></sup> &#8222;Die Kaiseridee Karls V.&#8220; von 1958 schrieb Hantsch Karl eine Auffassung vom Kaiser­tum zu, die ihn weit über Gat­tinaras machtpoliti­sche Gedanken erhoben habe. Macht sei vom Kaiser begriffen worden als &#8222;Auftrag im Dienste Gottes, zur hö­heren Ehre Gottes&#8220;, sich selbst verstehend als &#8222;Erhalter ei­ner gottgewollten Ordnung und Einheit&#8220;. Durchdrun­gen vom &#8222;Bewußtsein von der heiligen Würde des Kaiser­tums&#8220;, erhob es sich &#8222;über die Grenzen von Ländern und Völkern&#8220; im Dien­ste des christlichen Abendlandes. Alle Vorbilder und Lehren, denen Historiker mehr oder min­der großen Einfluß auf seine Auffassung vom Kai­sertum zugeschrieben haben, seien nicht &#8222;so tief in seine Seele (eingedrungen) wie die Stimme Gottes, die ihm den Weg vorzeichnet&#8220;. Diese Kaiseridee &#8222;reicht ins Me­taphysische und abstrahiert vielfach von der Relativität konkreter Erscheinungen&#8220;. War eine noch stärkere &#8218;Verklärung und Überhöhung&#8216; im Kontext des Den­kens in Abendland-Visionen möglich?</p>
<p align="JUSTIFY">Zu den weiteren Historikern &#8211; und nur eine Auswahl an Autoren kann hier kurz vorgestellt werden -, die Karls Leitvorstellungen auf den Begriff zu bringen bemüht waren, zählt Erich Hassinger mit seiner These, daß der Herrscher &#8222;sein <i>Kaisertum </i>als <i>universale christliche Mis­sion </i>verstand&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote61sym" name="sdendnote61anc">61</a></sup>. Für Hans-Joachim König war die Grundidee, die Karls Handeln prägte, die Vorstellung von der &#8222;politischen und kirchlichen Einheit der Chri­stenheit, deren Ausdruck das Imperium Romanum war&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote62sym" name="sdendnote62anc">62</a></sup>. Hartmut Lehmann analysierte die kaiserliche Po­litik unter der Fragestellung, ob anstelle von universalem Kaisertum oder dynasti­scher Weltmacht von einem Imperialismus Karls zu sprechen wäre<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote63sym" name="sdendnote63anc">63</a></sup> &#8211; ein Ansatz, der nicht zutreffe. Schon 1966 hatte jedoch Fernand Braudel davor gewarnt, den Kaiser in ein Konzept zu sperren, auf das er ein für allemal festgelegt gewesen sei, wie denn überhaupt die &#8222;Kontroverse &#8230;, wie nun die impe­rialen Pläne Karls V. mit letzter Genauigkeit zu de­finieren seien, &#8230; etwas Vergebliches&#8220; ha­be<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote64sym" name="sdendnote64anc">64</a></sup>. Tatsächlich ist nicht immer ausreichend reflektiert worden, daß zwischen Kaiseridee und politischer Praxis zu unterscheiden ist. Jüngst sprach Ferdinand Seibt vom Kaisertum als ei­nem &#8222;Ordnungsbild niemals genau definierter kaiserlicher Schutzherr­schaft über die Christen­heit&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote65sym" name="sdendnote65anc">65</a></sup>. Weltherrschaft sei &#8222;zuallererst ein Ordnungsproblem&#8220; gewesen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote66sym" name="sdendnote66anc">66</a></sup>. Die Kaiseridee sei kein &#8222;abstraktes Gedan­kenwerk, sondern seine eigene und natürlich im Laufe seines Lebens auch veränderte Selbstdarstellung&#8220; gewe­sen, &#8222;orientiert an seinem Ritterideal und dort auch bis zuletzt festgehalten&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote67sym" name="sdendnote67anc">67</a></sup> Seiner Auf­fassung gemäß ist &#8218;Weltmonarchie&#8216; &#8222;nicht dem Mittelalter, sondern besonderen Umständen zuzuord­nen, und Karls Weltmonar­chie war, nach der Land­karte, nach seinem Wahlspruch, nach Wappen und Symbo­len &#8230; aus seinem eigenen herrscher­lichen Hochgefühl erwachsen. Herrschertitel und Hofallegorie kamen ihm dabei zu Hilfe. Aber der kaiserliche &#8218;Herkules&#8216; tritt nicht auf als Heilsbringer in einer &#8218;mittelalterlichen&#8216; Wel­tenallego­rie&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote68sym" name="sdendnote68anc">68</a></sup>. Auch habe sich der Kaiser nicht zu Gattinaras Ansicht geäußert, Karl sei zur Weltmon­archie berufen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote69sym" name="sdendnote69anc">69</a></sup>. Dennoch um­spannte sein Kaiserbegriff die &#8222;ganze Welt&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote70sym" name="sdendnote70anc">70</a></sup>, sein Kaisertum war gekennzeichnet durch eine &#8222;personalisierte Herrschaftsauffassung&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote71sym" name="sdendnote71anc">71</a></sup>. Nach Seibt habe Karl am Ende seines Lebens den &#8222;Aberwitz der Universalmonar­chie&#8220; durchschaut und daher abge­dankt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote72sym" name="sdendnote72anc">72</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Eine neue Stufe der Diskussion im Sinne einer übergreifenden Betrachtungsweise betreten hatte zuvor Lutz. Für &#8222;ausgedient&#8220; bewertete er die bislang gängige &#8222;schlichte&#8220; Gegenüber­stel­lung von Karls mittelalterlich ge­präg­tem Universalismus und modernem Natio­nalstaat<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote73sym" name="sdendnote73anc">73</a></sup>. Schon 1964 hatte er zu erörtern angeregt, ob die hi­storiographisch vorherrschende Gegenüber­stellung vom &#8218;mittelalterlichem Kaisertum&#8216; in der Person Karls V. und modernem Nationalstaat in der Form Frankreichs beibehalten werden könne<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote74sym" name="sdendnote74anc">74</a></sup>. Begegnet wären sich viel­mehr zwei poli­tische Syste­me mit einer Reihe von gemeinsamen strukturellen Voraussetzun­gen, in denen sich jeweils Altes und Neues vermischt hatten: &#8222;mittelalterliches Erbe an Eigen­staatlichkeit und neuerwachter Uni­versalismus&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote75sym" name="sdendnote75anc">75</a></sup>. Mit einem überzeugenden neuen Interpre­tationsmuster im Verständnis von einer &#8222;moderni-sierenden Dynamik des habsburgisch-franzö­sischen Konflikts&#8220; die Problematik von Kaiseridee und Universal­monar­chie Karls V. auf einer anderen als der bis­herigen Diskussionsebene aufzuarbeiten, war Lutz nicht ver­gönnt<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote76sym" name="sdendnote76anc">76</a></sup>. Seinem angerissenen In­terpretationsmuster zufolge müßte &#8222;nicht nur die relative Vergleichbarkeit der beiden Konflikt­partner deutlich&#8220; herausgearbeitet, &#8222;sondern auch die jeweils spezifi­sche Mi­schung traditionel­ler und mo­derner Elemente im Selbstverständnis und im politischen System der bei­den Seiten und das allge­meine Voran­getriebenwerden der politischen &#8218;Modernisierung&#8216; Europas durch den Dauerkonflikt&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote77sym" name="sdendnote77anc">77</a></sup> analysiert und historisch erklärt werden. Den Ansatzpunkt hierzu sah Lutz in dem besonderen, bei Brandi bereits vorge­gebenen Bezug zwischen &#8218;Person und Sache&#8216;. Die Frage nach der Kaiseridee ordnete er somit ein in die über­grei­fende Problema­tik einer Typo­lo­gie des Herrschaftssystems Karls V. zwischen Mittelalter und Neuzeit<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote78sym" name="sdendnote78anc">78</a></sup>. In Gattinaras uni­versalem Pro­gramm analysierte Lutz nicht irgendeine Neuformierung mit­telalter­li­chen Gedan­ken­gutes, sondern &#8222;ein neuarti­ges rationales Einheitsprogramm&#8220;, das &#8222;den absolu­ten Welt­herr­schaftsanspruch des Kaisers dem spätmittelal­terlichen Staatenpluralismus&#8220; entge­gensetzte<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote79sym" name="sdendnote79anc">79</a></sup>. Karl V. hat selbst den Weg zur <i>Monarchia Universalis </i>einge­schlagen, ist aber bei seinem Be­schreiten gescheitert.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Lehre von der <i>Monarchia Universalis </i>war zu Lebzeiten Karls V. lebendige Theorie, be­stimmt vor allem in Rezeption und Weiterführung von mittelalterlichen Denktraditionen über die Universalmächte Papst und Kai­ser<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote80sym" name="sdendnote80anc">80</a></sup>. Sie beeinflußte das politische Denken und Handeln, hatte sie doch unter diesem Kaiser einen hohen Grad an Anschaulichkeit erfahren. Die Propa­ganda Karls V. verband die greifbar scheinende Universalmonarchie mit seinem konkreten Kai­sertum, erhöhte und vollendete es in dem Anspruch, über die rechtlich begründete, unmittel­bare Weisungsbefugnis gegenüber allen Fürsten zu verfügen und diese politisch mit Machtmit­teln durchsetzen zu dürfen. Als Konzeption blieb die überlieferte Lehre von der Universalmon­archie solange in der Vorstellungswelt der Zeitgenossen fest verwurzelt wie die Gesamtheit christlicher Herrschaften als ein Corpus gesehen wurde, dessen Häupter Papst und Kaiser wa­ren. Sie ist damit für die Gegenwart ebenso wenig instru­mentalisierbar wie eine dynastisch be­gründete oder eine sakral verwurzelte oder eine gottbezogen-metaphysisch verortbare univer­sale Ordnungsvorstellung für eine menschliche Gemeinschaft oder wie ein personalisiertes Herrschaftsverständnis.</p>
<p align="JUSTIFY">III.</p>
<p align="JUSTIFY">Einheit in einem Glauben und in einer Kirche erschienen auch im 20. Jahrhundert Lewis und Terlinden<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote81sym" name="sdendnote81anc">81</a></sup> als zentrale Voraussetzungen für eine politi­sche Einheit Europas. Lewis hatte die Idee einer Rückkehr aller Euro­päer zur Christenheit des römisch-ka­tholischen Bekenntnisses als Voraussetzung für die Einigung Europas propagiert und im Vorkämpfer für die sakral be­gründete Einheitsidee, in Karl V., ein Leitbild für den Pro­tagonisten einer europäischen Eini­gung in seiner Gegenwart angeboten. Seiner These hatte Rassow entgegnet: &#8222;Wir &#8230; müssen als Historiker sagen: Wenn es diese &#8218;Christenheit&#8216;, die es zu Karls Zeiten noch gab, heute nicht mehr gibt, wem ist dann damit gedient, Karl V. zur Symbol-Figur der heutigen für uns so drin­gend notwendi­gen Europa-Bestrebungen zu machen? Ein säkulari­sierter Karl ist eben kein hi­storischer Karl mehr. E i n e Erwägung sollte die Verbreiter solcher histo­rischer Nebelbilder von dieser irreführenden Analogie abschrecken: Karl ist nun doch mit seiner Politik, die die Chri­stenheit umfaßte, gescheitert! Wer will eine ge­scheiterte Persönlichkeit als ideellen Führer anerkennen?&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote82sym" name="sdendnote82anc">82</a></sup> Aber gab es, so ist &#8211; Rassow ergänzend &#8211; zu fra­gen, zu Karls Lebzeiten über­haupt noch die <i>eine</i> Christenheit? Sie, die sich gerade während der Herrschafts­zeit des Kai­sers gespalten hatte, wiederzuvereinigen, war doch ei­nes seiner zentralen Ziele gewesen &#8211; eine Auf­gabe, die er ebenso wenig hatte bewältigen können wie seinen Ver­such, die europäische Staatengemeinschaft seiner Zeit in einem universalen Herrschaftssystem unter seiner Führung zusammenzuschließen. Eu­ropa im 20. Jahrhundert auf der christlichen Grundlage eines Glau­bens zu vereinigen, war schon um 1930 eine Utopie an­gesichts europäischer Gesellschaften, die zwar in großen Teilen noch von christlicher Vorstellungs- und Wer­tewelt geprägt waren, aber in ihren Entscheidungen grundsätzlich nach anderen Kategorien handel­ten. Es gab nicht mehr jene christlich bestimmte Le­benswelt, in der Karl V. tätig geworden war.</p>
<p align="JUSTIFY">Die Einheit im Glauben als Leitgedanken für die Europäische Union einzubringen war und bleibt ein wirklich­keitsfremder Vorschlag. Karl V. ist aber nicht nur im Versuch, die Einheit der Christenheit wiederherzustellen, gescheitert, sondern hat auch keine Konzeption hinterlas­sen, die für die gegenwärtige Einigung Europas Anre­gungen birgt. Die Biographie von Schwarzenfeld hatte über den Buchtitel in dem ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwar die teilweise enthusiastische Hoffnung vieler Deutscher auf ein vereintes Eu­ropa und ihre Suche nach historischen Leitbildern reflektiert, jedoch hatte sich die Autorin nicht dazu ver­stiegen, eine solche Funktion Karl V. unmittelbar zuzuschreiben. Die Erinnerung an den Kaiser des 16. Jahr­hunderts beschwor nur eine bedeutende Persönlichkeit der Vergan­genheit, um ihren Lesern Hoffnung und Mut zu vermitteln für eine zukunftsorientierte Bewäl­tigung der Gegenwart unter einer politischen Perspektive, die sich für Europa schon einmal er­öffnet zu haben schien &#8211; ein historisch noch legitimes Verfahren. Daß hierbei Europa mit dem &#8218;Abendland&#8216; gleichgesetzt wurde, ergab sich für sie und andere, vor allem konservativ geprägte Autoren aus ihrer Einbindung in die Periode des <i>kalten Krieges</i> und deren Nachwirkung. Wenn jedoch Terlin­den seinem &#8222;gebildeten Publikum&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote83sym" name="sdendnote83anc">83</a></sup> die Herrschaftszeit Karls V. als &#8222;eine der glorreichsten Re­gierungen der Geschichte&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote84sym" name="sdendnote84anc">84</a></sup> offeriert, deren politisches Ziel &#8222;die Schaffung ei­nes geeinten Europa&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote85sym" name="sdendnote85anc">85</a></sup> war, dem Kaiser ein Handeln &#8222;getreu seiner europäischen Konzep­tion&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote86sym" name="sdendnote86anc">86</a></sup> zuschreibt und von einem &#8222;Programm der Eini­gung Euro­pas&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote87sym" name="sdendnote87anc">87</a></sup> spricht, geht er über Aussagen hinaus, die sich als historisch legitim bewerten lassen, sondern nur noch als zeitge­bunden erklärt werden können; zugleich bleibt Terlinden seinen Lesern die inhaltlich konkrete Be­schreibung oder gar Analyse eines derartigen Entwurfes schuldig &#8211; es sei denn, man sieht sie in dem ein einzi­ges Mal eingebrachten Begriff &#8218;Bündnis&#8216;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote88sym" name="sdendnote88anc">88</a></sup>. Ei­ne geschichtswissenschaftlich of­fene Frage ist es, ob es zum Er­reichen einer Univer­sal­monar­chie überhaupt ei­nen &#8222;Großen Plan&#8220; gab<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote89sym" name="sdendnote89anc">89</a></sup>. Wenig deutet auf die Annahme hin, das er entwickelt worden ist. Eine Universal­monarchie ließ sich anstreben, ohne daß ihre Gestaltung zuvor projektiert worden war. Karl V. und seinen Be­ratern ging es gegebenenfalls um die <i>Monarchia Universalis </i>in Form von Vor­herrschaft des Kaisers in Europa, nicht um einen Zusammenschluß gleichberechtigter europäi­scher Staaten durch &#8222;Bildung einer europäischen Union&#8220;. Der Traum Karls<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote90sym" name="sdendnote90anc">90</a></sup><i> </i>enthüllt sich als ein Traum Ter­lindens<i>.</i></p>
<p align="JUSTIFY">Die Analyse der strukturellen und mentalen Voraussetzungen im 16. Jahrhundert sowie beson­ders der Kaiser­idee hat ergeben, daß der Karl V. zugeschriebene Plan einer Einigung Europas in Form eines freiwillligen Zu­sammenschlusses der Staaten zu einer Gemeinschaft außerhalb der politischen Möglichkeiten und Intentionen des 16. Jahrhun­derts lag. Diese Erkenntnis wirft die Frage auf, wie und warum Terlinden zu derartigen Thesen gelangen konn­te. Um sie zu be­antworten, ist von seinem leitenden Erkenntnisinteresse auszugehen. Eigener Bekundung ge­mäß, wollte er Karl V. endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote91sym" name="sdendnote91anc">91</a></sup> und offenbar zugleich den Wurzeln des euro­päischen Einigungsstrebens nachspüren. Diese Aufgabenstellung ist ge­schichtswissenschaft­lich legitim. Ange­gangen ist er sie unter den Bedingungen seiner Soziali­sation und Lebensgestaltung als über­zeugter Europäer belgischer Nationalität, als Persönlich­keit, die im Bannkreis des Hauses Habsburg stand<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote92sym" name="sdendnote92anc">92</a></sup> und als ein Mensch, der offensichtlich dem römisch-katholischen Bekenntnis fest verbunden war<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote93sym" name="sdendnote93anc">93</a></sup>.</p>
<p align="JUSTIFY">Vorgelegt hat Terlinden eine Biographie, die Liebe zum Detail verrät &#8211; ein kaiserliches Leben dargestellt in der bunten Vielfalt interessanter Einzelheiten, beschreibend und deutend unter dem Aspekt eines Belgiers, der stolz ist auf das Landeskind Karl und der in den burgundischen Besitzungen jenes Kaisers &#8222;eines der ersten Länder der Welt (sieht), das durch seine geogra­phische Lage befähigt war, eine besondere Rolle in einem geeinten Eu­ropa zu spielen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote94sym" name="sdendnote94anc">94</a></sup>. Mit heißer, von Liebe zur Sache zeugender, aber oft zu flüchtig genutzter Feder<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote95sym" name="sdendnote95anc">95</a></sup> abgefaßt, stili­siert Terlinden seinen Landsmann zu einem europäischen Helden, dessen politischem Wollen legenden­haf­te Züge eignen. Karl V. wird von ihm stärker als bei den anderen Autoren verklärt und überhöht gezeichnet. Bewußt sagenhafte Geschichte erzählen zu wollen, dürfte Terlinden ferngelegen haben, aber auch unbeabsich­tigter &#8222;historischer Legendenbildung ist &#8230; mit Ent­schiedenheit zu widerstehen&#8220;<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote96sym" name="sdendnote96anc">96</a></sup>. Legenden bergen zwar kaum Gefahren für den historisch Ver­sierten, wird er sich doch mit ihnen kritisch auseinandersetzen. Andere Leser können jedoch der Faszination der interessant abgefaßten Lebensbeschreibung erliegen und durch sie ein Bild von einer vergangenen historischen Wirklichkeit rezipieren, das traditionsbildend wirkt, weil es schein­bare Bezüge zur Gegenwart enthält. Legenden sind meist die Grundlage von Tradition; zwischen Tradition und Legende besteht aber nicht nur ein Wechselverhältnis, sondern Legen­denbildung ist eine Voraussetzung der Indienstnahme der Tradition für ideologische Zwecke. Der Gefahr, eine derartige Legen­de zu schaffen, ist Ter­linden in­folge seines Engagements für Europa und ein belgisches Landeskind erlegen. Ziel­setzung, Gestaltung und In­halt lassen fol­gern, daß er ebenso wie diejenigen, die die Münzbilder zu verantwor­ten haben, sich über seinen Helden nicht nur zur werdenden europäischen Ge­meinschaft bekennen, sondern auch auf deren Wurzeln ver­weisen wollte. In dieser Absicht haben sie die Erkenntnisgrenzen der Ge­schichts­wissenschaft aus dem Blick­feld verloren, sind zu Aussagen gelangt, auf denen eine problemati­sche Tradition vom Leitbild bis zur Ahnherrschaft aufbauen kann.</p>
<p align="JUSTIFY">Tradition bildet über kurz oder lang jede menschliche Vereinigung, und auch der Historiker steht bewußt oder unreflektiert in Traditionen. Über Tradition selbst ist nicht zu streiten, je­doch über ihre Inhalte können die Meinungen erheblich aufeinanderprallen. Niemand kann der Europäischen Union oder den aktiven Verfechtern der europäischen Einigungsbewegung ver­übeln, wenn sie sich traditionell auf Vorläufer besinnen. Es geht nicht um den Inhalt der Tradi­tion, sondern um ihr Verhältnis zur Geschichte. Dieser Sachverhalt sei auf eine kurze, aber harte Formel gebracht: Tradition heißt Manipulieren der Vergangenheit, dazu aber darf sich die Historie nicht einspannen lassen. Nichts gegen Manipulation, denn sie kann einem guten Zweck dienen. Vielleicht braucht eine Gemein­schaft ihre Helden. Nur sollte der Historiker sie nicht aussuchen, denn bei derartigen Überlegungen wird eine Tatsache leicht übersehen: Tradition ist Gegenwart. Die Menschen leben heute in der Tradition und suchen das Neue durch Rückgriffe auf die Vergangenheit zu bestätigen. Dabei ist es durchaus möglich, einerseits heutige Leitge­dan­ken oder auch andererseits gegenwärtig fragwürdig erscheinende Ideolo­gien mit ähnlichen oder gleichen einstmals tragfä­higen zu legitimieren<sup><a class="sdendnoteanc" href="http://www.comunicarte.de/RainerWohlfeil/RWTexte/svz78.html#sdendnote97sym" name="sdendnote97anc">97</a></sup>. Ebenso kann etwas Antiquiertes heute durchaus opportun erscheinen. Wie dem auch sei &#8211; es ist das Heute.</p>
<p>Der Historiker sollte &#8211; nach meinem Verständnis von geschichtswissenschaftlicher Arbeit &#8211; kei­nem Menschen, der in einer vergangenen historischen Wirklichkeit gelebt hat, dadurch histori­sche &#8218;Gerechtigkeit&#8216; widerfahren lassen wollen, daß er ihn für seine Gegenwart instrumentali­siert, und sei dieses auch im Sinne eines positiv be­setzten Leitbildes. Zurückhaltung ist unab­hängig davon geboten, ob sich jene Persönlichkeit ihrem Wesen und historischen Wirken nach für eine derartige Funktionszuweisung überhaupt eignet. Der Historiker bleibt der Vergangen­heit verpflichtet, er hat aus der kühlen Distanz des Wissenschaftlers zu recht­fertigen oder zu kriti­sieren, aber er hat sie nicht der Gegenwart unmittelbar dienstbar zu machen. Es ist hier nicht der Platz, sich über den Nutzen der Historie zu äußern. In bezug auf die Tradition läßt sich jedoch &#8211; wenn auch etwas pontiert &#8211; behaupten, es ist die Aufgabe des Historikers, ihr dauernd zu widersprechen. Bei einer Zusammenarbeit von Geschichtswissenschaft und Tradi­tion wird die Tradition nur ihrer ehrlichen Naivität be­raubt, die Historie da­gegen pervertiert.</p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es//RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz78-RainerWohlfeil-KarlV-AhnherrEuropa.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen  &gt;&gt;  vollständiger Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab  &gt;&gt;]</a></p>
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		<title>Entfremdung und Annäherung. Krise und Krisenbewältigung im Zeitalter von Reformation und Bauernkrieg, gespiegelt in Stationen deutsch-deutscher Diskussionen zur Deutung deutscher Geschichte des 16. Jahrhunderts.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Wohlfeil]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Mar 2017 15:35:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bauernkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil<br>Entfremdung und Annäherung.  Krise und Krisenbewältigung im Zeitalter von Reformation und Bauernkrieg, gespiegelt in Stationen deutsch-deutscher Diskussionen zur Deutung deutscher Geschichte des 16. Jahrhunderts.   <br><br>Stationen deutsch-deutscher Diskussionen im Bereich der Geschichtswissenschaft hat 1989 Winfried Schulze dargestellt. Seine zentrale Fragestellung bedingte eine Beschränkung auf das Wesentliche und läßt die Ent­wicklung seit der Gründung der ‚Deutschen Historiker-Gesellschaft‘ in der DDR nach 1958 mit der Entfrem­dung und nachfolgenden Abschottung seitens der DDR-Geschichtswissenschaft ausklingen. Daß es aber in den Jahren zwischen den Historikertagen zu Bremen (1953) und Trier (1958) mehr Bereit­schaft gegeben hat, der Entfremdung durch deutsch-deut­sche Historikergespräche zu begegnen [ … ]<p> <a class="continue-reading-link" href="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/entfremdung-und-annaeherung/"><span>Weiterlesen &#62;&#62;</span><i class="crycon-right-dir"></i></a> </p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz72krisenbewustsein-und-krisenbewaltigung-in-der-fruhen-neuzeit-crisis-in-early-modern-europe.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-1755" title="Krisenbewusstsein und Krisenbewältigung in der frühen Neuzeit-Crisis in Early Modern Europe" src="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz72krisenbewustsein-und-krisenbewaltigung-in-der-fruhen-neuzeit-crisis-in-early-modern-europe.jpg" alt="svz72: Krisenbewusstsein und Krisenbewältigung in der frühen Neuzeit-Crisis in Early Modern Europe" width="272" height="386" srcset="https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz72krisenbewustsein-und-krisenbewaltigung-in-der-fruhen-neuzeit-crisis-in-early-modern-europe.jpg 739w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz72krisenbewustsein-und-krisenbewaltigung-in-der-fruhen-neuzeit-crisis-in-early-modern-europe-141x200.jpg 141w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz72krisenbewustsein-und-krisenbewaltigung-in-der-fruhen-neuzeit-crisis-in-early-modern-europe-721x1024.jpg 721w, https://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz72krisenbewustsein-und-krisenbewaltigung-in-der-fruhen-neuzeit-crisis-in-early-modern-europe-106x150.jpg 106w" sizes="auto, (max-width: 272px) 100vw, 272px" /></a>Prof. em. Dr. Rainer Wohlfeil:</p>
<h2 style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz72-RainerWohlfeil-EntfremdungAnnaeherung.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Entfremdung und Annäherung.  </a></h2>
<h3 style="text-align: center;"><strong>Krise und Krisenbewältigung im Zeitalter von Reformation und Bauernkrieg, gespiegelt in Stationen deutsch-deutscher Diskussionen<br />
zur Deutung deutscher Geschichte des 16. Jahrhunderts.<br />
</strong></h3>
<p>&nbsp;</p>
<p>Stationen deutsch-deutscher Diskussionen im Bereich der Geschichtswissenschaft hat 1989 Winfried Schulze dargestellt<a href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a>. Seine zentrale Fragestellung bedingte eine Beschränkung auf das Wesentliche und läßt die Ent­wicklung seit der Gründung der &#8218;Deutschen Historiker-Gesellschaft&#8216; in der DDR nach 1958 mit der Entfrem­dung und nachfolgenden Abschottung seitens der DDR-Geschichtswissenschaft ausklingen<a href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a>. Daß es aber in den Jahren zwischen den Historikertagen zu Bremen (1953) und Trier (1958) mehr Bereit­schaft gegeben hat, der Entfremdung durch deutsch-deut­sche Historikergespräche zu begegnen, als von Schulze aufgezeigt wird, soll im ersten Teil dieses Beitrages dem Vergessen entrissen werden<a href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a>; in einem zweiten wird ein Bemü­hen reflektiert, im Vorzeichen der Entfremdung zu einer Annäherung zu gelangen. Es war geprägt von dem Ver­such, auch in Zeiten gesellschaftlichen Widerspruchs im Westen und politi­scher Ab­schot­tung im Osten Deutschlands ge­schichtswissenschaftli­che Diskussionen zu führen. Sie wurden von westdeutscher Seite mit der unverzichtbaren wis­senschaftlichen Grundforderung nach Theorien- und Methodenplu­ra­lismus aufge­nommen, an der als Basis stets unab­ding­bar festgehalten worden ist, auf Seiten der marxistisch-leninistischen Ge­schichts­wis­sen­schaft im Verständnis von der Unvereinbarkeit des dialektisch-historischen Materialismus mit an­deren ge­schichtstheoretischen Ansätzen &#8211; ein Sachverhalt, dessen sich westdeutsche Historiker bewußt wa­ren<a href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a> . Gemeinsam war die Eingebundenheit der Historiker in die gesell­schaftli­chen Rahmenbedin­gungen ihrer Zeit, und zwar auch dann, wenn sie eine weit zurück­liegende soziale Wirklich­keit auf der Grundlage eines bewußt akzep­tierten oder sie unreflek­tiert bestim­menden theoreti­schen Geschichtsverständnisses zu interpretieren versuchten.</p>
<p>Der Ansatz, den histo­rischen Stellenwert von Reformation und Bau­ernkrieg über einen ge­schichts­theore­tisch im hi­sto­rischen Materialismus verorteten Entwurf in einer Theorie mit Verbindlich­keitscha­rakter neu zu bestim­men, der etwa um 1952 in der damaligen DDR einsetzte, hat mit der These von einer früh­bür­gerlichen Revolu­tion in Deutschland zum &#8222;Modellfall einer Forschungskontroverse&#8220;<a href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a> ge­führt, die nicht &#8218;zu den Akten gelegt&#8216; wer­den darf. Sie be­hält ihren Wert sowohl im Sinne eines &#8218;Lehrbeispiels&#8216; für For­men ge­schichtswissenschaftli­cher Diskussionen im Spannungsfeld der Kategorie &#8218;Theorien- und Metho­denplura­lismus&#8216; als auch im Verständnis eines weiterhin heraus­fordernden Erklä­rungsmodells. Dieses werde &#8211; so meine These von 1986/1990 &#8211; &#8222;weiterhin Gegenstand kritischer Diskussion und von &#8218;Fragen&#8216; bleiben, &#8218;die schon lange im Gespräch, aber durchaus nicht erledigt sind&#8216;<a href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a> &#8211; ein ge­schichtswissen­schaftlich legitimer und zugleich all­seitig erkenntnisfördernder Vorgang&#8220;<a href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a> und eine These, die weiterhin gilt.</p>
<p style="text-align: center;">I</p>
<p>Anfang Mai 1956 diskutierte in Berlin Hans Kallenbach, Studienleiter an der Evan­geli­schen Akademie in Hessen und Nassau, mit Professor Alfred Meusel, Historiker in Ost-Berlin<a href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a>, das Projekt der Tagung eines kleinen Kreises von Historikern, Philosophen und Theologen aus beiden deut­schen Staaten in der Akade­mie zu Arnoldshain<a href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a>. Die Anregung war aus der DDR erfolgt und an Kallen­bach während einer Tagung in seiner Akademie über Dr. John, einen Mitarbeiter des 1952 in Ost-Berlin neu gegründeten Verlages Rüt­ten &amp; Loening, herangetragen worden, der dann das Berliner Gespräch ver­mittelt hatte<a href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a>. Als Kolloqui­umsstoff hatte Kallenbach &#8218;Die Universitäten des 16. Jahrhunderts&#8216; vorge­schla­gen. Dieses Thema dürfte    [ &#8230; ]</p>
<p style="text-align: center;"><span id="more-1602"></span></p>
<p style="text-align: center;"><a href="http://reflejarte.es/RAINERWOHLFEIL/wp-content/uploads/2017/03/svz72-RainerWohlfeil-EntfremdungAnnaeherung.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">[Weiterlesen &gt;&gt; vollständiger Text mit Fußnoten im pdf-Format / neuer Tab &gt;&gt;]</a></p>
<hr />
<h6 style="text-align: center;"><span style="color: #234567;"><em>Bibliografische Angaben: <strong>svz 72</strong></em></span><br />
<span style="color: #234567;"><em>Rainer Wohlfeil: <strong>Entfremdung und Annäherung.</strong></em></span><br />
<strong><span style="color: #234567;"><em>Krise und Krisenbewältigung im Zeitalter von Reformation und Bauernkrieg, espiegelt in</em></span></strong><br />
<span style="color: #234567;"><em><strong>Stationen deutsch-deutscherDiskussionen zur Deutung deutscher Geschichte des 16. Jahrhunderts.</strong> </em></span><br />
<span style="color: #234567;"><em>in: Monika Hagenmaier (Hrsg.) &#8211; Sabine Holtzt (Hrsg.) </em></span><br />
<span style="color: #234567;"><em>Krisenbewußtsein und Krisenbewältigung in der Frühen Neuzeit – Crisis in Early Modern Europe.</em></span><br />
<span style="color: #234567;"><em>Festschrift für Hans-Christoph Rublack, Frankfurt am Main – Berlin – Bonn 1992, S. 331 – 350</em></span></h6>
<hr />
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